Als Schnäppchenjäger muss man wachsam bleiben. Ich sammele nicht nur Coupons aus den Supermarkt- und Drogerie-Prospekten, sondern habe vor allem Online-Portale, bei denen man Rabattmarken und Gutscheinzettel selbst ausdrucken kann, immer genau im Auge. Auch die Kunden-Apps von den großen Ketten habe ich auf dem Handy, denn in deren Bonus-Clubs gibt es immer wieder exklusive Rabatte. Letztens war zum Beispiel eine kleine Packung Windeln gratis, ich musste nur den Barcode in der App vorzeigen. Und dann gibt es auch noch Cashback-Aktionen: Steht auf der Verpackung etwas wie "Jetzt gratis testen!", kann man sein Geld zurückbekommen, wenn man den Kassenzettel einschickt. Bei Punkteprogrammen wie Payback bin ich sowieso dabei. Oft sind mehrere Aktionen kombinierbar, dann schlage ich zu, schließlich bin ich ein echter Couponer. So nennen sich Leute, die ihre Schnäppchenjagd mit den Rabattmarken systematisch planen. Das Couponing kommt aus den USA.

Es ist ein richtig geiles Gefühl, an der Kasse zu stehen und sagen zu können: Ich zahle mit Punkten! Für diesen Kitzel mache ich das. Angefangen hat alles vor sechs Jahren mit Rasierern. Damals druckte ich 5-Euro-Coupons aus und bezahlte damit den reduzierten Wilkinson Power Select für 4,99 Euro. Ich nahm alle Rasierer an dem Aufsteller mit und zahlte nichts. Das war mein erster Deal, der hat das Feuer entfacht. Heute stehen in meinem Schlafzimmer zwei Wilkinson-Promoaufsteller als Trophäen, der Drogeriemarkt brauchte sie nicht mehr.

In der Coupon-Szene bin ich superbekannt, also bei Leuten, die wie ich mit Gutscheinen und anderen Rabattaktionen Schnäppchen machen. Nur kaufe ich Produkte als Extrem-Couponer in riesigen Mengen. Aber ich verhökere die Sachen dann nicht etwa übers Internet, ich habe einen ganz normalen Bürojob, ums Geld geht es mir nicht. Und eigentlich sind mir auch die Artikel egal. Was ich nicht selbst brauche, wird im Schlafzimmer in einem der Regale gestapelt. Da liegen auch die Restbestände der 1.800 Palmolive-Seifen, die ich mal mit nach Hause genommen habe. Das war mein größtes Schnäppchen bisher. Durch die Kombination aus zwei Rabattaktionen habe ich die Seifen mit Treuepunkten geholt und pro Seife noch zehn Cent verdient – also in Form von noch mehr Treuepunkten. Das hat für den nächsten Großeinkauf gereicht. Supermarktketten, Marken und Anbieter von Bonusprogrammen wie Payback sprechen sich bei ihren Rabattaktionen nämlich nicht ab. So kommt es oft zu Überschneidungen.

Manchmal kaufe ich nur ein, um zu probieren, ob was funktioniert: Kann ich diesen Coupon mit jener Rabattaktion kombinieren? Wenn es klappt, poste ich das online. Dafür habe ich mein eigenes Coupon-Portal und manage bei Facebook und WhatsApp Schnäppchen-Gruppen mit mehreren Tausend Mitgliedern. Allein bei "Couponing Basics – Der Grundkurs für Coupon-Anfänger" sind es 15.000. Ich mag es, der Erklärbär der Coupon-Welt zu sein. Das macht mich glücklich, es befriedigt mich, wenn ich anderen helfen kann. Aber das ist nicht mein Hauptantrieb. Wenn Sachen kostenlos sind, komme ich einfach in einen Wahn rein. Dann ist das Helfen in dem Moment erst mal egal. Gedanken mache ich mir oft erst später. Ich hab auch schon online Sachen bestellt und zehn Minuten danach wieder storniert. Wie die Handyhülle für ein Smartphone, das ich gar nicht besitze. Nicht nur eine, sondern 50-mal hatte ich die im Warenkorb. So ein Schwachsinn.

Mein Friseur nimmt für die Hausbesuche kein Geld mehr. Der kommt mittlerweile und sagt: Bezahl mich doch mit Waschmittel. Durch das Couponing sind längst Freundschaften entstanden. Andere gehen in den Fußballverein oder treffen sich mit den Modelleisenbahnern, ich habe meine Schnäppchen-Leute. Einmal im Monat fahre ich die 250 Kilometer zum Schnäppchen-Stammtisch nach Düsseldorf. Meine alten Freunde kaufen eigentlich alle kostenlos bei mir ein. Die stolzieren dann durchs Schlafzimmer wie durch eine Drogerie und gucken, was sie gebrauchen können. Ist ja eh alles da. Ich bin halt süchtig. Aber nicht nach den Produkten, sondern nach dem Schnäppchen-Kick.

Wenn Sie in unserer Rubrik berichten möchten, "Wie es wirklich ist", melden Sie sich bei uns: wirklich@zeit.de