Die Fotografin Natalie Kriwy hat ihre Brustkrebserkrankung dokumentiert. © Natalie Kriwy (aus der Serie "14/09 Tagebuch einer Genesung")

An einem Frühlingstag des vergangenen Jahres stieg Kirsten Metternich von Wolff in ihr Auto, schmiss die Tür zu, fuhr in ein nahe gelegenes Waldstück und schrie.

Sie kam gerade von einer Routineuntersuchung bei ihrem Gynäkologen, der ihr gesagt hatte, sie habe einen Tumor in der Brust. Klein, röhrenförmig, gut operierbar. Doch dort im Wald dachte Metternich von Wolff schon an die Zeit nach der Operation. Die Chemotherapie flößte ihr Angst ein. Bekannte hatten von Haarausfall erzählt, von trockenen Schleimhäuten oder Schlafstörungen – alles Nebenwirkungen, die sie sich gern ersparen wollte.

So wie der 49-Jährigen geht es jedes Jahr 70.000 Frauen. Meistens schneiden Gynäkologen das bösartige Gewebe heraus. Um anschließend die noch im Körper vorhandenen Krebszellen abzutöten, bekommen Patientinnen oft eine Chemotherapie. So soll verhindert werden, dass erneut ein Tumor wächst. Doch nicht bei allen Patientinnen ist sicher, ob die Chemotherapie mit ihren erheblichen Nebenwirkungen wirklich nötig ist.

Pharmaunternehmen verkaufen seit einigen Jahren Tests, um das zu überprüfen. Bisher zahlten die gesetzlichen Krankenkassen die teuren Tests nicht. Bald aber könnte es sein, dass die Kassen die Kosten übernehmen. Doch der Nutzen dieser Tests ist höchst umstritten. Manche Ärzte werfen den Herstellern sogar vor, die Tests seien Geldmacherei.

In den knapp vier Wochen bis zu ihrer Operation im Frühling 2017 rasten Kirsten Metternich von Wolff viele Gedanken durch den Kopf. Obwohl noch gar nicht sicher war, ob sie eine Chemotherapie brauchen würde, hatte sie Angst davor. Der Haarausfall machte ihr Sorgen, für sie bedeutete er, an Weiblichkeit zu verlieren. Sie ernährte sich gesund, benutzte Hautcremes nur mit natürlichen Inhaltsstoffen: "Und dann soll man sich so einen Chemiecocktail einflößen lassen?", sagt sie. Zudem arbeitete sie als freie Journalistin. In diesem Job während der Chemo- und Reha-Phase so lange zu pausieren ist für sie nicht einfach.

Nachdem der Tumor dann entfernt und das Gewebe analysiert war, war ihr Arzt unsicher: Der Krebs hatte sich noch nicht ausgebreitet, die Lymphknoten waren nicht befallen. Ein gutes Zeichen. Doch die Zellen waren hormonrezeptor-positiv, was bedeutet, dass viele von ihnen Andockstellen für Hormone wie Östrogen und Progesteron boten, die zum Wachstum der Krebszellen beitragen. Ihr Arzt empfahl ihr, einen Genexpressionstest machen zu lassen.

Genexpressionstests sollen ermitteln, wie wahrscheinlich es ist, dass der Krebs bei einer Patientin nach der Entnahme des Tumors zurückkehrt. Dazu prüft der Test, ob verschiedene Gene in den Krebszellen besonders aktiv sind, und teilt die Patientin dann einer Risikogruppe zu. Es ist eine Methode, die in den Krebszellen nach Informationen sucht und dabei tiefer vordringt, als es ein Pathologe kann. Der wertet in der Regel Tumorgewebe nur anhand von Kriterien wie der Wachstumsgeschwindigkeit der Zellen aus. Ein Genexpressionstest liefert weitere Informationen, die Hersteller vermarkten ihn als Entscheidungshilfe.

So war es auch bei Kirsten Metternich von Wolff. Weil der Test OncotypeDX der US-amerikanischen Firma Genomic Health ihr nur ein mittleres Risiko bescheinigte, entschied sie sich zusammen mit ihrem Arzt gegen eine Chemotherapie. "Das war für mich wie ein zweiter Geburtstag", sagt sie. Eine im Juni dieses Jahres veröffentlichte Studie legt nahe, dass Metternich von Wolff damals die richtige Entscheidung getroffen hat. Im angesehenen New England Journal of Medicine veröffentlichte ein Team US-amerikanischer Wissenschaftler die Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Studie mit über 9.000 Teilnehmerinnen, in der sie den Nutzen von OncotypeDX untersuchten.

Dazu ließen sie zu Beginn des Beobachtungszeitraums unter anderem ungefähr die Hälfte der Teilnehmerinnen, die ein mittleres Rückfallrisiko hatten, eine Chemotherapie machen, die andere Hälfte nicht. Nach neun Jahren verglichen die Autoren die Rückfallquote und Sterblichkeit der beiden Gruppen und konnten keinen statistisch relevanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen finden. Weil das Rückfallrisiko aber auch vom Patientinnenalter abhängig ist, schlussfolgerten die Autoren der Studie, dass ältere Frauen bis zu einem Wert von 25 auf der Testskala auf eine Chemotherapie verzichten könnten, jüngere Frauen bis zu einem Wert von 10 – vorausgesetzt, keiner der Lymphknoten ist befallen.