Drastischer könnte der Kontrast kaum sein: In Washington wird gerade die Nominierung des Juristen Brett Kavanaugh zum Richter für den US-Supreme-Court zum grellen Spektakel, zum TV-Drama, in dem es um einen angeblichen Vergewaltigungsversuch und die öffentliche Durchleuchtung eines Menschen geht. Zur gleichen Zeit wird auch in Berlin ein Top-Jurist für das höchste Gericht gesucht, ein neuer Präsident für das Bundesverfassungsgericht – aber die Auswahl läuft in aller Verschwiegenheit, weithin unter dem Radar der Medien, in den innersten Zirkeln der Macht, ziemlich unberührt von aller tagesaktuellen Hektik um Maaßen, Seehofer und Merkel.

Dabei dürfte die Entscheidung mindestens so folgenreich werden wie Donald Trumps Nominierung von Kavanaugh für den Supreme Court. Wer in den nächsten Wochen vom Bundestag gewählt wird, könnte die Geschicke des Gerichts und nicht unwesentlich auch die Zukunft der Bundesrepublik für die nächsten zwölf Jahre prägen, voraussichtlich bis 2030 also, vermutlich länger, als irgendeiner der jetzt beteiligten Politiker im Amt sein wird. Und das in einer Phase, in der überall in Europa der Rechtsstaat unter enormem Stress steht, das Vertrauen in Institutionen erodiert und sich die Republik zusehends polarisiert. Noch genießt das Verfassungsgericht großes Vertrauen in der Bevölkerung, noch gilt es auch international als Vorbild. Aber Vertrauen ist eine knappe Ressource, und es ist keineswegs sicher, dass die grassierende Abneigung, ja Verachtung von Eliten auf Dauer vor dem Glashaus in Karlsruhe haltmacht.

Die Personalie, die da aktuell in Berlin ausgehandelt wird, ist vielleicht die wichtigste dieser Legislaturperiode.

Wer sich in Berlin umhört, dem werden vor allem vier Namen genannt, die Namen von vier Männern: von zwei Professoren und zwei Politikern. Hinzu kommen eine Richterin und ein Richter, die etwas quer zu den Erwartungen liegen – und gerade deshalb Chancen haben könnten. Ziemlich sicher ist aber, dass das Gericht, ganz gleich, wer den Zuschlag erhält, konservativer werden wird als bislang.

Die informellen Regeln, nach denen die Auswahl erfolgt, sind so vertrackt, dass dagegen eine Papstwahl fast wie ein Wunder an Transparenz wirkt. Der Bundestag und der Bundesrat sind beteiligt, die Union und die SPD, zudem FDP und Grüne. Das Verfahren zielt darauf, Konsens zu schaffen. Balancen zu sichern. Kandidaten zu finden, die breiteste Unterstützung genießen, um das Gericht nicht politisch-ideologisch zu spalten. Es ist eine Methode, die in der alten Bundesrepublik entstanden ist, sich immer noch an die Idee der Volksparteien klammert – und womöglich in diesen Wochen zum letzten Mal funktionieren wird. Denn wenn das Parteiensystem weiter zerbröselt, könnte auch die Wahl von Verfassungsrichtern in Zukunft viel schwieriger werden.

Das Bundesverfassungsgericht besteht aus 16 Richterinnen und Richtern, verteilt auf zwei Senate. Der eine ist, grob gesagt, eher für Grundrechte zuständig, der andere für Streitigkeiten zwischen den Staatsorganen. Alle Verfassungsrichter werden, so steht es im Gesetz, mit Zweidrittelmehrheit gewählt, abwechselnd im Bundesrat und im Bundestag. Um diese Mehrheit zu sichern, haben sich Union, SPD, Grüne und FDP auf einen internen Verteilungsschlüssel verständigt: Union und SPD bekommen in beiden Senaten je drei Richterstellen, Grüne und FDP je eine – die Grünen, weil sie in vielen Landesregierungen sitzen und so Einfluss auf den Bundesrat haben; die FDP, weil ohne sie keine ausreichende Mehrheit im Bundestag mehr zu gewinnen ist. Das Modell sichert "Erbhöfe", aber auch eine Tendenz zur Mitte, denn Kandidaten mit extremen Positionen können stets blockiert werden. Das hat sich über die Jahre ziemlich bewährt.

Aktuell geht es um die Nachfolge von Ferdinand Kirchhof. Er ist Vorsitzender des Ersten Senats und zugleich Vizepräsident des Gerichts. Am 21. Juni ist er 68 Jahre alt geworden und hat damit die gesetzliche Altersgrenze für Verfassungsrichter erreicht. Er scheidet aus, sobald eine Nachfolgerin, ein Nachfolger bestimmt ist. Dieser Nachfolger, diese Nachfolgerin wird dann Vizepräsident. Das macht die Wahl besonders brisant. Denn in zwei Jahren scheidet der derzeitige Präsident Andreas Voßkuhle aus. Das bedeutet: Wer nun auf Kirchhof folgt, folgt aller Voraussicht nach in zwei Jahren auf Voßkuhle – und wird der neue Präsident des Verfassungsgerichts. Das Vorschlagsrecht für die Kirchhof-Stelle steht nach den geltenden Verabredungen der CDU/CSU zu; Voßkuhle kam auf Initiative der SPD in sein Amt.

Dieser Artikel beruht auf Gesprächen mit zahlreichen Politikern und Juristen, die allesamt darauf bestanden haben, nicht namentlich genannt zu werden, teils mit Rücksicht auf eigene Ambitionen oder die von Parteifreunden, teils, weil die Materie menschlich und politisch so heikel ist.

Der Name, der in vielen Gesprächen zuerst als möglicher Kandidat genannt wird, ist der von Günter Krings, derzeit Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Der 1969 in Rheydt geborene Jurist sitzt seit 2002 als CDU-Direktkandidat für Mönchengladbach im Bundestag, hat eine Weile als Anwalt gearbeitet, ist Honorarprofessor in Köln, war Justitiar der Fraktion und ist seit 2017 Chef der mächtigen NRW-Landesgruppe. Er genießt dem Vernehmen nach die Unterstützung von Volker Kauder, dem Unionsfraktionschef im Bundestag. Auch die Bundeskanzlerin soll hinter dem Vorschlag stehen, allerdings nicht sonderlich leidenschaftlich.