In Hamburg gibt es Platzprobleme? Da kann sich Marco Antonio Reyes Loredo nur wundern: "Wir haben erstaunlich viel Raum!" Er steht am Ufer des Veringkanals in Wilhelmsburg und zeigt nach links und nach rechts: da drüben die leer stehende Soul-Kitchen-Halle, 2008 Drehort für Fatih Akins gleichnamigen Film. Bis vor fünf Jahren war die Halle ein Ort für Konzerte, Clubnächte, Vorträge, dann schlossen die Behörden sie: Einsturzgefahr. "Bisher ist sie nicht eingestürzt", sagt Reyes Loredo. In seinem Rücken liegt ein weiterer Komplex, der überwiegend leer steht: die ehemaligen Elektrolysehallen der Wilhelmsburger Zinnwerke. Außerdem wäre da noch die "Lidl-Halle", auch Teil der Zinnwerke, in der bis vor ein paar Jahren der Discounter Waren verkaufte. Zwischen diesen halb oder ganz leer stehenden Orten liegen Speditionen und Autowerkstätten, ein Krankenhaus, die Nordischen Ölwerke, ein Künstler-Atelierhaus. Vor allem aber gibt es hier am Veringkanal viel Brachfläche, grasüberwachsene Lkw-Parkplätze, Gestrüpp.

Das ist erstaunlich. Schließlich hatte im Jahr 2013 Andy Grote, der damalige Bezirksamtsleiter von Hamburg-Mitte, einen großen Aufbruch angekündigt: Die Industriebrachen am Veringkanal sollten saniert, entwickelt und zum "Kulturkanal" aufgepäppelt werden. Potenzialanalysen wurden erstellt, Pläne wurden gezeichnet, Stadtplanungsstudierende entwickelten Zukunftsvisionen, der Kulturkanal war in aller Munde.

Passiert ist nichts. Zum Leidwesen der Anrainerinnen und Anrainer. Etwa 50 von ihnen, von Kulturschaffenden bis zum Krankenhauschef, von Kirchenmitgliedern bis zum Spediteur, wollen an diesem Donnerstag gegen den Stillstand am Veringkanal protestieren: Der Verein Zukunft Elbinsel e. V. lädt ein, es geht um die "Blockade durch die städtische Sprinkenhof GmbH", der die leer stehenden Hallen gehören. "Das hier könnte das Schaufenster von Wilhelmsburg sein", ruft Marco Antonio Reyes Loredo, der durch die von ihm erfundene und moderierte TV-Show Konspirative Küchenkonzerte auf ZDF Kultur bekannt geworden ist. Heute residiert im Bürotrakt der Zinnwerke die Film- und Kochfirma Hirn und Wanst, die Reyes Loredo mit acht Gleichgesinnten gegründet hat. Sie produziert Image- und Dokumentarfilme, betreibt aber auch die Mensa der HfbK – und sie lädt jeden ersten Sonntag zum Flohmarkt in und um die Zinnwerke-Hallen. Tausende kommen, kaufen, verkaufen, essen, trinken und hören Musik.

An dem Flohmarkt wird das Dilemma um die stecken gebliebene Entwicklung des Kulturkanals deutlich: Die Halle der Zinnwerke, in der der Markt stattfindet, darf offiziell nicht für Veranstaltungen genutzt werden – fehlender Brandschutz, fehlende Notausgänge. Dennoch bewirbt das städtische Internetportal hamburg.de den Flohmarkt ganz offiziell. "Die perfekten Zutaten für einen entspannten Sonntag", heißt es auf der Website. Das bunte, subkulturelle Treiben ist einerseits politisch hocherwünscht – schließlich soll der Stadtteil Wilhelmsburg aus der Schmuddelecke herauskommen. Andererseits müssen die Behörden Vorschriften außer Acht lassen, damit es möglich ist. Die Soul-Kitchen-Halle ließ der Bezirk Mitte vor viereinhalb Jahren zuschweißen. Damit den Zinnwerken nicht Ähnliches widerfährt, müssten die Hallen instand gesetzt werden.

