Ein metallisch glänzender Zeppelin schwebt über der größten deutschen Archäologie-Ausstellung aller Zeiten. Er passt perfekt dorthin. Doch im Grunde genommen gehört er zu einer anderen Ausstellung – im Obergeschoss gibt es Werke der koreanischen Künstlerin Lee Bul zu sehen. Die Altertumsschau hat ihn kurzerhand adoptiert. Das Zeitkorsett schreddern, die Bundesländergrenzen kappen, Deutschlands Ränder aufweichen: Das war die radikale Absicht des Projektleiters Matthias Wemhoff. Da passte am Ende sogar das Luftschiff aus dem Œuvre einer asiatischen Gegenwarts-Performerin irgendwie ins archäologische Ausstellungskonzept.

Nun hängt der Zeppelin hoch oben in der riesigen Eingangshalle des Berliner Gropius Baus über den Vierkanthölzern einer römischen Spundwand. Die gewaltigen Eichenbohlen waren vor knapp 2000 Jahren Teil der Kölner Rheinhafen-Anlage. Gemeinsam erzählen beide, die alte Mole und der zeitgenössische Zeppelin, von Mobilität.

2000 Objekte aus 300.000 Jahren sind von Freitag dieser Woche an in Bewegte Zeiten zu sehen. Es handelt sich um die bislang umfassendste und insgesamt dritte Leistungsschau der deutschen Archäologie – nach der ersten 1975 in Bonn und der ersten gesamtdeutschen 2003 in Berlin. Was der Untergrund der Republik in den vergangenen zwei Jahrzehnten an Highlights freigegeben hat, ist hier versammelt.

Da die Ernte besonders ergiebig war, ermöglicht die Ausstellung einen Rückblick auf zwanzig Jahre Schlagzeilen. Die mit Abstand fettesten lieferte die Himmelsscheibe von Nebra. Nach ihrer Entdeckung 1999 durch Raubgräber wurde sie zum Gegenstand eines echten Archäo-Thrillers. Später ward – erfolglos – ihre Echtheit in Zweifel gezogen. Mittlerweile zählt die geschmiedete Bronzeplatte nicht nur zu den am besten erforschten archäologischen Zeugnissen, sondern ist Beleg für das bemerkenswerte astronomische Wissen, über das vor 3800 Jahren bereits die Bronzezeitler verfügten. Die Scheibe zeigt Vollmond, zunehmenden Mond und Plejaden. Die Goldblechstreifen am Rand markieren die Sonnenauf- und -untergänge zwischen Winter- und Sommersonnenwende.

Alle 16 Bundesländer haben nach Berlin geliefert, teils aktuelle Funde, teils ältere Stücke, die aber erst dank neuer Untersuchungen durch Genetiker, Chemiker oder Paläobotaniker ihre Geheimnisse preisgaben. Es wäre einfach gewesen, die zwei, drei größten Publikumsmagneten in den Mittelpunkt zu stellen und jedes Bundesland in den Ecken des Gropius Baus einen Fries mit den jeweiligen Höhepunkten vergangener Grabungen aufstellen zu lassen.

Aber Matthias Wemhoff, selbst Landesarchäologe im Bundesland Berlin (und dort Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte), hat systematisch gegen ein solches Konzept angearbeitet. Manchem Kollegen in einem Landesamt für Denkmalpflege musste er diplomatisch den Verzicht auf die eine oder andere Preziose vermitteln – damit es am Ende gelang, die Themen zu setzen, die bundesweit funktionieren. Statt die Funde artig in chronologischer oder örtlicher Reihenfolge zu sortieren, hat sich Wemhoff für eine strikte inhaltliche Schwerpunktsetzung entschieden. Seine Koordinaten lauten "Mobilität", "Austausch", "Konflikt" und "Innovation".

Zwar klingen die Begriffe, als seien sie einem Förderbericht des Bundesforschungsministeriums entlehnt. Doch die historisch-archäologische Tiefenbohrung zeigt, dass sich an ihnen schon immer die Geschicke dieses Landes ausrichteten. Ebenso belegt die Ausstellung, wie sehr Deutschland – oder seine früheren Einzelteile, die sich lange nicht als zusammengehörig empfanden – sich schon immer mit Nachbarn vernetzte und Teil Europas war.

Ein Pilgerzeichen aus dem 13./14. Jahrhundert, gefunden in Hamburg-Harburg (links); der Sonnengott zierte im 2. Jahrhundert als Figur aus Schildpatt ein Kästchen (aus Erkelenz-Borschemisch); ein Depot mit antiken Öllampen aus dem 1. Jahrhundert kam in Köln zum Vorschein, als ein Tunnel gebaut wurde (rechts). © Abb.: Archäologisches Museum Hamburg; LVR-Landesmuseum Bonn, Foto: Jürgen Vogel; Römisch-Germanisches Museum der Stadt Köln; Foto: Axel Thünker/DGPh

Aus den vier Blickwinkeln zeigt sich die Vergangenheit in überraschend aktuellem Licht. Wer durch die Räume geht, stellt schnell fest: Vieles, was wir heute an Entwicklungen verfolgen, ist in Frühformen längst da gewesen. Schon in der Steinzeit.

So künden Skelettreste aus der Blätterhöhle bei Hagen (NRW) von vermutlich freundlichen und unfreundlichen Begegnungen zwischen Jägern und Sammlern auf der einen, Ackerbauern auf der anderen Seite. Erzählen sie vom Clash unterschiedlicher Zivilisationen vor mehr als 5000 Jahren – prügelten Eingeborene auf Eingewanderte (und umgekehrt) ein? Oder zeugt die dokumentierte genetische Vermischung nicht vielmehr von perfekt geglückter Integration und Assimilation? Offene Fragen.

Waffenschrott und Gebeine aus dem Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern berichten dagegen unmissverständlich von Aggression, davon, dass Menschen einander auch bekriegen, wenn sie sich begegnen. Mit einem Alter von 3300 Jahren sind im Tollensetal gesicherte Spuren wohl weltweit die ältesten, die man von einer Schlacht gefunden hat.

Für Grenzüberschreitungen schlechthin steht Köln. Und zwar in alle Richtungen. Mit seiner voluminösen römischen Hafenmole, mit Scherben, Ankern, Spindeln und Spundzapfen erzählt es nicht bloß Stadt-, sondern Weltgeschichte. Über eineinhalb Kilometer erstreckte sich einst die historische Hafenszenerie. Speicherbauten säumten das Ufer. Der Salzhandel mit dem Nordseeraum und der Kanalküste florierte. Familien spezialisierten sich auf Keramik oder Backwaren, auf Fleisch oder Färbemittel, auf Salben und Parfüms, auf Holz, Sklaven oder Gladiatoren. All diese Güter kamen auf Kähnen den Rhein herauf, oder die Kähne fuhren hinab, vierzig Meter messend die längsten, beladen mit sechzig Tonnen Last.