Die Lage der Menschheit ist eher aussichtslos. Auf diesen Befund kann sich jede Dinnerparty der deutschen Erbengesellschaft bei Weißwein und mehr oder weniger veganen Leckereien einigen. Draußen boomt es derart unverschämt vor sich hin, dass man peinlich berührt davon lieber schweigt, um sich stattdessen jenen Übeln hinzugeben, die das beginnende 21. Jahrhundert prägen: Terror und Finanzkrise, das Flüchtlingsdrama, schließlich Trump und die heraufdräuende finale Klimakatastrophe.

In dieses vertraute Schaueridyll bricht nun ein Störenfried ein: Steven Pinker, Professor für Psychologie in Harvard, längst ein globaler Starintellektueller, hat ein provozierendes Buch geschrieben. Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt heißt es, und schon der Untertitel signalisiert die Gattung Manifest. Tatsächlich ist es mehr: ein polemisches Pamphlet, ein unterhaltsam geschriebenes, wütendes, zugleich witziges, sogar selbstironisches "Plädoyer für die Moderne" gegen deren Kritiker, von links bis rechts – basierend auf umfassenden Forschungen diverser Fachrichtungen. Steven Pinker antwortet auf die Krisendiagnostiker dabei nicht etwa: "Alles halb so wild", sondern: "Es ist besser als jemals zuvor." Vor allem sagt er: "Es ist gefährlich, das nicht zu erkennen." Bill Gates nannte Aufklärung jetzt bei Erscheinen sein "absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten".

Das Steckenpferd des 1954 geborenen Kanadiers Pinker, Spross einer jüdischen Familie, sind Datenanalysen und Statistiken. Schon sein Buch über Gewalt (2011), deren Abnehmen über die Jahrhunderte hinweg er nachwies, hat wegen dieser Methode Diskussionen ausgelöst. Mit Nassim Nicholas Taleb, dem berühmten Autor des Schwarzen Schwans, liefert sich Pinker seit Längerem Twitter-Scharmützel; Taleb, der gerade sein neues Buch Das Risiko und sein Preis veröffentlicht hat (Penguin, München 2018; 26,– €), meint, dass Pinker die Zufälligkeiten vieler statistischer Entwicklungen und deren jederzeit mögliche Umkehrung ignoriere.

Von solcherart Pessimismus der "Techno-Weltuntergangspropheten" lässt sich Pinker nicht anstecken. Winzige Wahrscheinlichkeiten würden zu apokalyptischen Szenarien hochgejazzt, obwohl historische Entwicklungen dagegen sprächen: Noch hätten zum Beispiel keine Computerprogramme "Anstalten gemacht, ein Labor einzunehmen oder ihre Programmierer als Sklaven zu halten".

Stattdessen singt Steven Pinker sein Loblied auf den menschlichen Fortschritt – und zwar eindrucksvoll. In 17 Kapiteln von Gesundheit über Wohlstand bis Glück wedelt er mit seinen Graphen in Koordinatensystemen (insgesamt 75) und wirft ziemlich überzeugend mit Statistiken um sich: Die Menschen in allen Teilen der Welt seien in den vergangenen Jahrzehnten liberaler geworden, die Arbeitszeiten hätten sich dramatisch verringert, die Zahl der Demokratien ist gestiegen, die Bildung enorm gewachsen. Nur noch anderthalb Stunden wurden in den USA 2014 pro Woche gewaschen, 1920 brauchte man dafür ohne Waschmaschine noch 11,5 Stunden. Entscheidend sind Erfindungen und technische Innovationen – und Forschung: Zahlreiche tödliche Krankheiten wurden eingedämmt, die Lebenserwartung stieg von 30 Jahren im 18. Jahrhundert auf heute 71 Jahre.

Derart fährt Pinker systematisch fort, weiter, immer weiter. Im Bereich Ungleichheit und Natur räumt er freilich Probleme beim Fortschritt ein und konstatiert ausnahmsweise beim Erdklima sogar "alarmierende Fakten": Gegen den Klimawandel etwas zu tun, empfindet auch Pinker als moralische Pflicht; setzt allerdings auf Kernenergie und auf den wachsenden Wohlstand, der die nötigen technischen Innovationen zum Schutz der Erde hervorbringen würde. Im Umweltkapitel bewegt sich Pinker zweifellos auf allerdünnstem Eis, denn die Verschlechterung der Lage in den vergangenen Jahrzehnten sieht auch ohne apokalyptischen Blick dramatisch aus.

Einen Optimisten nennt sich Pinker selbst freilich nicht, sondern einen "Possibilisten", im wissenschaftlich fundierten Vertrauen auf die menschlichen Möglichkeiten. Vehement will er gegen eine "Negativitätsverzerrung" der öffentlichen Stimmung angehen, auch hierfür hat er eine Grafik parat, die die Zunahme negativer Meldungen in den Medien im Verlauf der letzten Jahrzehnte dokumentiert. Doch so verdienstvoll sein Plädoyer für den realistischen Blick ist (und so amüsant seine vielen Polemiken gegen Apokalyptiker jeder Couleur): Gerade die Zunahme der Kritik ist doch eher ein Indiz für wachsende Aufklärung – die Idee, zu kritisieren und nicht zu akzeptieren, was einem nicht gefällt, ist nun mal Teil von Fortschritt und Aufklärung.

Befeuert wurde Pinkers damals weitgehend fertig konzipiertes Buch durch die Wahl Trumps, wie er erklärt. Die Vehemenz, mit der er die Aufklärung gegen Obskurantismus verteidigt, hat hier eine ihrer Ursachen; "Irre mit Weisungsbefugnis" (Pinker) wie der im Weißen Haus bleiben eine zentrale Herausforderung für das Denken. Laut Pinker hätten "Medien und Intelligenzija" im Verbund mit den "Populisten ein so von Ungerechtigkeit und Dysfunktionalität geprägtes Bild der modernen westlichen Nationen gezeichnet, dass scheinbar nur noch ein radikaler Umschwung die Lage zum Besseren wenden konnte". Das mag übertrieben sein, aber nachhallen tut der Satz dennoch.