Warum ist der Mensch dem Affen überlegen? Weil der Mensch Sprache hat und mit seinen Artgenossen eine symbolische Gemeinschaft bildet. Der Mensch kann dem Menschen viel Gutes tun. Er ist das Spitzenprodukt der Evolution. Er darf stolz auf sich sein.

Ein Berberaffe, das ist die erste Szene von Styx, hockt auf den Felsen von Gibraltar und laust sich das Fell; andere Affen streunen gelangweilt durch menschenleere Straßen. Unten im Hafen dümpeln die Segelboote; auf einem verwitterten Schild steht "Celebrating glorious years". Dann ein harter Schnitt; die Kamera starrt auf eine nächtliche Kreuzung. Wieder keine Menschenseele. Plötzlich, wie aus dem Nichts, bricht ein Krieg aus, ein Straßenkrieg. Zwei Autos liefern sich ein Rennen und rasen auf die Kreuzung zu, man hört einen dumpfen martialischen Aufprall, ein unbeteiligter Autofahrer wird schwer verletzt. Zum Glück sind Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen rasch und zahlreich zur Stelle. Routiniert holt eine Notärztin das Unfallopfer zurück ins Leben und fixiert seinen Kopf mit einer dicken Manschette. Auch die Kamera fixiert den Mann: Sie zeigt das reine Menschsein. Hilflos, aber gerettet.

Den rettenden Engel, die Notärztin, sieht man bald wieder. Im Hafen von Gibraltar macht sie ihre Elf-Meter-Jacht für eine lange Reise startklar und verstaut Unmengen an Lebensmitteln, Rettungsgerät und Trinkwasser an Bord. Rike, so heißt sie, bricht nach Ascension Island auf, jener herrlichen Insel im Südatlantik, auf der Charles Darwin 1854 einen Garten Eden angelegt hatte. Tags drauf navigiert die Einhandseglerin ihre Nussschale vorbei an stählernen Walen, an gigantischen Dickschiffen, die wie mythische Monster in Gibraltar vor Anker liegen. Erst kämpft das winzige Boot gegen die Wellen, dann scheint es über die See zu schweben. Schon bald teilt Rike das Meer mit sich allein. Sie ist jetzt die Gesellschaftslose, die Menschenferne. Wenn sie im Atlantik schwimmt, dann wirft sie ein rotes Rettungsseil aus, ihre Nabelschnur. Und wenn die Arbeit an Deck getan ist, blättert sie versonnen in einem Fotoband und betrachtet Bilder von den Nebelwäldern auf Ascension Island.

Ein Zivilisationsflüchtling auf der Reise ins Paradies: Das ist die Spur, die der Film auslegt, doch es ist die falsche. Auch wenn Rikes Traum in Erfüllung zu gehen scheint, so liegt doch eine Beklommenheit, eine Vorahnung, vielleicht auch Traurigkeit über den langen, hinreißend schönen Einstellungen (Kamera: Benedict Neuenfels). Susanne Wolff spielt diese Bedrückung großartig; sie ist ein freier Mensch, doch aus Freiheit und Einsamkeit entsteht hier kein Glück.

Als sie auf der Höhe von St. Helena ist, kündigt sich ein Sturm an, zuerst lecken die Wellen nur am Boot, dann langen sie zu. Das Meer geifert, tobt, wütet, peitscht. Es ist hungrig und will Beute machen. Rike ist ein Elementarteilchen in der maritimen Unendlichkeit, behütet nur von ihrem Boot und seiner tollen Technik.

Bislang musste die Einhandseglerin bloß technische Entscheidungen treffen, doch plötzlich, am Morgen nach dem Sturm, muss sie moralisch handeln. Ganz in ihrer Nähe treibt ein havarierter Fischtrawler, überfüllt mit afrikanischen Flüchtlingen, und Rike weiß: In der sengenden Hitze werden alle sterben. Gewiss könnte sie sich fragen, ob sie nicht einfach weitersegeln soll. Doch Rike stellt keine moralischen Überlegungen an, sie wägt nicht ab oder veranstaltet ein inneres Pro und Contra über die allgemeine Gültigkeit der Menschenrechte. Rike reagiert intuitiv, sie reagiert ganz natürlich, wie ein Mensch. Es ist ihr innerstes Wollen, alle Leben zu retten, ausnahmslos – aber wenn sie es täte, würde ihre Jacht untergehen. Schon springen die ersten Schiffbrüchigen ins Wasser, ein vielleicht 14-jähriger Junge (Gedion Oduor Wekesa) schafft es und klammert sich an ihr Boot. Rike zieht den zu Tode Erschöpften an Bord, er ist völlig dehydriert und bricht bewusstlos zusammen. Da liegt er nun. Das reine Menschsein. Hilflos, aber gerettet.

Dantes Göttliche Komödie lebt von dem genialen Einfall, dass die Überfahrt auf dem Fluss Styx nicht in die Vergangenheit führt, sondern in die Hölle der Gegenwart – es sind zumeist Dantes Zeitgenossen, die sich an sein Boot klammern und gerettet werden wollen. Genauso verhält es sich in Wolfgang Fischers fesselndem moral play. Der österreichische Regisseur führt seine Heldin nicht aus der Gegenwart heraus, sondern abgrundtief in sie hinein. Auch sonst steckt der Film unterhalb der Wasseroberfläche seiner Handlung voller mythischer Anspielungen, voller Signale und Deutungsofferten. Denn wo beginnt die Reise? Sie beginnt an den Herkulesfelsen von Gibraltar. In der Antike galten sie als das Ende der Welt, als das Nonplusultra des Abendlandes.

Doch die alten Grenzen gibt es nicht mehr; Rike segelt in das Plusultra der entgrenzten Weltgesellschaft, die Moderne ist nun überall und macht alle Menschen zu Mit-Bewohnern – nicht zufällig trägt Kingsley, der gerettete afrikanische Junge, ein Ronaldo-Trikot. Wie in einem Kammerspiel zeigt Styx die erbarmungslose Realität der zusammengewachsenen Zivilisation, aber es wäre abwegig, dem Film vorzuwerfen, er verkitsche mit seinen mythologischen Anspielungen die "Flüchtlingskrise" zu einer antiken Tragödie, zu einem schicksalhaften Geschehen, das aus heiterem Himmel über dem Westen hereinbricht und ihn in tragische und nur mit machtpolitischem Darwinismus zu lösende Widersprüche verwickelt.

Macht der Empathie

Gegen diese Lesart spricht schon die kaum verdeckte Rolle, die der Botaniker Asa Gray (1810–1888) in Fischers Film spielt. Gray war ein Freund und Briefpartner Darwins, und als christlicher Humanist glaubte er an die Macht der Empathie in der "göttlichen Menschenfamilie". Obwohl er damit wissenschaftlich auf verlorenem Posten stand, sträubte Gray sich bis zuletzt gegen Darwins Erkenntnis, die Evolution sei ein Anpassungsprozess, ein survival of the fittest. Dieser Naturalismus war für ihn unannehmbar, er schien ihm grausam und kalt.

Und wie heißt nun die Jacht, auf der Rike den Atlantik quert? Nach allem, was man über die Leidenschaften der Heldin weiß, müsste sie "Charles Darwin" heißen. Doch so heißt sie nicht. Sie trägt einen anderen Namen. Sie heißt Asa Gray.

Der Film "Styx" läuft vom 13. September an in deutschen Kinos.

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