Wenn Tsepel Samling an Tibet denkt, dann denkt sie an ihren Großvater. Einen gläubigen Mann, der gut Geschichten erzählen konnte. Schöne, aber auch traurige. So wie jene von seiner Flucht aus dem besetzten Tibet nach Indien, die ihn über die schneebedeckten Berge des Himalaya geführt hat. Wo es so kalt war, dass manchen Flüchtlingen die Zehen erfroren und abfielen wie verfaulte Zähne. Um diesem Schicksal zu entgehen, opferte die Familie des Großvaters in einer kalten Nacht das Pferd, das sie mitgenommen hatte, schlitzte dessen Bauch auf und steckte die Füße hinein, um nicht zu erfrieren.

Tsepel Olivia Samling, so heißt die 21-jährige Frau, die die Geschichte erzählt, mit vollem Namen, stellt sich selber mit ihrem zweiten Vornamen vor: Olivia. "Ist irgendwie einfacher", sagt sie in der Wohnung im Berner Mattenhof-Quartier, wo sie zusammen mit ihren zwei jüngeren Halbgeschwistern, ihrer Mutter und ihrem Stiefvater lebt. Sie ist gerade von der Schule nach Hause gekommen, sie absolviert die Fachmittelschule in Bern, Bereich Gesundheit. Samling trägt ein bauchfreies Top zu roten Schlaghosen, ihre Nägel sind lang und bunt lackiert: rosa, pink, silbern.

Als Tochter einer Tibeterin und eines Italieners kam sie in der Schweiz zur Welt und wuchs hier auf. "Kannst du gut Italienisch?", laute die Frage, die Samling am häufigsten gestellt werde, wenn es um ihre Herkunft gehe. "Nicht so gut wie Tibetisch", antwortet sie dann. Wer es nicht weiß, würde kaum erraten können, woher sie stammt, die junge Frau mit den dunkelbraunen, mandelförmigen Augen und dem eben gebräunten Teint. Samling empfindet die Kulturen ihrer Familien als sehr gegensätzlich. "Die Italiener sind temperamentvoll, die Tibeter eher zurückhaltend." Ihre Nonna sei geradezu verschwenderisch im Gegensatz zum tibetischen Großvater. "Ich habe ihr immer gesagt: Kauf mir nicht so viele Dinge, mein Großvater schickt sie sowieso nach Indien."

Samling war drei Jahre alt, als sich ihre Eltern trennten und sie mit ihrer Mutter im Jahr 2000 zu den tibetischen Großeltern nach Rikon im Tösstal zog. Das Dorf im Zürcher Oberland ist seit 55 Jahren das Mekka der tibetischen Exilgemeinschaft in der Schweiz.

Soldaten der Volksrepublik China hatten im Verlauf der 1950er-Jahre das Gebiet Tibets besetzt. Die Tibeter, die für Autonomie kämpften, wehrten sich dagegen. China schlug die Aufstände nieder. 1959 flüchtete der 14. Dalai Lama, das weltliche und geistliche Oberhaupt der Tibeter, ins Exil nach Indien. Seine Vertreibung war begleitet von Kampfhandlungen, mehr als 80.000 Tibeter kamen dabei ums Leben, Tausende flüchteten. So auch der Großvater von Tsepel Olivia Samling.

Dass er in Rikon eine neue Heimat fand, liegt an der Metallwarenfabrik Kuhn Rikon. Als der Bundesrat 1963 auf Initiative des Internationalen Roten Kreuzes die Einreise von 1000 Tibetern in die Schweiz bewilligte, boten die Unternehmer Henri und Jacques Kuhn 24 von ihnen ein Obdach an – und eine Anstellung in ihrer Fabrik.

Wenige Jahre später gründete die Familie Kuhn das Tibet-Institut, ein buddhistisches Zentrum, 1968 wurde ein Kloster eingeweiht, finanziert von den Unternehmern und Spendern. Es ist bis heute das einzige tibetisch-buddhistische Kloster außerhalb Asiens. Zu dessen 50-jährigem Bestehen reist der Dalai Lama kommende Woche in die Schweiz.

Dass Olivia Samling Tibetisch spricht, hat sie ihren Großeltern zu verdanken. "Wir haben vor jedem Essen gebetet", erinnert sie sich. Der Großvater habe täglich seine Verbeugungen gemacht, ein Reinigungsritual von Buddhisten. Samling selbst findet Buddhismus zwar "schon interessant", aber: "Mein Stiefvater ist Atheist, vielleicht hat mich das mehr überzeugt." Trotzdem wird sie für den Besuch des Dalai Lama nach Rikon reisen. "Das gehört dazu. Allein der Großmutter zuliebe."

