Von seinem großzügigen Abgeordnetenbüro am Reichstag aus kann Alexander Gauland direkt auf das Fenster schauen, aus dem vor 100 Jahren die deutsche Republik ausgerufen wurde. Gerade hat der AfD-Chef einen Auftritt im Bundestag hinter sich, bei dem er wieder das getan hat, was seine Partei seit Monaten in immer schrilleren Tönen tut: das Land in Flammen reden und die Bundesregierung als totalitäres Regime brandmarken, gegen das sich nun, in Chemnitz und anderswo, endlich der Volkszorn Bahn bricht. Ganz wie in der Friedlichen Revolution, so sieht er das. "Hass", hat Gauland der neben ihm sitzenden Bundeskanzlerin zugerufen, "ist keine Straftat. Hass hat Gründe!" Und: "Eines Tages ist eben Schluss mit der Geduld!"

Man kann förmlich zusehen, wie sich die AfD an der inneren Radikalisierung berauscht wie an einer Eigenbluttransfusion – und bisher hat es sich in den Umfragen auch immer ausgezahlt. "Wir laden jetzt durch!", ruft die niederbayerische AfD-Landtagskandidatin Katrin Ebner-Steiner dieser Tage lachend auf den Marktplätzen von Deggendorf bis Peiting. "Wir sind die Totengräber dieser fauligen Reste der 68er-Zersetzung", verspricht der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz. Eine akute Notwehrsituation wird beschworen, gegen ein angebliches "Recht der Messer" (AfD-Politiker Gottfried Curio), ausgeübt durch Flüchtlinge auf den Straßen Deutschlands, wo "das Abschlachten immer weitergeht" (Alice Weidel).

Ein kribbelndes, triumphierendes Jetzt-Gefühl macht sich auf AfD-Kundgebungen im wahlkämpfenden Hessen und Bayern breit, wenn das Publikum im Chor "Widerstand, Widerstand" ruft. Björn Höcke, der Fraktionsvorsitzende der AfD im Landtag von Thüringen, ist die Galionsfigur dieser Selbstentflammung. Es gibt inzwischen einen blühenden Devotionalienhandel mit seinem Gesicht auf Tassen, T-Shirts und Beuteln ("Höcke hatte recht" lautet eine Aufschrift). Er schreibt in seinem neuen Buch: "Ein paar Korrekturen und Reförmchen werden nicht ausreichen. Aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, dass wir die Sache gründlich und grundsätzlich angehen. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen."

Umsturz also, regime change, Wendezeit. Aber wie genau soll sie aussehen, die blaue Revolution?

In Büchern wie Kontrakultur, verfasst von Mitgliedern der Identitären Bewegung, werden ganz praktische Tipps für den Aufstand gegeben, die von Kampfsport über Quarzhandschuhe, Pfefferspray, Selbstverteidigung bis zur spontanen Besetzung öffentlicher Räume wie des Brandenburger Tors oder Mahnwachen vor dem Kanzleramt und der CDU-Zentrale reichen. Die AfD selbst fordert in ihrem Programm eine Lockerung der Waffengesetze ("ein liberaler Rechtsstaat muss seinen Bürgern vertrauen").

Aber es ist Alexander Gauland, auf den die Partei blickt, wenn sie sich vergewissern will, was geht. Er ist es, der zuletzt immer häufiger von Revolution gesprochen hat. Er hat gefordert, Merkel-Unterstützer in den Medien "aus der Verantwortung zu vertreiben".

Wie soll das vonstattengehen, ganz praktisch?

Er hege da "keinerlei Gewaltfantasien", sagt Gauland. Man müsse sich das eher so vorstellen wie bei der Bild-Zeitung: "Erst ist da eine Chefredaktion, die fordert: 'Refugees welcome!' Aber dann ändert sich die Stimmungslage in der Bevölkerung, den Leuten reicht es, die Auflage sinkt, und dann wird diese Chefredaktion einfach von der Stimmung weggeschwemmt und durch eine andere ersetzt. So muss das gehen, durch den Druck der Öffentlichkeit."

Im Osten der Republik, da sei es vereinzelt schon so weit. Da sieht Gauland eine Stimmung, die erinnert ihn an "Leipzig kurz vor 1989". Aber man habe noch keine "revolutionäre Situation", der Umsturz stehe nicht kurz bevor, wenn man erst 20 Prozent der Stimmen habe. Doch es dränge die Leute eben auf die Straße, so sagten es ihm Parteifreunde aus dem Osten, und da könne die AfD sie ja schlecht alleinlassen.

Genau das ist im Moment das Wichtigste und zugleich das Schwierigste für die AfD: Straße und Parlament gehören zusammen und müssen das auch zeigen. Von den frühen Grünen lernen, lautet die Devise. Man dürfe als AfD-Parlamentarier nicht zu zimperlich sein, findet der bayerische Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller. "Ich habe für mich analysiert, wie die Linke an die Schalthebel der Macht gekommen ist", so Müller. "Ohne die Kraft der Straße, ohne die Apo hätten sie nie so eine gesellschaftsverändernde Wucht erreichen können." Dass immer auch Leute dabei seien, die man nicht haben wolle, sei klar. Er, Müller, werde sich aber nicht von den Bürgern distanzieren, "weil da ein paar Typen mit 88er-Tattoo herumlaufen". Die 88 ist ein Code für "Heil Hitler".