Dennoch kann man nicht behaupten, dass das deutsche Ergebnis die deutsche Kirche salviert. Es belegt unter anderem, dass der Anteil der Beschuldigten bei Diözesanpriestern 5,1 Prozent betrug (1429 Personen), bei Ordenspriestern 2,1 Prozent (159 Personen); bei hauptamtlichen Diakonen nur 1,0 Prozent (24 Personen). Allein diese Zahlen dürften eine heftige Debatte über die Macht geweihter Priester und über den Pflichtzölibat auslösen. Warum ist ausgerechnet bei den Priestern der Bistümer die Wahrscheinlichkeit, Missbrauchstäter zu werden, so viel höher? Liegt es auch daran, dass sie im Gegensatz zu den Diakonen zölibatär leben müssen und dass sie im Gegensatz zu den Ordensleuten mehr Macht in der Hierarchie haben? Wer solche Fragen, wie bisher, abwehren will, der wird es nun schwerer haben. Es wird ihm auch die vorsichtige Einschränkung der Forscher nichts helfen: Eine exakte Kalkulation der Gesamtzahl von Klerikern sei unmöglich gewesen. Denn dieselben vorsichtigen Forscher sagen ja auch: In den Diözesen seien "bis zu acht Prozent der gesamten Kleriker" als mutmaßliche Missbrauchstäter aktenkundig geworden.

Daraus folgt unweigerlich die Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Bistumsverantwortlichen, namentlich die Bischöfe, von den Verbrechen nichts wussten? Wie wahrscheinlich ist es, dass aus purer Unwissenheit so wenige Täter offen sanktioniert wurden, sei es nach Kirchenrecht, sei es nach weltlichem Recht? Antwort: Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich.

Dies ausführlich zu belegen ist das Verdienst von Studiendirektor Harald Dreßing und seines Forschungsverbundes von Psychiatern, Kriminologen, Soziologen und Psychologen. Sie alle kommen aus kirchenunabhängigen Universitäten in Mannheim, Heidelberg, Gießen und haben nach Kräften versucht, den entscheidenden Nachteil dieses Aufklärungsprojektes wettzumachen: dass es von den Bischöfen nicht nur in Auftrag gegeben, sondern auch finanziert wurde – nach Informationen der ZEIT mit rund 1,1 Millionen Euro.

So belegen sie, dass der Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche nicht mit dem Jahr 2010 endet, als die Aufklärungswelle in Deutschland begann. Es gab auch nach 2010 noch Erstbeschuldigungen. "Das bedeutet, dass sexueller Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker der katholischen Kirche kein vergangenes oder abgeschlossenes historisches Phänomen darstellt, sondern trotz der zwischenzeitlich ergriffenen Maßnahmen der Kirche weiterhin stattfindet."

Nun kann man sagen: Das ist kein Problem der Kirche allein. Ja! Kindesmissbrauch ist nicht kirchenspezifisch. Aber es gibt Spezifika des sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche. Die genannten Studien aus Amerika und Australien haben es zweifelsfrei belegt. Experten wie der Jesuit Klaus Mertes und der Psychotherapeut Bernd Deininger haben es analysiert. Große katholische Reformverbände wie Wir sind Kirche fordern seit Jahren Konsequenzen, etwa die Abschaffung des Pflichtzölibats, die Beschränkung der Bischofsmacht, die Kontrolle der Priester. Dass solche Forderungen legitim sind, auch dies wird nun belegt durch die Studie. Sie macht die Risikofaktoren der verleugneten Sexualität, der verteufelten Homosexualität, des innerkirchlichen Gehorsams unabweisbar.

Sie liefert erklärungsbedürftige Zahlen wie diese: dass die Betroffenen zu mehr als 62 Prozent männlich und zu etwa 35 Prozent weiblich sind. Die Häufung männlicher Opfer betrug in einigen Teiluntersuchungen sogar gut 80 Prozent.

Und schließlich: In einem eigenen Kapitel wird gezeigt, wie die Bistümer den Missbrauch systematisch vertuschten. Bei 1670 aktenkundigen Beschuldigten wurde nur gegen 566 ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet, also nur in jedem dritten Fall. Davon wiederum endeten 154 Verfahren ohne Strafe oder Sanktion, in 103 Fällen gab es lediglich eine Ermahnung. Aus dem Klerikerstand entlassen wurden zwar 41 Beschuldigte, Exkommunikationen gab es bei 88 Beschuldigten. Doch diese aus klerikaler Sicht drastischen, irreversiblen Sanktionen betreffen nur 7,8 Prozent aller Beschuldigten. Hinzu kommt, dass solche Sanktionen aus rechtsstaatlicher Sicht alles andere als angemessen sind. Wenn überhaupt, dann wählte die Kirche am liebsten weiche Strafen wie Frühpensionierung, Zelebrationsverbot, Therapie, Beurlaubung, Ermahnung, geringe Geldstrafen oder gar Exerzitien.