"Wenn sich nicht einmal Tibeter für ihre Befreiung einsetzen, wer dann?"

Auch Lobsang Reichlin, 28, wird beim Besuch des Dalai Lama dabei sein. Anders als Samling, für die ihre tibetischen Wurzeln im Alltag kaum eine Rolle spielen, hat er seine Herkunft zum Beruf gemacht. Und dafür seinen Job als Primarlehrer aufgegeben. Er sitzt im Restaurant Tenz im Zürcher Lochergut. Im März 2017 hat er es zusammen mit zwei tibetischen Kollegen eröffnet. Die Momos, die gefüllten Teigtaschen, kommen gut an: Das Lokal ist oft ausgebucht, bald kommt ein zweiter Standort hinzu.

Obwohl Reichlin ein tibetisches Restaurant führt, fühlt er sich eher als Schweizer. "Meine Kindheit hätte kaum schweizerischer sein können", sagt er mit Ostschweizer Dialekt. Tibetisch hat er nie gelernt. Aufgewachsen ist er im Toggenburg. Seine Familie ist katholisch, fast jeden Sonntag gingen sie zur Messe. Sie feierten Ostern, den Samichlaus, fuhren nach Adelboden zum Skifahren oder zum Campen an den Neuenburgersee. Aber eben nicht nur: Alle drei Jahre reiste die Familie Reichlin in den Sommerferien nach Bylakuppe in Südindien, in eine der größten tibetischen Siedlungen des Landes. Fast alle Verwandten von Reichlin leben dort.

"Das war schon ein Kulturschock"

Reichlin ist das jüngste von drei Kindern. Seine Eltern waren noch keine zehn Jahre alt, als sie 1961 als tibetische Pflegekinder in die Schweiz kamen. Der Industrielle Charles Aeschimann ließ damals zusammen mit dem 14. Dalai Lama 160 Kinder aus einem Heim in Indien auf Schweizer Familien verteilen. Dadurch entkamen die Kinder zwar der Not und dem Elend des indischen Flüchtlingslagers. Trotzdem bleibt die Aktion bis heute umstritten, weil viele der Kinder – darunter auch die Eltern von Reichlin – keine Waisen waren, wie es damals in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Zwar haben in den meisten Fällen die Eltern oder die Verwandten die Einwilligung für die Reise in die Schweiz gegeben, damit ihre Kinder eine bessere Zukunft haben können. Bei manchen hinterließen die plötzliche Entwurzelung und die Platzierung in ein völlig fremdes Umfeld jedoch traumatische Spuren. Viele der Pflegekinder, darunter auch Reichlins Eltern, sagen dennoch, dass sie froh sind, in der Schweiz aufgewachsen zu sein. "Meine Eltern haben es gut getroffen", sagt Reichlin. Der Vater kam zu einer Familie nach Schwyz, die Mutter nach Basel. Kennengelernt haben sich die beiden Jahre später im Verein Tibeter Jugend Europa (VTJE). Die Eltern waren politisch aktiv, hätten ihren Sohn aber nicht dazu gedrängt, dies auch zu sein.

Trotzdem opfert Reichlin seit dem Jugendalter fast seine gesamte Freizeit für Tibet. Er sei halt ein Typ, der sich gerne engagiere, sagt er. Und da man ihm seine Herkunft so deutlich ansehe, die breite Nase, die schmalen schwarzen Augen, das dichte Haar, sei er nicht umhingekommen, sich mit seinen Wurzeln auseinanderzusetzen. Bis er zum Schluss kam: "Wenn sich nicht einmal die Tibeter für ihre Befreiung einsetzen, wer dann?"

Jahrelang war Reichlin in dem VTJE aktiv. Heute will er neue, kreative Wege finden, sich mit der Tibet-Frage auseinanderzusetzen. Er ist im Organisationskomitee des Tibet Film Festivals, das im Oktober zum neunten Mal gleichzeitig in der Schweiz und in Indien stattfinden wird. "Viele Tibeter sind in manchen Belangen schon eher konservativ", sagt Reichlin. Besonders bei der älteren Generation beobachtet er eine Angst davor, das traditionelle Image zu verlieren. "Vor lauter Bewahren darf aber das Gestalten der Zukunft nicht auf der Strecke bleiben." Das sei auch ganz im Sinne des Dalai Lama, dessen wichtigste Botschaft für Reichlin ist: "Nehmt die Dinge selber in die Hand."

