Schon die Besetzung unterscheidet Shake Stew von allen anderen: hinten zwei Schlagzeuge, rechts und links an den Seiten zwei Bässe, vorn in der Mitte zwei Saxofone, die eine Trompete einrahmen. Ein Doppeltrio plus eins sozusagen.

Aber man verdoppele mal ein Schlagzeug! Das ist sehr selten und hört sich schnell chaotisch an. Anders bei Mathias Koch und Niki Dolp. Sie feilen beständig an ihrem Groove. Damit der eine einen Schlag setzen kann, muss der andere ihm die Zeit geben. Zu zweit wie einer zu klingen: Das bringt Wucht und Farbe. Um den Druck zu erhöhen, gibt es neben den Basstrommeln eine dritte, noch tiefere. Alle sind unterschiedlich gestimmt – Melodien auch da, wo sonst keine sind.

An den Seiten wechseln die Instrumente. Die Bassisten spielen akustisch und elektrisch in allen Kombinationen, gezupft und gestrichen. Gestrichener E-Bass, Psychedelik pur, wenn einer wie Oliver Potratz es macht.

Mittendrin greift Lukas Kranzelbinder zur Gimbri, der marokkanischen Basslaute, einem aus Holz und Fell zusammengefügten Instrument mit drei Saiten aus Darm, dessen Klang rituelle Hitze verströmt. Die Bässe versinken in brodelnder Trance zwischen den Doppel-Drums. Dies ist nicht Manhattan, nicht Wien, nicht München, dies ist Afrika.

Und darüber die drei Bläser, weich und voll, süffig schwelgend, woher nehmen sie diese Linien? So vertraut, dabei aus völlig unterschiedlichen Richtungen, mal mysteriös gleitend nach Art des Ornette, mal hymnisch fanfarenhaft, als ob der Berliner Arbeiterkomponist Hanns Eisler ein paar kämpferische Töne eingestreut hätte.

Und dann steigert sich der Saxofonist Johannes Schleiermacher in ein geräuschhaftes Solo hinein, das jede Form sprengt, ein Brötzmann aus dem Busch. Das Publikum in der Unterfahrt juchzt und schreit, als schließlich und völlig unerwartet eine Unisono-Passage alles wieder zusammenholt. Beifall. Zugabe. Glückliche Musiker. Und heute kein Einpacken!

Mittwoch. Das mk-Hotel mit seinem mürrischen Herbergsvater ähnelt mehr einem Hostel, liegt aber um die Ecke. 40 Meter bis zum nächsten Gig, wie herrlich! Aber wenn die Band gedacht haben sollte, ihr Lukas würde mit ihnen die spätsommerlichen Tage im edlen Haidhausen in den zahllosen Biergärten und Cafés versitzen, dann hat sie sich getäuscht. Nun, sie haben es nicht gedacht. Sie kennen ihn ja, und er lässt sie an all seinen Überlegungen teilhaben. Er komponiert, plant, bucht, wirbt und führt, so lässig wie konzentriert. Motivieren muss er sie nicht; alle leben für die Musik, machen seine zu ihrer.

Also Frühstück und dann proben von elf bis zwei. Am Dienstag haben sie ihr aktuelles Programm gespielt, Rise And Rise Again, die zweite Platte. Das mussten sie nicht üben. Heute soll das erste Album drankommen: The Golden Fang, auch erst 2016 erschienen, aber schon so lange her.

Wenn ich gehofft hatte, bei den Proben im neonhellen Club mehr hinter diese Musik zu kommen, lag ich falsch. Die Musiker erscheinen mit gelben Pappmappen, aus denen an den Rändern die Notenblätter lugen; vieles ist notiert, manches gegenüber der Notation verändert, aber in den Köpfen gespeichert, anderes wiederum in Vergessenheit geraten. Die mittäglichen Stunden widmen sich spezifischen Passagen der Stücke, Übergängen zumeist oder komplexen Situationen, zu denen es kommt, wenn die sieben in zwei Teilgruppen zerfallen, die je für sich spielen, entweder alternierend mit der anderen Formation oder gegen sie an. Immer geht es um die Balance zwischen Struktur und Offenheit, zwischen Fixiertem und Fließendem. Viele Details würde ein Hörer gar nicht bemerken, aber im Streben nach Vollendung gedeiht die Qualität. Im Grunde ist es eine Meditation für Lungen und Lippen, Hände und Füße: den Leib auf den Klang auszurichten. Holy Preacher heißt ein Stück, Preaching To The Choir ein anderes, das Spirituelle erstreckt sich bis in die Titel.

Am zweiten Abend kommen nicht ganz so viele Leute. Aber einige zum zweiten Mal.