Im Vordersitz der schwarzen Limousine von Bildungssenatorin Sandra Scheeres klemmt ein Dutzend Tüten mit Hustenbonbons. Verschiedene Geschmacksrichtungen, alle mit demselben Slogan angepriesen: "Das Rundumwohlfühlbonbon. Gut für die Stimme. Gut für die Stimmung." Die Limousine rollt auf einen Hinterhof in Charlottenburg, ein Betonbau. Scheeres, knallroter Lippenstift, dunkelblaues Kleid, verlässt ihre Wohlfühlzone. Zwei rauchende Jugendliche mustern sie wortlos. "’n guten Morgen", sagt Scheeres.

Vor dem Eingang wartet der Leiter einer Einrichtung, in der junge Frauen, die die Schule abgebrochen haben, ihren Abschluss nachholen können. Scheeres will mit den Frauen über deren Probleme sprechen. Aber der Leiter der Einrichtung will auch mit der SPD-Frau reden. Über seine Probleme: fehlende Sozialpädagogen, fehlende Bildungsgutscheine, fehlendes Geld. Nach einer Stunde schafft Scheeres es aus dem kleinen Büroraum in das Zimmer der Frauen. "Wenn noch was ist", ruft sie ihm zu, "schreiben Sie mir!"

Würde sich die Popularität einer Politikerin an der Zahl der Briefe messen, die ihr Bürger und Angestellte mit Leidenschaft schreiben, wäre Sandra Scheeres eine beliebte Senatorin. Doch für Scheeres, 48, gilt das nicht.

"Sehr geehrte Frau Scheeres", schreiben Grundschullehrer, "so können wir nicht mehr arbeiten."

"Sehr geehrte Frau Scheeres", schreiben Gymnasiallehrer, "wir fühlen uns allein gelassen."

"Sehr geehrte Frau Scheeres", schreiben Quereinsteiger, "wir fühlen uns verheizt."

"Sehr geehrte Frau Scheeres", schreibt eine Schulleiterin, "ich gebe auf, ich kündige."

In Berlin ist die Stimmung so schlecht, da helfen schon lange keine Bonbons mehr. Laut einer Forsa-Umfrage vom September glaubt knapp jeder dritte Berliner, nicht die Wohnungsnot, nicht die Flüchtlinge, nicht der BER seien das größte Problem der Stadt, sondern die Schulen. Unter den 18- bis 29-jährigen Berlinern sind neun von zehn überzeugt, dass die Schulen nirgendwo so schlecht sind wie in der Hauptstadt. Die Hälfte der Befragten traut keiner Partei mehr zu, die Schulprobleme in der Stadt zu lösen.

Da sind die maroden Zustände vieler Schulen und das Chaos auf den Ämtern. In Berlin-Mitte wussten Eltern angehender Erstklässler bis kurz vor den Ferien nicht, auf welche Schule ihr Kind ab August gehen soll, weil die Einschulungsakten im Schulamt verschimmelt waren. Kürzlich stürzte ein Fenster auf einen stellvertretenden Schulleiter einer Grundschule, als der versucht hatte zu lüften. Er wurde schwer verletzt und musste ärztlich behandelt werden.

Da ist die Gewalt auf den Pausenhöfen, da sind Schulen, die immer öfter Wachdienste einstellen.

Da ist der wachsende Judenhass in Klassenzimmern, da sind Schüler, die sagen: "Hitler war ein guter Mann."

Und vor allem sind da viel zu wenig Lehrer.

Von den 2700 Lehrkräften, die Berlin zum neuen Schuljahr eingestellt hat, haben zwei Drittel keine pädagogische Ausbildung. 915 von ihnen haben nicht einmal ein Schulfach studiert. An den Grundschulen ist die Krise besonders groß: Nur jede achte Stelle konnte mit einem Lehrer besetzt werden, der dazu ausgebildet wurde, Kindern das Alphabet beizubringen.

Die Probleme gibt es auch anderswo: Zu Beginn des neuen Schuljahres fehlten bundesweit 40.000 Lehrer. Laut dem Deutschen Lehrerverband wurden 30.000 Stellen mit Bewerbern besetzt, die keine pädagogische Ausbildung haben. 10.000 Stellen blieben unbesetzt. Der Fraktionsvorsitzende der Union, Volker Kauder, warnte daraufhin öffentlich vor einem "Bildungsnotstand".

Was in Deutschland nur droht, müsste in Berlin schon lange ausgerufen sein.