Die Botschaft dieses Mannes irritiert, besonders in Tagen wie diesen: In Deutschland ist die Integration eine Erfolgsgeschichte, "und gerade deshalb gibt es Streit." Ihr Verkünder heißt Aladin El-Mafaalani. Er ist 40 Jahre alt, Professor für Politikwissenschaft und seit April Abteilungsleiter im Integrationsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. El-Mafaalani hat sein Büro im siebten Stock, Raum 717; wären die Jalousien nicht heruntergelassen, könnte man einen Blick auf den Rhein werfen. Es gibt Espresso und Mineralwasser, ein Pressesprecher sitzt mit an dem kleinen Konferenztisch.

Es ist Mitte August, der Streit um Özil hat Deutschland unsanft aus dem Sommerloch gescheucht, die #MeTwo-Debatte über Rassismus im Land läuft heiß, und es ist noch nicht lange her, da drohte die große Koalition an der Flüchtlingsfrage zu zerbrechen. El-Mafaalani aber sagt: "Wir haben eine offene Gesellschaft." Gerade ist sein Buch erschienen: Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt.

Lebt dieser Mann im selben Land wie alle, die gerade so gereizt diskutieren? Wie kommt einer der führenden Migrationsforscher ausgerechnet in diesem – schon vor den Ausschreitungen von Chemnitz – unruhigen Jahr zu solch einer Aussage?

El-Mafaalani hat wenig Zeit und viele Termine, aber das mache nichts, "ich kann gut reden", sagt er. Er kann auch schnell reden, das rechte Bein gibt wippend den Takt vor.

Um seine These anschaulich zu machen, beschreibt er das Land als eine Tischgesellschaft. Immer mehr Menschen wollen und können partizipieren, sie sitzen mit am Tisch und wollen ein Stück vom Kuchen haben. Sie wollen mitbestimmen, was auf den Tisch kommt, und sie wollen die Tischregeln mitgestalten. "Warum soll es da harmonischer zugehen?", fragt El-Mafaalani. Sie mischen sich ein in die Debatte, was und wer deutsch ist oder was Heimat bedeutet. Ein neues "Wir" wird ausgehandelt. Natürlich werde es da ungemütlich.

17 Millionen Menschen haben hierzulande einen Migrationshintergrund, ein gutes Fünftel aller in Deutschland lebenden Menschen. In Großstädten wie Frankfurt, Stuttgart oder Köln sind bald die Hälfte der Schüler mit einer Einwanderungsgeschichte aufgewachsen.

Ihre Chancen sind viel besser als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. Die Bildungsforschung zeigt, dass die Kinder der Einwanderer immer häufiger das Gymnasium und Hochschulen besuchen, nicht nur ihre Anzahl ist gewachsen, auch ihr Anteil.

Die Stimmung im Land sei viel schlechter als die Lage, sagt El-Mafaalani. Der Grund: die Differenz zwischen dem, was man erwarte, und dem, was ist. Die Ansprüche sind zu schnell gestiegen.

El-Mafaalani vertritt seine Alles-wird-besser-These schon länger, und schon länger stößt er damit auf Ablehnung. Er würde die Islamisierung des Abendlandes ausblenden, sagen die einen. Er würde den Rassismus in der deutschen Gesellschaft ausblenden, die anderen. Er würde übersehen, dass Einwandererkinder noch immer in der Schule hinterherhinken. Das tut er nicht. Natürlich sei noch lange nicht alles perfekt, Chancengleichheit nicht erreicht. "Aber die Richtung stimmt."

Er weiß noch gut, wie Deutschland in den Achtziger- und Neunzigerjahren aussah. Aladin wurde 1978 geboren, er wuchs mit vier Schwestern in Waltrop auf, nördliches Ruhrgebiet, Kreis Recklinghausen. Die Eltern sind Anfang der Siebzigerjahre aus Syrien nach Deutschland gekommen. Seine Bildungskarriere beginnt in einem evangelischen Kindergarten, nur 50 Meter von zu Hause entfernt – eine pragmatische Entscheidung der muslimischen Eltern. Die Geschwister reden untereinander deutsch, mit den Eltern sprechen sie arabisch.

Der Bundeskanzler hieß damals Kohl. "Integration ist nur möglich, wenn die Zahl der bei uns lebenden Ausländer nicht weiter steigt", sagte er in seiner ersten Regierungserklärung im Oktober 1982. Ein Jahrzehnt lang beharrt derselbe Kanzler: Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland.

Für El-Mafaalani folgt nach der Grundschule der Klassiker: keine Gymnasialempfehlung von den Lehrern. Der Vater, damals schon als Arzt zugelassen, sorgt dafür, dass sein Sohn auf das Gymnasium geht. Dort gehört Aladin zu den Ausnahmen.

Rassismus war Standard, schlimmer als heute, erzählt er. Die Wörter, mit denen er gerufen wurde, waren justiziabel, er will sie nicht wiederholen. Aber es gab auch Gutes: Nachbarn, die der Familie helfen, sich in Deutschland besser zurechtzufinden. Freunde in der Klasse, in den Vereinen, er spielt Fußball und Tennis. Er ist leidenschaftlicher Skater, spielt in Punkbands mit. "Da war es völlig egal, ob ich Deutscher bin oder nicht." Nach der Bundeswehr studiert er Wirtschaftswissenschaft und Politik in Bochum, arbeitet dann einige Jahre als Lehrer an einem Berufskolleg in Ahlen. Das Notengeben ist ihm geblieben: Der heutigen Integrationspolitik gibt er eine Drei plus, der aus den Achtzigern eine glatte Fünf.

Seine eigene Bildungskarriere verläuft vergleichsweise glatt, nur wenige Kinder von Einwanderern kommen damals über Haupt- oder Realschule hinaus, noch weniger schaffen es an die Uni.