Ganz am Ende, als jegliche Hoffnung erloschen ist, sitzt Michaela Ferling am Bett ihres Großvaters in einem Klinikum im Münchner Süden, sie streicht ihm über den Kopf, sie überlegt ein letztes Mal, ob die Entscheidung, die sie getroffen hat, die richtige ist. Von seinem Körper führen Kabel zu Monitoren, sein Brustkorb hebt und senkt sich langsam. Seine Augen sind geschlossen. Dann geht Ferling zur Ärztin. "Wir sind jetzt so weit", sagt sie.

Es ist der 1. März 2018, zwei Tage nachdem ihr Großvater einen Schlaganfall erlitten hat und von morgens bis abends auf der Suche nach dem richtigen Bett quer durch die Stadt gefahren wurde, von Klinik zu Klinik. Zehn Stunden lang.

Die Ärztin entfernt den Beatmungsschlauch, sie schaltet die Maschinen ab. Ferling steht daneben. Sie will ein letztes Bild ihres Großvaters in ihrem Gedächtnis bewahren.

Um 11.48 Uhr, so vermerkt es die Ärztin, ist Albert Faltlhauser tot.

Ferling setzt sich ins Auto und fährt zu ihrer Großmutter. Sie weint, aber nicht nur aus Trauer. Da ist noch ein anderes Gefühl, das an ihr zerrt: Wut.

Zweieinhalb Monate später sitzt Michaela Ferling in ihrer Kanzlei, sie ist Anwältin für Vertriebsrecht. Eine kleine, resolute Frau, 45 Jahre alt, mit blondem, schulterlangem Haar. Sobald sie von ihrem Großvater erzählt, scheint es, als kämpfe sie mit den Tränen. Sie sagt: "Der Opa war ein alter Mann. Aber vielleicht hätte er nicht sterben müssen."

Dieses Vielleicht ist es, das sie quält.

Jedes Jahr erleiden in Deutschland 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Eigentlich gilt die Versorgung von Schlaganfallpatienten in Deutschland als exzellent. Doch Faltlhausers Odyssee zeigt, dass es Ausnahmen gibt. Für Michaela Ferling ist ihr Großvater ein Opfer des Pflegenotstands.

Deshalb schreibt Ferling nur einen Tag nach seinem Tod, am 2. März 2018 um elf Uhr, eine Mail an die bayerische Gesundheitsministerin:

"Sehr geehrte Frau Dr. Huml", beginnt sie, "mit Entsetzen musste ich in dieser Woche miterleben, dass der Pflegenotstand keineswegs nur die Altenpflege betrifft, sondern auch die Intensivmedizin und damit Leben gefährdet, wenn nicht sogar Leben kostet." Danach berichtet sie der Ministerin von den letzten 48 Stunden im Leben ihres Großvaters.

Der 27. Februar ist ein Dienstag, ein ungewöhnlich kalter Tag, minus 13 Grad. Irmgard Faltlhauser hat den schweren Holztisch im Wohnzimmer gedeckt. Brot, Marmelade, Kaffee. Ihr Mann sitzt ihr gegenüber. Wie jeden Morgen. Seit 1959 wohnen Albert und Irmgard Faltlhauser hier, in ihrer Vierzimmerwohnung unweit der Isar.

Sie haben ein genügsames Leben geführt. Irmgard kümmerte sich um die Kinder, Albert arbeitete als Lokführer bei der S-Bahn. Nun, mit 89 Jahren, gibt es für ihn vor allem noch seine Kreuzworträtsel und den jährlichen Urlaub in der Steiermark. An seinem 89. Geburtstag, die gesamte Familie ist versammelt, nimmt er jedem das Versprechen ab, dass sie noch einmal dorthin fahren würden. "Gell, du bist dann auch dabei? Und du auch?"

Albert Faltlhauser beißt vom Marmeladenbrot ab, noch kauend steht er auf, läuft zu einem Regal, als suche er irgendetwas, geht zurück. Dann fällt er plötzlich um. Seine Frau stürzt zu ihm. Greift ihm an die Schulter. "Albert, was ist mit dir?!"