DIE ZEIT: Herr Esch, Herr von Hirschhausen, wir würden gerne mit Ihnen anstoßen, und zwar nicht nur auf Ihr neues Buch über die Vorzüge des Altwerdens, sondern auch auf die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung der WHO: Laut der werden die Deutschen immer älter. Und das, obwohl sie sich nicht besonders gesundheitsbewusst verhalten, sie trinken etwa relativ viel Alkohol. Eigentlich ist also alles gut. Braucht es Ihr Buch da noch?

Tobias Esch: Ja klar! Das eine ist die Lebenserwartung. Das andere ist, was wir vom Leben erwarten. Wir wollen den Lesern sagen, dass das Alter keine reine Phase des Verlustes und Frustes im Leben ist, sondern eine, in der viele Menschen sehr zufrieden sind. In der zweiten Lebenshälfte emanzipiert sich die seelische Gesundheit von der körperlichen.

Eckart von Hirschhausen: Etwa acht von zehn Menschen geht es nach der Lebensmitte psychisch besser, darauf darf man gern ein Gläschen trinken. Nur nicht jeden Tag. Denn wenn man sich den Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol anschaut, fragt man sich schon: Was macht das mit dem Kopf?

ZEIT: Wie kommt es denn, dass die Menschen im Alter so zufrieden sind?

Esch: Unser Belohnungssystem ist auf Entwicklung hin angelegt. Glücksgefühle in der Jugend hängen mit erobern, mit Grenzen austesten, mit dem Botenstoff Dopamin zusammen. Nach der Rushhour des Lebens verändern sich unser Fokus und unsere Botenstoffe. Eine große Rolle spielt die Erkenntnis, nicht mehr irgendetwas zu müssen, sondern dankbar auf das zu blicken, was man im Leben erreicht hat. Wichtig ist auch, dass Alte einiges an die nachfolgenden Generationen weitergeben können. Denen haben sie so manches voraus.

ZEIT: Was denn?

Esch: Ihre emotionale Intelligenz ist häufig besser, etwa die Fähigkeit, Streit zu schlichten – sie bleiben gelassener. Sie nehmen positive Dinge besser wahr und lassen negative nicht so sehr an sich heran. Und sie können Muster besser erkennen, etwa Wetterkonstellationen oder Emotionen.

Hirschhausen: Die Jüngeren können schneller rennen, die Älteren kennen die Abkürzung.

ZEIT: Klingt gut, aber könnte es nicht sein, dass Ältere nur das machen, was sie schon immer gemacht haben? Dass sie altersstarrsinnig sind?

Esch: Je besser man in einer Mustererkennung ist, desto eher übersieht man auch Dinge. Das ist eine Gefahr.

Hirschhausen: Sowohl die Wahl von Trump als auch der Brexit sind eine Entscheidung von Altersstarrsinnigen, das stimmt. Wir haben viele Interviews für das Buch geführt, und ich war begeistert, dabei Menschen zu treffen wie Eric Kandel, der mit über 80 jeden Tag in sein Labor geht und auf seinen zweiten Nobelpreis hinarbeitet – bei bester Gesundheit und einem blendenden Humor.

Esch: Ein wesentliches Merkmal der zufriedenen Alten ist, dass sie noch einen Funken von Jugendlichkeit in sich haben. Damit können sie eine ganz wichtige Verbindung zur Enkelgeneration herstellen. So bekommen die Jugendlichen schon eine Idee, wofür es sich lohnen könnte, lange zu leben.

ZEIT: Das Alter hat aber nicht das beste Image.

Hirschhausen: Das stimmt. Man muss nur mal in den Drogeriemarkt gehen. Da steht auf jedem zweiten Produkt das Wort "Anti-Aging". Und wo Anti-Aging draufsteht, ist selten Lebensfreude drin. Man schmiert sich ja jeden Tag quasi den Hass auf die Zukunft ins eigene Gesicht. Warum müssen wir ständig so tun, als seien wir jünger, als wir sind? Das Alter ist kein Abstieg, es ist Leben für Fortgeschrittene. Darauf kann und darf man sich freuen. Das ist das Befreiende an der Botschaft des Buches.