Zur Not reicht ein Bettlaken, über eine flüchtig gespannte Wäscheleine geworfen. Die Theatergeschichte kennt dafür den Begriff der "Brecht-Gardine", wegen Bertolt Brecht, der in seinen Modellinszenierungen nichts anderes verlangt hat als ebendies: eine Leine quer über die Szene mit einem Laken darüber. Praktisch, günstig zu besorgen und weltanschaulich in Ordnung.

Im kleineren, häuslichen Maßstab tun es auch Geschirr- oder Taschentücher und aus Küchenschubladen gekramte Paketschnüre. Ohne den Eros des Geheimnisvollen, Verborgenen wäre der Augenblick, in dem das Kasperle dem Krokodil auf die Schnauze haut, nicht halb so befreiend und schön. Kinder wissen: Es wird passieren. Aber sie wissen auch: Hinter dem Taschentuch könnte es ganz anders kommen, und plötzlich steckt das Kasperle samt Zipfelmütze tief im Krokodilsrachen, und das Geschrei ist groß.

Außerdem gibt es natürlich die Luxusvariante, die schon deshalb üppigst ausfällt, samten, tonnenschwer, rubinrot, mit Fransen und güldenen Bordüren verziert, um das, was hier verborgen werden soll, als besonders kostbar anzumelden (wenigstens im Klischee): vollbusige Damen, die von Liebe, Tod und Teufel singen, Helden im Nahkampf mit Göttern und allerlei niederem Gezücht, Chöre voller Verräter, Verderber und Verlierer. Die Geschichten hinterm Sammet, damit lebt der Theatergänger, seit das Theater aus den Kirchen hinaus auf die Marktplätze trat und sich eigene Heimstätten schuf, diese Geschichten stecken voller Grausamkeiten. Sich daran zu delektieren, in sicherer Distanz, scheint der Sinn des Ganzen zu sein. Der Vorhang, von dem hier die Rede ist, hilft dabei: Weil er jederzeit wieder fallen könnte, Schlimmeres verhütend. Und weil er – sollte die Wirklichkeit wirklich einmal nach der Kunst greifen, als Sintflut oder Feuersbrunst – einen großen Bruder in seinem Rücken weiß: den "Eisernen", der seit dem späten 19. Jahrhundert metaphorisch nicht nur Weltreiche und Ideologien trennt, sondern die Darsteller und ihr Publikum ganz handfest voreinander in Sicherheit bringt.

"Der Lappen muss hoch!", lautet ein Theatergesetz. Will sagen: Die Vorstellung findet statt, komme, was wolle. Der Abend ist heilig. Schauspieler mit gebrochenen Rippen, Primadonnen ohne Stimme, säumige Dirigenten, fehlende Requisiten, Blackouts jedweder Couleur – alles kein Grund, nicht zu spielen. Bisweilen betritt, bevor es losgeht, ein Herr im Anzug die Vorbühne (Damen sind seltener). Der Intendant ist’s, mit Mikrofon, um dem Publikum schonend eine schlechte Nachricht zu überbringen. Bange Momente. Meist ist die Rippe dann doch nur angebrochen, und dirigieren kann auch der zweite Kapellmeister sehr hübsch.

Vielleicht rauscht der Vorhang ein wenig, während der Herr wieder abtritt, vielleicht zittert leise Erregung in der Luft. Dann aber wird es still, und alle Augen richten sich nach vorn, auf die mal majestätisch, mal brüsk, mal lakonisch schweigende Wand, die keine ist. Einkehr bei sich selbst. Welch ein Verlust, auf Vorhänge heute mehr und mehr zu verzichten. Was ist das für eine Welt, die keine Geheimnisse mehr erträgt?