Donald Trump stand kurz davor, seinen zweiten extrem konservativen Richter ins Oberste Gericht der USA zu berufen, da meldete sich eine Frau zu Wort und beschuldigte den Kandidaten Brett Kavanaugh einer versuchten Vergewaltigung.

Noch vor wenigen Jahren hätte diese Anschuldigung die Bestätigung des Richters nicht behindert. Sie wäre möglicherweise gar nicht erst öffentlich geworden. Der Vorfall liegt 35 Jahre zurück, die beiden waren damals in der High School. Kavanaugh war betrunken, sie waren auf einer Party, und das vermeintliche Opfer konnte sich befreien. Kavanaugh bestreitet die Vorfälle zudem.

Aber in einem Amerika, dessen Öffentlichkeit durch #MeToo und stetig neue Fälle von männlichem Machtmissbrauch geprägt ist, kann man eine Frau mit einer solchen Anschuldigung nicht mehr einfach übergehen. Und so haben die Republikaner entschieden, die Frau am kommenden Montag im Kongress anzuhören.

Eine riskante, aber letztlich unausweichliche Strategie. Derzeit sagen alle Umfragen voraus, dass die Demokraten sehr gute Chancen haben, bei den wichtigen Kongresswahlen im November die Mehrheit zu gewinnen. Vor allem bei den Frauen schneiden sie besser ab als die Republikaner. Der Grapscher Trump hat schon schlechte Werte im weiblichen Lager – wenn die Republikaner nun auch noch einen Richter berufen, der nicht über alle Zweifel erhaben ist, was seinen Respekt für Frauen angeht, dann könnte das noch mehr Wählerinnen verschrecken.

Ihren Richter Kavanaugh können die Republikaner nur durchbringen, wenn sie die Glaubwürdigkeit seiner Anklägerin Christine Blasey Ford, Professorin für klinische Psychologie in Kalifornien, in der Anhörung zerstören. Das wird unweigerlich Erinnerungen an einen anderen Richter heraufbeschwören – Clarence Thomas –, der 1991 an den Supreme Court berufen wurde, obwohl seine ehemalige Mitarbeiterin, die Juristin Anita Hill, ihn beschuldigte, sie jahrelang sexuell belästigt zu haben. Damals war der Tonfall der Republikaner Anita Hill gegenüber sehr herablassend. Wer heute so mit Christine Blasey Ford umspränge, sähe frauenfeindlich aus.

Ford muss also auf formal respektvolle Weise unglaubwürdig gemacht werden – und Kavanaugh muss den Störfall unbeschadet überstehen. Unter allen Umständen wollen die Republikaner ihn zum Obersten Richter machen. Damit ginge einer ihrer größten Träume ein Erfüllung: Weil mit Kavanaughs Einzug die Mehrheit der Obersten Richter dem republikanischen Lager entstammte, wäre eine konservative Rechtsprechung für die nächsten Jahrzehnte gesichert.

Viele Republikaner erhoffen sich von Kavanaugh etwa, dass er hilft, den Richterspruch im berühmten Fall "Roe v. Wade" rückgängig zu machen, der 1973 die Abtreibung in den USA legalisierte. Laut einer neuen Umfrage wollen jedoch 68 Prozent der amerikanischen Frauen die jetzige Regelung beibehalten. Und so lautet das Paradox, vor dem der Kandidat Kavanaugh und seine Unterstützer stehen: Wer das Recht in Amerika gegen die Mehrheit der Frauen verändern will, dem darf eben darum nicht der Vorwurf anhängen, ein Frauenfeind zu sein.