Der Stoff des Films an sich ist schon so fantastisch und wirklich atemberaubend spannend – zwei Familien mit vier Kindern treiben in einem selbst gebauten Heißluftballon im Nebel einer kalten Septembernacht über die von Soldaten mit Schießbefehl bewachte deutsch-deutsche Grenze, und die Geschichte ist auch noch wahr –, die Filmemacher hätten hier nur genau arbeiten müssen und sich um die Dinge kümmern, die aus einem spannenden Stoff einen guten Film machen: also um eine subtile Zeichnung der Figuren oder, was interessant gewesen wäre, um die Skizzierung der Alltagsrealität eines Staates, der seine Einwohner auf eine lebensgefährliche Flucht zwang. Selten waren diese Republikflüchtlinge Helden, viel öfter ganz gewöhnliche Menschen, denen der Stumpfsinn und die Hässlichkeit der sozialistischen Diktatur auf die Nerven ging.

Michael Bully Herbig, bekannt als Komödienregisseur (Der Schuh des Manitu) und als nie ganz doofer Spaßmacher (Bullyparade), entscheidet sich im Film Ballon, der ab 27. September im Kino läuft, für etwas anderes: Er traut seinem Stoff nicht, er heizt seiner spektakulären, todsicheren Geschichte ein, er drückt auf die Spannung.

Allein schon der Sound: Von Minute eins an liegt über dem Film ein unheilvolles Brummen und Brodeln, das natürlich den Wagemut und die Todesgefahr illustrieren soll, in der die Ballonfahrer schweben. Durch beinahe den gesamten Film klopft ein dunkler elektronischer Herzschlag. Und gleich in den ersten zehn Einstellungen wird eine Art Best-of von DDR-Grenze-Klischeebildern durchgepulst: an Ketten reißende Schäferhunde, ein trabender Grenzertrupp mit Kalaschnikows im Anschlag, kreisende Suchscheinwerfer über dem Todesstreifen, ein Flüchtling, der, von Kugeln getroffen, am Grenzzaun liegen bleibt. Merke: Die DDR, das war der Staat, der seine eigenen Staatsbürger erschossen hat. Schnitt: Die Handlung setzt bei der Jugendweihe 1979 ein, es singt ein sozialistischer Kinderchor.

Der Eventfilm Ballon: Mit einem Heißluftballon, der vor dem Berliner Reichstag aufstieg, warb die Produktionsfirma schon vor zwei Wochen für den Filmstart. Herbig versucht, sich die beiden Prädikate "basierend auf einer wahren Geschichte" und "die spannendste aller DDR-Fluchten" für seinen Film zunutze zu machen. Er hat also, allein schon, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, als ahnungsloser Westdeutscher DDR-Geschichte zu erzählen, mit den wahren Mitgliedern der beiden Familien, die im September 1979 von einem Waldstück in Thüringen auf ein Feld nahe einer oberfränkischen Kleinstadt flohen, Interviews geführt und sie am Drehbuch beteiligt. Mit Friedrich Mücke und Karoline Schuch als Ehepaar Strelzyk, mit David Kross und Alicia von Rittberg als Ehepaar Wetzler und mit Thomas Kretschmann, der als Oberstleutnant Seidel mit Trenchcoat und Schnurrbart einen nicht einfach bösen und sadistischen, sondern zu Selbstzweifeln und zum Philosophieren neigenden Intellektuellen in Uniform spielt, wurden einige sehr gute deutsche Schauspieler engagiert. Natürlich, ein schönes DDR-Kolorit kriegen sie in solchen Filmen immer hin (die Schieferdächer im thüringischen Pößneck, knatternde Wartburgs, der Stasi-Nachbar guckt Westfernsehen). Die Ausstatter haben in Ballon eine DDR gebaut, die sich vom öden Grau in Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen wohltuend unterscheidet, es ist ein Land mit eleganten Möbeln, eine poppige DDR.

Der Dramatik der wahren Geschichte hilft Herbig im Drehbuch nach. So ist die Stasi den Familien nach dem gescheiterten ersten Fluchtversuch immer hauchdünn auf den Fersen (in Wahrheit tappte die Staatssicherheit bis zum geglückten zweiten Fluchtversuch im Dunkeln). Wie so oft im deutschen Kino, wenn die Handlung nicht wirklich zieht, setzen die Macher auf die sogenannten Gefühle (rührt daher das Biedere, das Nico-Hofmann- und ZDF-Kino-Hafte des Filmes?). Dem Kind der Familie Strelzyk fällt die Aufgabe zu, die naiv-durchschlagenden Fragen zu stellen: "Was, wenn es uns im Westen nicht gefällt?" Die Mama: "Wir hätten das nicht tun dürfen ... Ich habe solche Angst, dass sie uns die Kinder wegnehmen." Der Vater, hilflos: "Aber wir hatten doch einen Traum."

Dumme Sache: Eben weil die Ballonfahrt aus dem Jahr 1979 als eine der spektakulärsten DDR-Fluchten im kollektiven deutsch-deutschen Gedächtnis verankert ist, weiß der Zuschauer in jeder Minute des Films, dass die Sache gut ausgeht. Da nützt auch kein noch so hollywoodesk inszenierter Suspense und kein Showdown ("Grenztruppen in Alarmbereitschaft, wir brauchen einen Hubschrauber"): Es ist eine groß inszenierte und eine zähe, kleine Fluchtgeschichte. Am Ende der 120 Minuten wird der Zuschauer sich so fühlen, als hätte er beim Abernten eines riesigen DDR-Kartoffelackers zugesehen.

Ein naheliegendes Problem hatte der wackere Ballonfahrer-Filmregisseur Michael Bully Herbig offenbar überhaupt nicht auf dem Schirm: Der Kalte Krieg, in dem die Ballonflucht spielt, ist im Jahr 2018, in dem viele Deutsche mit der Freiheit, der Demokratie und den Brüchen ihrer DDR-Biografie hadern, sehr weit weg. Das Sehnsuchtsland Bundesrepublik, für das über 5000 Republikflüchtlinge von 1961 bis 1989 ihr Leben aufs Spiel setzten, gibt es heute nicht mehr. Es sind schwere Zeiten für rührselige Ballonfahrer-Filme.

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Der Film "Ballon" läuft vom 27. September an in deutschen Kinos.