Entscheidend ist ab einem bestimmten Niveau nicht mehr, wie gut jemand spielt. Sondern warum er überhaupt spielt. Woher der Hunger nach dem Klang kommt. Was mitschwingt. Und was nachhallt. Einen Musiker all das zu fragen ist sinnlos. Wenn man es wirklich wissen will, muss man ihm zuhören.

Elbphilharmonie, zweiter Donnerstag im September. Nicolas Altstaedt nimmt Platz auf der Bühne des Großen Saals und spielt, kaum hat er das Cello zwischen den Knien, den ersten Ton seines ersten Konzerts als neuer Artist in Residence. Es ist eine Ansage: Lutoslawski, Konzert für Cello und Orchester, nur die wenigsten Zuhörer im Saal dürften wissen, was sie erwartet. Ganz beiläufig vollbringt Altstaedt damit direkt zu Beginn das Kunststück, gleichzeitig die Erwartungen an ihn hochvirtuos zu erfüllen und seine Zuhörer charmant, aber wirkungsvoll vor den Kopf zu stoßen. Denn Lutoslawski ist nicht schön, sondern brutal. Das Orchester stört eher, als dass es begleitet, das Cello kämpft für sich allein, einer gegen alle. Ein Wahnsinn aus Vierteltönen, Dissonanzen, Melodiefetzen und traurigen Glissandi, bei der Probe bedankte sich der Dirigent Kryszof Urbanski bei den Musikern des NDR Elbphilharmonie Orchesters für den Fleiß, sich das alles draufzuschaffen.

Altstaedt, mit fliegenden Locken, spielt auswendig – als wollte er auch symbolisch klarmachen: Es geht hier nicht darum, ein Kunstwerk nach striktem Bauplan wieder neu zusammenzusetzen, damit jeder Ton da ist, wo ihn der Komponist haben wollte – alles, was hier passiert, ist genau so genau jetzt von ihm empfunden. Er selbst ist sich dabei nicht so wichtig, deshalb trägt er auch nicht Frack und Fliege, sondern schwarze Hosen und einen Rollkragenpullover, als wolle er nicht vom Wesentlichen ablenken.

Tatsächlich spielt er nur auswendig, weil er die Noten nicht braucht. Das Lutoslawski-Konzert war das erste, das sich Altstaedt im Studium erarbeitet hat, unzählbar viele Stunden hat er damit verbracht. Nicht allein der Musik wegen, sondern – das mag paradox klingen, sagt aber eine Menge – aus Interesse an Menschen. "Ich kann über die Kunst viel mehr über Menschen erfahren als über jede andere Sprache oder Form. Durch Kunst das Leben zu entdecken ist die reichhaltigste Form von Leben." Sein Ideal: die eigene Person aus dem Geschehen zu eliminieren, um sich zusammen mit den Zuschauern der Musik hinzugeben. Er zeigte die Partitur seinem Bruder, der improvisierte daraus eine Klavierbegleitung und beeindruckte jeden, der es hörte. Bis heute gibt es keinen gedruckten Klavierauszug, zu kompliziert.

Natürlich kann man ihn fragen, warum er Cello spielt, die Antwort ist so schön formuliert, als habe er sie schon oft gegeben: Der Vater, Gefäßchirurg, spielte als Hobby Cello und Klavier, der ältere Bruder spielte schon Klavier, also blieb für ihn nur das Cello. "Als ich angefangen habe, war mir sehr bald klar: Das ist es, was ich machen möchte, unbedingt. Mit dieser Musik möchte ich mein Leben verbringen. Über die Umstände macht man sich dann gar nicht so viele Gedanken; es ist eine innere Notwendigkeit." Das Problem an solchen Antworten ist nicht, dass sie nicht ehrlich gemeint wären. Aber sie haben einen toten Winkel – und darin liegt das Talent, das sich ja auch darin zeigt, dass es, ganz subjektiv, Hindernisse nicht gibt und Alternativen im Grunde auch nicht. "Mit zehn, elf, zwölf fingen die Kinder in meinem Umfeld an, sich Gedanken zu machen, was sie später mal werden wollten. Für mich hat sich diese Frage nie gestellt."

