Verachtung und Verdrehung entwürdigen den demokratischen Diskurs; wie gesittet ging es doch früher zu, als Anstand und Argumente regierten! Eine liebliche Mär. Ludwig Erhard beschimpfte seine Gegner als "Schmeißfliegen", Strauß den Kohl als "Filzpantoffel-Politiker". Legendär sind die Ausfälle des SPD-Fraktionschefs Wehner. Den CDU-MdB Wohlrabe verhöhnte er als "Übelkrähe" und schoss hinterher: "Sie sind ein Schwein."

Schon im frühen Amerika, lange vor Trump, tobte die Bosheit. Der Wahlkampf von 1800 hält noch immer den Rekord. Thomas Jefferson über John Adams: Wenn der "Krüppel" nicht gerade einen "Krieg gegen Frankreich ausheckt, besorgt er sich Mätressen aus Europa". Adams: Jefferson ist der "Sohn einer Halbblut-Kreolin". Wenn er gewinnt, "werden Vergewaltigung und Inzest grassieren, in den Straßen wird Blut fließen". 1804 meuchelte Vizepräsident Aaron Burr den Ex-Finanzminister Alexander Hamilton im Duell.

Freilich wurde mit offenem Visier gekämpft, Mann gegen Mann. Im Zeitalter der Fake-News läuft es anders, leider nicht nur rechts, wo Verleumdung und Verfälschung Routine sind. Mit Blick auf Chemnitz plauderte Regierungssprecher Seibert von "Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens". Die Medien legten mit "Pogrom" nach. Nur: Bei den Aufmärschen gab es weder "Pogrome" noch "Menschenjagden", wie Sachsens Ministerpräsident Kretschmer zu Recht betonte.

Der halbwegs Unvoreingenommene wird in dem Paradebeweis, einem 19-Sekunden-Video, keine "Hetzjagd" sehen, sondern ein paar Wüteriche – Deutsche und Ausländer –, die sich gegenseitig anmachen. Einer rennt einem "Andersaussehenden" hinterher und trollt sich wieder. Das wahre Opfer war die Sprache.

Bei einer echten Hetzjagd treibt eine Meute blutdürstiger Hunde einen Fuchs oder Hirsch in den Tod. Die würden sich freuen, wenn die Köter bloß "Ihr seid nicht willkommen" gekläfft hätten. Infam ist das Wörtchen "Pogrom". Der tobte 1905 durch Kischinew, wo 50 Juden abgeschlachtet wurden, dann in Odessa mit 2500 Gemordeten. Insgesamt inszenierte die russische Staatsmacht 600 Menschenjagden. Die "Reichspogromnacht" 1938 kostete 400 deutsche Juden das Leben.

Es geht nicht darum, den Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen zu salvieren, der sich ungefragt mit dem Spruch von den fehlenden "belastbaren Informationen" in die Tagespolitik eingemischt hat. Staatsdiener sollten nicht den Amateur-Politiker geben. Es geht vielmehr um die Sprache, wo Unworte irgendwann Untaten den Boden bereiten. Den Ultras auf der Rechten wird man ihre Hassparolen und Fälschungen nicht ausreden können; das ist ihr Geschäftsmodell. Aber die Guten von links bis mittig, die sich der höheren Moral verschrieben haben, sollten nicht ihrerseits zur Agitprop greifen, ganz gleich, wie gerecht und richtig ihre Ziele sein mögen.

Denn so wird nicht nur der Diskurs vergiftet – das Ur-Fundament der liberalen Demokratie. Der "brave Bürger" verliert erst das Vertrauen in Politik und Medien, dann wird er zynisch – "die sind doch alle gleich". Zynismus aber hilft nicht den Liberalen, sondern treibt den Rattenfängern die Leute zu, erst recht, wenn die checken, dass der moralische Auftritt nicht dem Humanitären, sondern dem schnöden Machtkampf dient.