Die Autoren der Studie benennen das Desaster des Institutionenschutzes in ihrer juristisch abgesicherten Studiensprache. Aber ein Desaster bleibt es doch: "Somit ist die Bereitschaft der Kirche, Fälle des sexuellen Missbrauchs mit den eigenen dafür vorgesehenen Verfahren zu untersuchen und Beschuldigte gegebenenfalls einer kirchenrechtlichen Bestrafung zuzuführen, in Anbetracht der Befunde als nicht sehr ausgeprägt anzusehen."

Nur gegen knapp 38 Prozent der Beschuldigten wurde Strafanzeige gestellt, die meisten Anzeigen kamen von den Betroffenen selbst oder ihrer Familie. Repräsentanten der Kirche haben, soweit man weiß, nur in 122 Fällen die weltliche Justiz eingeschaltet, das betrifft 7,3 Prozent aller Beschuldigten. Immerhin: Es gibt vermehrt Anzeigen, seit bischöfliche Leitlinien für den sexuellen Missbrauch veröffentlicht wurden. Es gibt aber auch Diözesen, die die Verantwortung jetzt allzu schnell an die Staatsanwaltschaft abgeben und selbst gar nichts tun. Das wiederum finden die Forscher problematisch im Sinne des Opferschutzes.

Eher schwach ist die Studie, wo es um Belege für Versetzungen geht, die der Vertuschung von Missbrauch dienten. Hier müssen künftig genaue und unabhängige Studien zu einzelnen Bistümern, wie etwa in Hildesheim, Aufschluss geben. Immerhin kritisiert die Studie der DBK: Dass einschlägig vorbelastete Beschuldigte in einem weitgehend ahnungslosen Umfeld platziert wurden – dieses Risiko hätten Bischöfe "leichtfertig oder bewusst in Kauf genommen".

Zum fairen Bild des innerkirchlichen Missbrauchsgeschehens gehört die Einsicht: Missbrauchstäter waren nicht unbedingt Serientäter. Von 1023 der Beschuldigten ist nur je eine Tat bekannt. 782 der Beschuldigten sollen 2 bis 10 Taten begangen haben. 96 der Beschuldigten allerdings mehr als hundert. Wem diese Schreckenszahl nicht genügt, um die Kirchenspezifik der Verbrechen zu sehen, der wird nun belehrt, dass diese sehr oft sozusagen im heiligen Bezirk, im Herzen der Kirche stattfanden: 969 der Missbrauchten waren Ministranten. Das sind mehr als ein Viertel aller Betroffenen, nämlich 26,4 Prozent.

Und nun? Müssen die Bischöfe, Priester, Gemeinden die viel zu lange verleugneten Probleme lösen. Muss die DBK mit den Mängeln ihrer eigenen Aufklärung umgehen. Auch wenn die Studie die bisher umfassendste Untersuchung des Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland ist: Das tatsächliche Ausmaß kann nie ganz erfasst werden. Niemand weiß, wie viele Akten über missbräuchliche Priester und untätige Mitwisser vernichtet wurden – sei es aus Vertuschungsvorsatz oder weil Personalakten eben nach einer gewissen Zeit vernichtet werden dürfen. Die Ergebnisse der Studie werden auch jene enttäuschen, die Verantwortliche benannt sehen wollten. Namen von Bischöfen und Bistümern werden nicht genannt. Weibliche Täter wurden nicht erfasst. Orden, die nicht der Verantwortung der DBK unterstehen, auch nicht.

Zurzeit liegen die Daten über den Umfang des Missbrauchs in der katholischen Kirche zusammengefasst für ganz Deutschland vor. Erst nach der Veröffentlichung könnten Diözesen die Einzel-Erkenntnisse für ihr Gebiet beantragen. Die Forscher müssten die Daten dann wieder auseinanderrechnen. Es wäre denkbar. Man müsste es wollen. Die Wissenschaftler sagen, die Zusammenarbeit mit den 27 Diözesen sei "nicht homogen" gewesen. Trotzdem haben sie 220 Betroffene interviewt. Sie hätten auch gern mit mehr Tätern gesprochen. In der Ankündigung der Studie 2014 war die Rede von einer Mindestanzahl von 70 Beschuldigten. Am Ende kamen nur 50 Interviews zustande. Die Kirche hätte mehr Druck machen können.

Am Ende geben die Forscher der Kirche Empfehlungen: gegen die Risiken des Klerikalismus, der engen Sexualmoral, des Pflichtzölibats. Solche Ratschläge ergehen klarer und deutlicher längst von den katholischen Laien. Bisher hat es nur nicht geholfen. Vielleicht hilft es, wenn die Bischöfe jetzt die Liste der Missbrauchstaten lesen, die an Kindern und Jugendlichen verübt wurden. Seite 288 der Studie: Berührung primärer Geschlechtsteile unter der Kleidung, Küsse auf den Mund, genitale Penetration, Masturbation an Betroffenen, Entkleidung Betroffener, Demütigung und Züchtigung, Oralverkehr, Fingerpenetration, Zeigen pornografischer Bilder… Die Beschuldigten haben mehrheitlich keine Reue gezeigt. Auch das kann man nachlesen. Vielleicht hilft es. Vielleicht.