Als Kind hat man (mit Glück) auf wundersame Weise immer alles, was man braucht. Man macht den Schrank auf, nimmt sich das letzte Stück – wovon auch immer – aus der Packung, und das nächste Mal ist sie von allein wieder voll. Eine gute Zeit.

Als ich dann nach Berlin in eine Fünfer-WG zog, lernte ich, wie wichtig regelmäßiger Nachschub für einen funktionierenden Haushalt ist. Wobei: Lernte ist nicht das richtige Wort. Ich bemerkte es. Meine Mitbewohner und ich waren zwar schlaue Leute, aber organisatorisch eine Katastrophe. Und das, obwohl wir ein voll schönes, selbst bemaltes Haushaltsaufgaben-Verteilungs-Rädchen am Kühlschrank hängen hatten. Es fehlte trotzdem immer an Spülmittel, Müllsäcken, Klopapier. Beholfen haben wir uns damals auf unterschiedlichste Weise. Das ging von der mit dem Brotmesser durchgesägten Küchenrolle bis hin zu diesem einen jämmerlichen Tempo-Taschentuch, das auf dem Klokasten deponiert und in besonders argen Zeiten sogar noch einmal in der Mitte auseinandergerissen wurde, damit der Nächste auch noch was davon hatte. Zumindest waren wir solidarisch.

Jetzt wohne ich mit meiner Freundin zusammen, und es sieht so aus, als müsse ich mit mehr Disziplin einkaufen gehen. Dachte ich zumindest. Dann erzählte mir ein Kollege von Amazon-Abos. Bei dem Online-Händler gibt es inzwischen die Möglichkeit, Spar-Abos abzuschließen. Das funktioniert so: Man wählt aus einer Palette von Produkten diejenigen aus, die man braucht und immer wieder haben will. Klopapier. Oder Zahnpasta. Dann definiert man, in welchem Rhythmus sie geliefert werden sollen (mindestens alle zwei Monate/maximal alle sechs Monate). Das spart sowohl den Gang in die Drogerie als auch Geld. Denn je mehr Abos man abschließt, umso mehr Rabatt bekommt man (maximal 15 Prozent).

Die Vorteile liegen auf der Hand. Es gibt aber auch Nachteile: Man kann nicht genau die Produkte bestellen, die man will, sondern muss die nehmen, die Amazon als Abo anbietet. Das hat zum Beispiel dazu geführt, dass ich bei meinem Kokoswasser (reich an Kalium, gut fürs Herz) die Marke ändern musste. Seien Sie also bereit, Kompromisse zu machen.

Schwierig ist auch, das richtige Verhältnis von Menge und Lieferrhythmus zu finden. Zwölf kleine Flaschen Kokoswasser reichen absolut nicht für zwei Monate. Für die 48 Rollen Klopapier, die jetzt in meiner Wohnung rumstehen (das Maxi-Pack war billiger), ist ein Abstand von zwei Monaten wiederum eindeutig zu kurz. Die 600-Gramm-Dose veganes Proteinpulver habe ich noch gar nicht aufgemacht. Nächsten Monat kommt die neue. Vielleicht trainiere ich dann einfach mehr. Das größte Problem ist eigentlich, dass man ständig zum DHL-Shop rennen muss, um die Pakete abzuholen. Während ich mich früher zumindest noch mit meiner Freundin streiten konnte, wer einkaufen geht, muss jetzt immer ich die Lieferungen holen, weil natürlich alles auf meinen Namen bestellt ist.

Ansonsten ist die Sache sehr angenehm. Machen Sie sich allerdings darauf gefasst, von Kollegen und Freunden verurteilt zu werden. Erstens, weil man Haushaltspflichten von anderen Leuten (oder auch Dingen, siehe meinen geliebten Saugroboter) erledigen lässt. Als wäre man dadurch ein schlechterer Mensch. Und zweitens, weil Amazon ein disruptor ist, also alte Geschäftsmodelle zerstört. Interessanterweise zeigten die Leute im Büro umso mehr Verständnis für meine Abos, je höher die Zahl ihrer Kinder war. Reaktion Kollegin A, ein Kind: "Amazon macht den Einzelhandel kaputt." Reaktion Kollegin B, drei Kinder: "Gönn dir! Kennst du auch Amazon Fresh? Gleiches Prinzip, nur mit Lebensmitteln."

Kollegin B hat klar mehr Sinn für den Zeitgeist. Laut einer McKinsey-Studie ist zumindest in den USA der Markt für Abo-Angebote wie das von Amazon stark gewachsen. Nutzer sind vor allem junge Städter, was total nachvollziehbar ist, weil man als junger, urbaner Mensch ja nicht seine ganze Zeit mit Einkaufen verplempern will. Die entscheidende Frage ist allerdings, was man stattdessen tut. Vor allem in der Zukunft, wenn auch noch der Kühlschrank automatisch neue Milch nachbestellt (wann ist es eigentlich so weit?). Meistens endet man doch nur dabei, noch mehr Stunden in seinen jungen, urbanen Job zu stecken. Ein Effekt, den viele lebensverbessernde Trends haben, mit denen ich mich beschäftige.

Ich sitze nun die meiste Zeit rum und warte darauf, dass der Klostein in meinem Bad zur Neige geht. Damit ich ihn endlich gegen einen aus dem Fünferpack austauchen kann, der noch unangebrochen rumliegt. Mit extra Kraftschaum. Voll geil.