Eigentlich. Doch das kostet. 2015 hat die Kreativgesellschaft – eine städtische Einrichtung, die nicht zuletzt gegründet wurde, um Industriebrachen wie die am Veringkanal zu beleben – beim Bezirk Mitte einen Antrag gestellt: Sie wollte eine der Zinnwerke-Hallen für fünf Jahre zwischennutzen. Nach zwei Jahren kam die Antwort: Ja, das sei möglich, aber erst mal müssten Statik und Brandschutz vorläufig in Ordnung gebracht werden. Kosten: 800.000 Euro. "Die Stadt ist verständlicherweise nicht bereit, 800.000 Euro in eine fünfjährige Nutzung zu investieren", sagt Egbert Rühl, Chef der Kreativgesellschaft. Doch vom Bezirk, aus der Kulturbehörde und auch aus der Senatskanzlei sei ein klares Signal gekommen: "Überall heißt es: Wenn es ein gutes Konzept für eine dauerhafte Nutzung gibt, dann könnte man auch die Mittel für eine wesentlich teurere Gesamtsanierung aufbringen." Inzwischen hat der Bezirk Mitte der Kreativgesellschaft 60.000 Euro bewilligt, um ein "dauerhaft tragbares Nutzungskonzept der Zinnwerke" zu erarbeiten.

Bei den Anrainern stößt die Aussicht auf ein von der Kreativgesellschaft ausgearbeitetes Konzept auf wenig Gegenliebe. "Wir fordern, an den Planungen für den Kulturkanal beteiligt zu werden und nicht Teil eines Konzeptes von außen werden zu müssen", heißt es in einem Manifest, das die Initiative an diesem Donnerstag vorstellen wird. "Der Kulturkanal ist bereits da. Er muss nicht erst gegründet oder gar erschaffen werden. Denn wir sind alle schon hier – Boxer und Pädagogen, Clubbetreiber und Geschäftsführer, Industrielle, Designer und Metallbauer." Kreativgesellschafts-Chef Rühl entgegnet, man sei nicht bereit, ausschließlich den Partikularinteressen der gegenwärtigen Nutzer gerecht zu werden: "Wir arbeiten an einem offenen Prozess, wir wollen sowohl die Akteure vor Ort einbeziehen, aber auch neue Möglichkeiten erkunden."

Etwa 60 Leute arbeiten schon heute in den Zinnwerken. Sie machen soziale Projekte und haben kleine Gartenbau- und Designfirmen gegründet; es gibt ein Tattoostudio, eine Fahrradwerkstatt und mehrere Filmfirmen. Ganz ohne Wirtschafts- oder Kreativenförderung ist ein lebendiger Branchenmix entstanden. "Hier gibt es eine gewachsene Identität, das ist das Spannende", sagt Reyes Loredo.

Bei der städtischen Sprinkenhof AG, der die Zinnwerke-Hallen gehören, beobachte man das Konzeptgerangel eher schlecht gelaunt, wie Rühl andeutet. Die städtische Gesellschaft hätte am liebsten einen fußballfeldgroßen Opernfundus an den Veringkanal gesetzt, doch die Proteste der Anrainer haben das verhindert. Kreative hin oder her: Der Stillstand kostet die Stadt Geld – am einfachsten und lukrativsten wäre es, das Areal an einen Baumarkt zu vermieten. "Wir sind hier eine Art Puffer zwischen den Kreativen und der Sprinkenhof", sagt Rühl. "Auf die Dauer ist das kein tragbarer Zustand. Aber ich sehe auch eine Bereitschaft, die Zinnwerke zu erhalten."

"Leinen los am Veringkanal: Industrie- und/oder Kulturkanal!?" Diskussionsveranstaltung am Donnerstag, 13. September um 19 Uhr, Zinnwerk, Am Veringhof 7