Die fünf Nächte von München – Seite 1

Gewöhnlich reisen sie am Nachmittag an, laden den Bus aus, bringen die Instrumente auf die Bühne, machen den Soundcheck, sind kurz im Hotel, essen was und treten dann auf. Anschließend verkaufen sie T-Shirts und Platten, packen die Instrumente ein, laden sie in den Bus, fahren ins Hotel und legen sich schlafen.

Am nächsten Morgen auschecken, losfahren, ankommen, auspacken, Sound checken, einchecken, auftreten, einpacken, schlafen. Das ist das Leben von Jazzmusikern, die in Europa touren.

Das Publikum merkt davon nichts und soll es auch nicht: Alle Aufmerksamkeit gilt der Musik, derentwegen sich Akteure und Hörer versammeln – auf anderthalb Stunden köstlicher Flüchtigkeit.

Es war mal anders, damals in New York, in den späten Fünfzigern, frühen Sechzigern, als die Großen des Jazz in langen Engagements zur Größe fanden. Ornette Coleman, dessen Quartett im Five Spot zwei Wochen lang gastierte, aus denen zehn Wochen wurden, und wenig später kamen sie für vier Monate wieder. Wenn ich eine Zeitmaschine hätte: Da würde ich hin!

Wie gut Moment und Dauer immer noch harmonieren, hat sich vergangene Woche in der Münchner Unterfahrt gezeigt. Von der Jazzband aus Wien, die hier fünf Nächte nacheinander aufgetreten ist, werden Sie möglicherweise noch nicht gehört haben: Shake Stew.

Nun, ich kannte sie bis vor anderthalb Jahren auch nicht. Meine Begegnung mit ihr war an Banalität nicht zu überbieten: Ich war in Hamburg an einem sehr späten Februarabend zum Einkaufen gefahren und hatte das Autoradio laufen, NDR Info. Was ich hörte, haute mich um. Grandiose Rhythmen, schmelzende Bläser, hypnotischer Funk-Beat-Swing-Afro-Jazz-Rock-Rhythm-and-Irgendwas. Ich war so gebannt, ich konnte nicht aussteigen, und Penny machte gleich zu. Noch in der Nacht schrieb ich eine Mail an den Bandleader, einen gewissen Lukas Kranzelbinder, damals 28 Jahre alt. Inzwischen weiß ich, dass andere Hörer ähnliche Initiationserlebnisse hatten; etwas geht von dieser Band aus, das neu und besonders ist – und ungemein attraktiv.

Im Mai kamen Shake Stew ins Hamburger Karolinenviertel, ins Volt, den jüngsten Jazzclub der Stadt, Durchschnittsalter der Gäste: 25. Sie brachten den proppenvollen Laden zum Kochen. Als wir hinterher kurz miteinander sprachen, erfuhr ich von den fünf Tagen in München. Die Idee, sie zu begleiten, war sofort da.

Dienstag. Sie reisen am Nachmittag an, laden den Bus aus, bringen die Instrumente auf die Bühne, machen den Soundcheck, sind kurz im Hotel, essen was und treten dann auf. Alles wie immer – fast. Denn einer der sieben kommt aus Berlin nach München. Das geht mit dem Zug theoretisch schneller als je, tatsächlich aber fährt die Deutsche Bahn. Das Septett zu sechst: Das wäre kein guter Anfang. Er schafft es gerade noch.

Die Unterfahrt zählt zu den schönsten deutschen Jazzclubs. Eine stimmungsvolle Backsteinhöhle in einem früheren Brauereikeller, Platz für 170 Gäste, es gibt Tische und rustikales Essen. Das Konzert beginnt um neun, die Bude ist gut gefüllt, ein paar junge Leute, viele Ältere. Die Band nimmt die ganze Bühne ein, eine Breitseite des Sounds für einen dann doch kleinen Raum.

Wucht und Farbe

Schon die Besetzung unterscheidet Shake Stew von allen anderen: hinten zwei Schlagzeuge, rechts und links an den Seiten zwei Bässe, vorn in der Mitte zwei Saxofone, die eine Trompete einrahmen. Ein Doppeltrio plus eins sozusagen.

Aber man verdoppele mal ein Schlagzeug! Das ist sehr selten und hört sich schnell chaotisch an. Anders bei Mathias Koch und Niki Dolp. Sie feilen beständig an ihrem Groove. Damit der eine einen Schlag setzen kann, muss der andere ihm die Zeit geben. Zu zweit wie einer zu klingen: Das bringt Wucht und Farbe. Um den Druck zu erhöhen, gibt es neben den Basstrommeln eine dritte, noch tiefere. Alle sind unterschiedlich gestimmt – Melodien auch da, wo sonst keine sind.

