Eine Gimbri © Frank Bauer für DIE ZEIT

Donnerstag. Die mittäglichen Proben dauern länger als bisher, denn heute gibt es einen Gast. Angela Maria Reisinger ist aus Köln angereist. Sie singt auf Englisch rätselhafte, von Lukas Kranzelbinder verfasste Texte, dazu rudert sie mit den Armen. Die Musiker sagen, sie hätten das im Porgy & Bess in Wien schon mal gemacht. Ich verstehe nicht, was das werden soll.

Groß ist die Verblüffung am Abend. Shake Stew kommen wie immer in ihren schwarzen Hemden, auf die eine befreundete Künstlerin mit dem Quast goldene Streifen gezogen hat. Auf den ersten Blick wirken die sieben Männer uniformiert, aber alle Streifen sind brüchig und verschieden. Schwarz und Gold sind die Farben der Nacht und der Hörner; welch ein Reflex auf die Glitzerhemden der alten Big Bands.

So ein geschlossenes Erscheinungsbild ist im Jazz heute selten. Oft sieht man Musikern an, dass sie nicht recht wissen, was sie anziehen sollen, oder dass es ihnen egal ist, weil ja nur die Musik zählt. Das ist hier anders. Auch den Bühnenhintergrund hat die Band mitgebracht, ein goldenes Vlies; davor jene Lampen mit den sanft glimmenden Fäden, wie sie in schicken Kopenhagener Neo-Smørrebrød-Stuben hängen.

Und nun: Queen Mu! Angela Maria Reisinger ist nicht wiederzuerkennen. Das Gesicht mit Gold gepudert, hat sie sich in ein golden wallendes Kostüm gehüllt. Mal ist sie Sonnengöttin, mal Schmetterling, der zur Raupe werden will. Ein Spektakel, von dem keiner im Saal so recht sagen kann, ob es nun ernst gemeint ist oder eine Farce, aber es verfehlt seine Wirkung nicht. Die Zuschauer hängen gebannt an den Lippen der Queen. Sie verstehen ihre Sprache nicht. Sie hören nur ihren Klang.

Mich erinnert das Spektakel an den legendären Jazzpianisten Sun Ra, der sich nach jahrzehntelangem Touren in naphthalingesättigten Raumanzügen auf den Saturn zurückgezogen hat. Die Musiker erzählen mir später von den zwölf Goldkanonen in Wien, die den Jazzclub beim Auftritt der Queen in eine Glitzerkugel verwandelt hätten. Noch Wochen danach habe sich auf den Wegen rund ums Haus Lametta gefunden. Eine Musik, die Spuren hinterlässt!

Freitag. Der Bayernteil der Süddeutschen Zeitung und das Münchner Boulevardblatt tz haben über das Dauergastspiel berichtet. Die Musiker hoffen auf ein volles Haus und nun auch auf junge Leute. Sie haben DJ Norton East engagiert, einen bulgarischen Elektrotechniker aus München, der den Afrobeat liebt und dem – dann doch wieder älteren – Publikum einheizt.

Ist dies der beste Abend? Ich kann es gar nicht sagen. Ich habe schon dreimal zwei Stunden hinter mir, und bislang habe ich noch immer Lust auf mehr. Mario Rom, der Trompeter, der auf der Bühne und jenseits der Bühne immer so in sich gekehrt wirkt, spielt Soli, die in Europa ihresgleichen suchen. Ruhig, beharrlich, ideenreich, virtuos. Einmal setzt er mitten in einem Solo ab, spielt nicht weiter, und jeder im Saal spürt: Das war es noch nicht. Auch seine Mitmusiker wissen es. Sie lassen ihm taktelang Zeit. Er wird schon wieder ansetzen. Und schließlich tut er es. Ein Nichtspielen, das in seiner Spannung zu einem Höhepunkt wird.

An seiner Seite Clemens Salesny, der Altsaxofonist, zurückhaltend im Auftritt wie sie alle. Seine Soli können aus tonalem Schmiss und Schmäh jäh ins Schräge abkippen.

Wo kommen diese fabelhaften Musiker her? Alles Enkel von Joe Zawinul, der bei Miles Davis und Weather Report die Tasten drückte?

Samstag. Auf dem fünften Konzert treffe ich im Publikum einen Mann wieder, der alle Tage da war. Er stellt sich vor als Matthias Halter, 62, Physiotherapeut aus Achenkirch in Tirol. Er arbeitet in München und hat seine ganze Woche nach dieser Band ausgerichtet. Er reist ihr inzwischen nach, wenn sie irgendwo in erreichbarer Nähe spielt. Genug hat er immer noch nicht. Am Ende des letzten Abends fasst er sich ein Herz und spricht den Lukas Kranzelbinder an. Sie hätten da in Achenkirch ein Festival ...

Tourdaten und Tonträger unter www.shakestew.com