DIE ZEIT: Herr Wößmann, Sie haben für das neue Bildungsbarometer des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung die Deutschen zur #MeToo-Debatte und zum Verhältnis der Geschlechter befragt. Welches Ergebnis hat Sie am meisten verblüfft?

Ludger Wößmann: Nicht ein einzelnes Ergebnis, sondern der Gesamteindruck. Die Deutschen sind in ihrer überwältigenden Mehrheit erstaunlich modern und neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen. Das hat mich in dieser Deutlichkeit überrascht – und nach den vielen dumpfen Tönen der vergangenen Monate auch ein wenig beruhigt.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Wößmann: Eine sehr große Mehrheit der Befragten befürwortet die #MeToo-Debatte, also die Debatte über sexuelle Belästigung. Unter den Frauen sehen sie 74 Prozent sehr positiv oder eher positiv, unter den Männern sind es 66 Prozent. Nur 22 Prozent der Frauen und 37 Prozent der Männer halten sexuelle Belästigung in Deutschland für ein marginales oder gar kein Problem.

ZEIT: Sie haben auch gefragt, wie die Schule mit geschlechtersensiblen Themen umgehen sollte.

Wößmann: Ja, und da bestätigt sich dieser Trend eindrucksvoll. Mehr als 70 Prozent der Frauen und Männer sind dafür, diese Themen schon an Grundschulen zu behandeln. Das hat mich wirklich überrascht. Dazu gehören Themen wie die Gleichstellung von Mann und Frau, aber auch Gewalt und Machtmissbrauch von Männern gegenüber Frauen oder auch das Thema sexuelle Belästigung.

ifo Bildungsbarometer 2018 © ZEIT-Grafik

ZEIT: Wie steht die Bevölkerung zum Sexualkundeunterricht?

Wößmann: Sehr positiv. Über 90 Prozent befürworten ihn an den weiterführenden Schulen, über 60 Prozent schon an Grundschulen. Rund zwei Drittel sind dafür, dass an Realschulen und Gymnasien über sexuelle Vielfalt, also auch über Homosexualität gesprochen wird. Zudem wollen die meisten, dass schon im Kindergarten keine geschlechtsspezifischen Rollenbilder vermittelt werden.

ZEIT: Macht sich die Bevölkerung die Forderungen der Frauenbewegung zu eigen?

Wößmann: Ich würde eher sagen, dass die Bürgerinnen und Bürger einen differenzierten Blick auf das Thema Gleichberechtigung haben.

ZEIT: Inwiefern?

Wößmann: An Schule und Universität sehen die Deutschen keine ausgeprägte Bevorzugung eines Geschlechts, wohl aber auf dem Arbeitsmarkt. 62 Prozent der Frauen und 49 Prozent der Männer finden, dass Männer dort bevorzugt werden.

ZEIT: Und fordern eine Frauenquote?

Wößmann: Nein, die findet selbst unter den Frauen keine absolute Mehrheit. Aber die überwältigende Mehrheit will, dass mehr Frauen IT-Berufe und mehr Männer Pflegeberufe ergreifen. Dazu werden etwa staatliche Stipendienprogramme für Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen befürwortet.