An den Seiten wechseln die Instrumente. Die Bassisten spielen akustisch und elektrisch in allen Kombinationen, gezupft und gestrichen. Gestrichener E-Bass, Psychedelik pur, wenn einer wie Oliver Potratz es macht.

Mittendrin greift Lukas Kranzelbinder zur Gimbri, der marokkanischen Basslaute, einem aus Holz und Fell zusammengefügten Instrument mit drei Saiten aus Darm, dessen Klang rituelle Hitze verströmt. Die Bässe versinken in brodelnder Trance zwischen den Doppel-Drums. Dies ist nicht Manhattan, nicht Wien, nicht München, dies ist Afrika.

Und darüber die drei Bläser, weich und voll, süffig schwelgend, woher nehmen sie diese Linien? So vertraut, dabei aus völlig unterschiedlichen Richtungen, mal mysteriös gleitend nach Art des Ornette, mal hymnisch fanfarenhaft, als ob der Berliner Arbeiterkomponist Hanns Eisler ein paar kämpferische Töne eingestreut hätte.

Und dann steigert sich der Saxofonist Johannes Schleiermacher in ein geräuschhaftes Solo hinein, das jede Form sprengt, ein Brötzmann aus dem Busch. Das Publikum in der Unterfahrt juchzt und schreit, als schließlich und völlig unerwartet eine Unisono-Passage alles wieder zusammenholt. Beifall. Zugabe. Glückliche Musiker. Und heute kein Einpacken!

Mittwoch. Das mk-Hotel mit seinem mürrischen Herbergsvater ähnelt mehr einem Hostel, liegt aber um die Ecke. 40 Meter bis zum nächsten Gig, wie herrlich! Aber wenn die Band gedacht haben sollte, ihr Lukas würde mit ihnen die spätsommerlichen Tage im edlen Haidhausen in den zahllosen Biergärten und Cafés versitzen, dann hat sie sich getäuscht. Nun, sie haben es nicht gedacht. Sie kennen ihn ja, und er lässt sie an all seinen Überlegungen teilhaben. Er komponiert, plant, bucht, wirbt und führt, so lässig wie konzentriert. Motivieren muss er sie nicht; alle leben für die Musik, machen seine zu ihrer.

Also Frühstück und dann proben von elf bis zwei. Am Dienstag haben sie ihr aktuelles Programm gespielt, Rise And Rise Again, die zweite Platte. Das mussten sie nicht üben. Heute soll das erste Album drankommen: The Golden Fang, auch erst 2016 erschienen, aber schon so lange her.

Wenn ich gehofft hatte, bei den Proben im neonhellen Club mehr hinter diese Musik zu kommen, lag ich falsch. Die Musiker erscheinen mit gelben Pappmappen, aus denen an den Rändern die Notenblätter lugen; vieles ist notiert, manches gegenüber der Notation verändert, aber in den Köpfen gespeichert, anderes wiederum in Vergessenheit geraten. Die mittäglichen Stunden widmen sich spezifischen Passagen der Stücke, Übergängen zumeist oder komplexen Situationen, zu denen es kommt, wenn die sieben in zwei Teilgruppen zerfallen, die je für sich spielen, entweder alternierend mit der anderen Formation oder gegen sie an. Immer geht es um die Balance zwischen Struktur und Offenheit, zwischen Fixiertem und Fließendem. Viele Details würde ein Hörer gar nicht bemerken, aber im Streben nach Vollendung gedeiht die Qualität. Im Grunde ist es eine Meditation für Lungen und Lippen, Hände und Füße: den Leib auf den Klang auszurichten. Holy Preacher heißt ein Stück, Preaching To The Choir ein anderes, das Spirituelle erstreckt sich bis in die Titel.

Am zweiten Abend kommen nicht ganz so viele Leute. Aber einige zum zweiten Mal.

Musik, die Spuren hinterlässt

Donnerstag. Die mittäglichen Proben dauern länger als bisher, denn heute gibt es einen Gast. Angela Maria Reisinger ist aus Köln angereist. Sie singt auf Englisch rätselhafte, von Lukas Kranzelbinder verfasste Texte, dazu rudert sie mit den Armen. Die Musiker sagen, sie hätten das im Porgy & Bess in Wien schon mal gemacht. Ich verstehe nicht, was das werden soll.

