Frage: Herr Hipp, wir befinden uns in einer kleinen Kapelle bei Ilmmünster. Wann waren Sie das erste Mal hier?

Claus Hipp: Es war kurz nach dem Krieg. Ich war noch ein kleiner Junge und durfte an einer Dank-Wallfahrt für alle Überlebenden teilnehmen. Sie endete an dieser Kapelle. Das habe ich nie vergessen.

Frage: Als Erwachsener haben Sie die Kapelle dann gerettet.

Hipp: In den Siebzigerjahren bin ich einmal zufällig hier vorbeigeritten. Der schlechte Zustand der Kapelle hat mich getroffen: Laub war hereingeweht, es stapelte sich meterhoch bis unter die Fenster. Und die Christusfigur war gestohlen worden. Das konnte ich so nicht lassen. Also habe ich mich für eine Sanierung eingesetzt. Einige unserer Mitarbeiter und Freiwillige haben das dann übernommen. Geld bekamen sie dafür nicht – ich habe ihnen aber immer Bier und Brotzeit spendiert. Heute finden in der Kapelle Firmengottesdienste statt.

Frage: Firmengottesdienste?

Hipp: Ja, dazu sind alle Mitarbeiter einmal im Monat eingeladen. Anfangs waren wir nur zu dritt, inzwischen kommen bis zu 100. Im Winter zünden wir Kerzen an. Das vertreibt die Dunkelheit.

Frage: Zeigt sich in Ihrer Firma noch anderweitig, dass Sie Christ sind?

Hipp: Bei uns hängt in jedem Raum ein Kreuz, auch in der Fabrik. Das ändert aber nichts daran, dass wir auch Atheisten oder Muslime beschäftigen. Mit den Gedanken und Meinungen unserer Mitarbeiter gehen wir sehr offen und achtsam um. Ich glaube aber, dass Gläubige einen Vorteil haben.

Frage: Der da wäre?

Hipp: Wenn es Probleme gibt, kann der Religiöse beten – der Atheist kann das nicht. Aus dem Gebet kann der Religiöse Kraft schöpfen.

Frage: Werden Sie auch mal von Ihren Kollegen für Ihren Glauben belächelt?

Hipp: Das kam schon vor. Aber es kommen auch immer wieder Kollegen, die sich bei mir dafür bedanken, dass ich mich so offen zu meinem Glauben bekenne. Vielleicht werden sie dadurch auch mutiger.

Frage: Sie haben einmal gesagt, dass Sie Ihr Familienunternehmen nach den Zehn Geboten führen.

Hipp: Da ist im Grunde alles geregelt, ja.

Frage: Im achten Gebot heißt es: "Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen." Haben Sie andere Unternehmer mal getäuscht?

Hipp: Sicherlich, ja. Täuschung kann strategisch sinnvoll sein.

Frage: Lügen ist doch unchristlich!

Hipp: Wenn ich meinen Mitbewerber im Glauben lasse, dass ich in einer gewissen Weise handele, aber in Wirklichkeit vielleicht genau das Gegenteil tue – dann lüge ich doch nicht.

Frage: Das müssen Sie erklären.

Hipp: Eine Täuschung passiert im Kopf des anderen. Lügen hingegen ist eine Falschaussage, die mir einen Vorteil verschafft und dem Gegner einen Nachteil. Denken Sie an den Sport: Ein Fußballer, der den Anschein macht, er schießt geradeaus und dann aber trickreich woandershin spielt – hat der gelogen? Wenn einer nach rechts schaut und nach links spielt – hat der dann gelogen?

Frage: Ist die Wirtschaft auch ein Spiel?

Hipp: Nein, sie ist schon ernst zu nehmen. Aber wir haben ja auch noch ein Gewissen und Selbstachtung. Ich persönlich möchte nicht als Lügner dastehen. Also: So viel Täuschung, wie nötig ist – ja. Aber nicht so viel, wie möglich ist. Das ist oft eine Gratwanderung und eine Gewissensentscheidung. Früher hatte ich einen Mitbewerber, mit dem habe ich ausgemacht, dass wir uns nie anlügen werden. Und wenn wir mal in eine Situation gekommen sind, in der wir uns hätten anlügen müssen, dann haben wir einfach nur gesagt: "Kein Kommentar." So haben wir es jahrelang gehalten.