Der Vergleich mag gewagt sein, aber hätte Großbritannien in den 1940er-Jahren ähnlich wenig Kampfgeist für Europa aufgebracht, wie Europa ihn heute für Großbritannien an den Tag legt, dann hätte es höchstwahrscheinlich überhaupt keine Europäische Union gegeben. Sowohl historisch wie auch vom berühmten Ende her gedacht ist die Passivität, mit der vor allem Angela Merkel den Brexit seinen bürokratischen Gang gehen lässt, kurzsichtig.

Denn ja: Es gibt noch eine Chance, dass die Briten es sich anders überlegen – dass sie noch einmal über den Ausstieg aus der EU abstimmen. Immer mehr Politiker auf der Insel, quer durch alle Parteien, fordern diese zweite Chance. Berlin und Paris könnten ihren Teil zu einem Exit vom Brexit beitragen. Aber sie müssten es schnell tun und entschlossen. Denn noch in diesem Herbst könnte sich entscheiden, ob die Briten entweder geregelt aus der EU austreten, ob sie Crash-artig herausfallen – oder eben ob sie mit Blick auf die neuen Fakten ihre Meinung ändern.

Aber der Reihe nach: In welcher Brexit-Phase befinden wir uns, was würde ein Crash-Ausstieg Großbritanniens bedeuten, und wie könnte Kontinentaleuropa noch gegenhalten?

1. Die aktuelle Lage

Zwei Jahre lang hat die Regierung von Theresa May nach dem Brexit-Referendum vom Juni 2016 darüber gebrütet, wie sie sich nach einem Abschied von der EU die zukünftigen Beziehungen zu den 27 übrigen Mitgliedsstaaten vorstellt. Nun hat May mit dem "Chequers-Plan" (benannt nach dem Landsitz der Premierministerin) ihren Vorschlag auf den Tisch gelegt. May möchte ein umfassendes Freihandelsabkommen mit Brüssel, das beim Güteraustausch den bisherigen EU-Binnenmarktregeln entspricht. Nicht mehr teilnehmen hingegen würde Großbritannien an den übrigen drei Grundfreiheiten der EU, der Personenfreizügigkeit sowie der Dienstleistungs- und der Kapitalfreiheit.

Diese Idee ist jetzt schon so gut wie tot, aus zwei Gründen. Erstens bestehen die 27 übrigen Regierungen der EU und die Brüsseler Kommission auf der "Unteilbarkeit" dieser vier Grundfreiheiten. Rosinenpickerei werde es nicht geben, stellte vor Kurzem der Brexit-Unterhändler Michel Barnier klar. Hinter dieser Hartleibigkeit steht die Sorge, dass der Grundkonsens der EU Schaden nehmen könnte: der Vereinsgedanke. Ein Club, in dem sich jedes Mitglied selbst aussuchen könnte, welche Rechte und Pflichten es übernehmen will, wäre kein Club mehr.

Zweitens rebelliert Mays eigene Tory-Fraktion gegen "Chequers". Sich den Regeln des Binnenmarktes zu unterwerfen, ohne über diese mitbestimmen zu können, würde Großbritannien in den Status einer "Kolonie" versetzen, befand der Ex-Außenminister Boris Johnson. Johnson trat zusammen mit einer ganzen Riege von Gleichgesinnten im Juli aus dem Kabinett aus. Sie werfen May vor, gegenüber Brüssel die weiße Flagge zu schwenken. Rund 80 Tory-Abgeordnete haben sich mittlerweile unter der Führung des May-Rivalen Jacob Rees-Mogg zu einer Gruppe von harten Brexiteers zusammengeschlossen. Sie träumen von einem "Global Britain", einem handelspolitischen Wiedergänger des britischen Empire, und würden lieber einen ungeregelten Brexit ("No Deal") hinnehmen, als weiterhin in irgendeiner Form Souveränität bei der EU zu parken.

Gleichwohl erwartet die Union bis spätestens November eine Einigung mit London. Denn laut Artikel 50 des EU-Vertrages verlässt das Vereinigte Königreich am 29. März 2019 die Union. Bis dahin müssen die Scheidungspapiere unterzeichnet sein. Das heißt: Wenn nicht sehr bald eine Regelung gefunden wird, wie die Beziehungen in einer Übergangszeit aussehen könnten, droht Großbritannien an diesem "B-Day" nicht aus der EU auszutreten, sondern regelrecht herauszustürzen. Es wäre ein Debakel – und zwar nicht nur für die Insel.

2. Das drohende Desaster

Was passiert im Falle eines "No Deal"-Brexits? Das Verhältnis zwischen den EU-27 und Großbritannien würde zunächst einmal auf die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zurückfallen. Die EU würde für Importe von der Insel dann ihre regulären Außenzölle verlangen, etwa fünf Prozent auf Waren, für bestimmte Güter wie Autos bis zu zehn Prozent. Hinzu kämen sogenannte nicht tarifäre Handelshemmnisse, also Überprüfungen von Lebensmitteln oder Elektrogeräten daraufhin, ob sie den EU-Verbraucherschutzstandards entsprechen.

Vor der Einfahrt zum Eurotunnel könnten sich lange Lkw-Schlangen bilden. Für Firmen, die es gewohnt sind, zeitgenau beliefert zu werden, gefährdet dies die Produktionsabläufe. Reedereien sorgen bereits für mehr Fährkapazitäten zum EU-Land Irland, um den erwarteten Wegfall der Transportroute durch England zu kompensieren.