Sie will eines Tages zurück nach Tibet, um dort als Forensikerin zu arbeiten

In keinem anderen Land Europas leben so viele Menschen tibetischer Abstammung wie in der Schweiz. Die Aufstände 2008 während der Olympischen Spiele in Peking haben erneut viele Tibeter in die Flucht getrieben. Lange zählte die Exilgemeinschaft 2500 Mitglieder, heute ist sie auf 8000 gewachsen. Viele der Tibeter gelten als papierlos. Seit 2013 haben die Behörden die Einreise in die Schweiz verschärft. Das Staatssekretariat für Migration änderte auch die Herkunftsbezeichnung in den Ausweisen der Migranten. Heute steht darin nicht mehr "staatenlos" oder "Tibet (Volksrepublik China)", sondern "Volksrepublik China". Dass Personen aus Tibet, wenn sie einen Pass benötigen, nun die chinesische Botschaft in Bern aufsuchen müssen – und nicht mehr die tibetische Vertretung in Genf – sorgte für Kritik.

Tenzin Dechen Khampo kam erst vor sechs Jahren in die Schweiz. In Tibet, sagt die 23-Jährige, müsse sie flüstern, wenn sie mit Freunden sprechen wolle. "Weil du nie weißt, wer dich ausspioniert." Bereits als Mädchen sei ihr klar geworden, dass es schwierig sein werde, etwas zu verändern. Sie war 17, als sie mithilfe des Ersparten ihrer Großeltern in die Schweiz reiste. Sie kannte niemanden hier und konnte kein Wort Deutsch. Am Anfang lebte sie in einem Asylzentrum für unbegleitete Jugendliche in Affoltern am Albis. "Das war schon ein Kulturschock", sagt sie heute, in perfektem Züri-Deutsch. Khampo sitzt in einem Restaurant am Zürcher Hauptbahnhof und trinkt eine Zitronenlimo. Mit der Schweiz habe sie sich ein Land ausgesucht, das sicher sei und in dem die Werte der Demokratie hochgehalten würden. Doch der zunehmende Einfluss Chinas mache ihr Sorgen.

"Die Welt darf nicht vergessen, dass Tibet einmal ein unabhängiges Land war", sagt Khampo mit ruhiger Stimme. Sie spricht vom Geschichtsbewusstsein, von Bildung und Buddhismus, den wichtigsten Waffen der Tibeter. "In Tibet glaubt die Bevölkerung fest daran, dass in absehbarer Zukunft alle vereint sein werden." Erst im Exil wurde Khampo mit dem Gedanken konfrontiert, dass vielleicht auch in den nächsten Jahrzehnten nicht passieren wird. "Das schmerzt", sagt sie.

Khampo hat in den zwei Jahren, in denen sie auf ihren Asylentscheid wartete, Deutsch gelernt. Danach hat sie ein zehntes Schuljahr in Winterthur absolviert und sich mit dem ersten Zwischenzeugnis für eine Lehrstelle als Biofachlaborantin an der ETH Zürich beworben. Mittlerweile ist sie dort fest angestellt. Sie hofft, dank ihrer Ausbildung irgendwann als Forensikerin in Tibet zu arbeiten und damit etwa die Todesursache von politischen Häftlingen aufzuklären.

Bis es so weit ist, engagiert sich Khampo hier im Exil. Im April ist sie in den Vorstand des Vereins Tibeter Jugend Europa (VTJE) gewählt worden. Ein Engagement, das einem Vollzeitjob gleichkomme. "Ich will vor allem versuchen, den Exiltibetern ein Gefühl für ihre Wurzeln zu vermitteln", sagt Khampo. Denn sie bringe etwas mit, das vielen anderen Mitgliedern fehle: Das Wissen, wie es ist, in Tibet zu leben. Sie sei dankbar, in der Schweiz zu sein, mittlerweile genieße sie hier ein gutes Leben. Aber das ist für sie nicht entscheidend. Denn Tenzin Khampo ist nicht gekommen, um zu bleiben. "Mit allem, was ich hier tue, verfolge ich nur ein Ziel: eines Tages in ein unabhängiges Land zurückzugehen."

Vorerst aber kehrt Khampo zurück zum Dalai Lama, nächste Woche, nach Rikon, ins Zürcher Oberland. Das bedeutet ihr viel.