Groß ist die Verblüffung am Abend. Shake Stew kommen wie immer in ihren schwarzen Hemden, auf die eine befreundete Künstlerin mit dem Quast goldene Streifen gezogen hat. Auf den ersten Blick wirken die sieben Männer uniformiert, aber alle Streifen sind brüchig und verschieden. Schwarz und Gold sind die Farben der Nacht und der Hörner; welch ein Reflex auf die Glitzerhemden der alten Big Bands.

So ein geschlossenes Erscheinungsbild ist im Jazz heute selten. Oft sieht man Musikern an, dass sie nicht recht wissen, was sie anziehen sollen, oder dass es ihnen egal ist, weil ja nur die Musik zählt. Das ist hier anders. Auch den Bühnenhintergrund hat die Band mitgebracht, ein goldenes Vlies; davor jene Lampen mit den sanft glimmenden Fäden, wie sie in schicken Kopenhagener Neo-Smørrebrød-Stuben hängen.

Und nun: Queen Mu! Angela Maria Reisinger ist nicht wiederzuerkennen. Das Gesicht mit Gold gepudert, hat sie sich in ein golden wallendes Kostüm gehüllt. Mal ist sie Sonnengöttin, mal Schmetterling, der zur Raupe werden will. Ein Spektakel, von dem keiner im Saal so recht sagen kann, ob es nun ernst gemeint ist oder eine Farce, aber es verfehlt seine Wirkung nicht. Die Zuschauer hängen gebannt an den Lippen der Queen. Sie verstehen ihre Sprache nicht. Sie hören nur ihren Klang.

Mich erinnert das Spektakel an den legendären Jazzpianisten Sun Ra, der sich nach jahrzehntelangem Touren in naphthalingesättigten Raumanzügen auf den Saturn zurückgezogen hat. Die Musiker erzählen mir später von den zwölf Goldkanonen in Wien, die den Jazzclub beim Auftritt der Queen in eine Glitzerkugel verwandelt hätten. Noch Wochen danach habe sich auf den Wegen rund ums Haus Lametta gefunden. Eine Musik, die Spuren hinterlässt!

Freitag. Der Bayernteil der Süddeutschen Zeitung und das Münchner Boulevardblatt tz haben über das Dauergastspiel berichtet. Die Musiker hoffen auf ein volles Haus und nun auch auf junge Leute. Sie haben DJ Norton East engagiert, einen bulgarischen Elektrotechniker aus München, der den Afrobeat liebt und dem – dann doch wieder älteren – Publikum einheizt.

Ist dies der beste Abend? Ich kann es gar nicht sagen. Ich habe schon dreimal zwei Stunden hinter mir, und bislang habe ich noch immer Lust auf mehr. Mario Rom, der Trompeter, der auf der Bühne und jenseits der Bühne immer so in sich gekehrt wirkt, spielt Soli, die in Europa ihresgleichen suchen. Ruhig, beharrlich, ideenreich, virtuos. Einmal setzt er mitten in einem Solo ab, spielt nicht weiter, und jeder im Saal spürt: Das war es noch nicht. Auch seine Mitmusiker wissen es. Sie lassen ihm taktelang Zeit. Er wird schon wieder ansetzen. Und schließlich tut er es. Ein Nichtspielen, das in seiner Spannung zu einem Höhepunkt wird.

An seiner Seite Clemens Salesny, der Altsaxofonist, zurückhaltend im Auftritt wie sie alle. Seine Soli können aus tonalem Schmiss und Schmäh jäh ins Schräge abkippen.

Wo kommen diese fabelhaften Musiker her? Alles Enkel von Joe Zawinul, der bei Miles Davis und Weather Report die Tasten drückte?

Samstag. Auf dem fünften Konzert treffe ich im Publikum einen Mann wieder, der alle Tage da war. Er stellt sich vor als Matthias Halter, 62, Physiotherapeut aus Achenkirch in Tirol. Er arbeitet in München und hat seine ganze Woche nach dieser Band ausgerichtet. Er reist ihr inzwischen nach, wenn sie irgendwo in erreichbarer Nähe spielt. Genug hat er immer noch nicht. Am Ende des letzten Abends fasst er sich ein Herz und spricht den Lukas Kranzelbinder an. Sie hätten da in Achenkirch ein Festival ...

Tourdaten und Tonträger unter www.shakestew.com