Mit Hamburg verbindet Nicolas Altstaedt eine besondere Geschichte: Hier bekam er 2002, mit 20, sein erstes richtig gutes Cello. Er fuhr mit dem Nachtzug von Basel, wo er studierte, nach Hamburg, um 10 Uhr war das Vorspiel um ein Instrumenten-Stipendium bei der Deutschen Stiftung Musikleben, dann ging es wieder zurück. Einmal im Jahr musste er wiederkommen und das Instrument verteidigen. "Hamburg war für mich immer eine große, verheißungsvolle Stadt", sagt er.

Mit 23 Jahren gewann Altstaedt den Deutschen Musikwettbewerb, ein großes Label wollte ihn unter Vertrag nehmen, für die erste CD schlug er die Cellosonate von Chopin vor. Der erste Satz dauere zehn Minuten, das überfordere die Leute, sagten die Leute vom Label. Die CD spielte er dann lieber doch nicht ein. Seine ersten Konzerte spielte er in Alaska und der Mongolei, den ersten Wettbewerb in Neuseeland, Konzertanfragen aus entlegenen finnischen Dörfern haben bei ihm mitunter bessere Chancen als welche aus Berlin, wenn er das Dorf noch nicht kennt.

Auch in der jetzt beginnenden Saison hat er viel vor, eine Residence bedeutet ja nicht, die ganze Zeit in Hamburg zu sein. Er plant eine Europatournee mit dem SWR Symphonieorchester, Konzerte mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin, dem Orchestre National de France, dem BBC Symphony Orchestra, noch nicht die allerhöchste Liga, aber weit ist der Weg dorthin nicht mehr. Zu Hause in Berlin hat er eine halbe Professur an der Hochschule Hanns Eisler, deren Absolvent er ist. Er macht irrsinnig viel, trotzdem hat man in seiner Gegenwart das Gefühl: Er konzentriert sich auf das Wesentliche.

Außerdem leitet er das Kammermusikfestival auf Burg Lockenhaus in Österreich, auch das eine Sache, die viel über ihn sagt: Musiker spielen ohne Gage, reisen spontan an, die Programme werden erst kurz vor dem Konzert endgültig festgelegt und nicht im Hinblick auf eine möglichst gute Auslastung zusammengestellt. Ein Festival, das mit den Gepflogenheiten des Musikbetriebs spielt und sie alle bricht.

Außer Lutoslawsi spielt er in dieser Saison in Hamburg das erste Cello-Konzert von Schostakowitsch, alle Bach-Cello-Suiten an einem Abend – und ein Konzert von Sebastian Fagerlund, das noch nicht komponiert ist. Nicht einfach schöne Musik, sondern Werke, die das Potenzial des Saals voll ausreizen. Mehr noch: Für so ein Programm, für so einen Musiker ist der Saal eigentlich gedacht gewesen. "Man muss nicht schreien, man kann hier sehr, sehr leise spielen, das ist ganz wichtig. Jedes Flüstern ist ein Ereignis." Das Lutoslawski-Konzert endet auf einem langen, pulsierenden A, ein Ton wie ein Schrei, danach ist es sekundenlang still. Hunderte Male hat er das schon gespielt, es wirkt, als täte es ihm immer noch weh. Für die Zugabe setzt er sich ins Orchester und spielt, wie als Entschuldigung für das Durcheinander, im Duett mit dem NDR-Solo-Cellisten Andreas Grünkorn ein Adagio von Jean-Baptiste Barrière, französischer Hochbarock, pure Schönheit, großer Applaus. Aber Altstaedt lässt sich davon nicht beirren. Er hat verstanden: Wenn mit Worten nichts mehr auszurichten ist, muss man die Menschen eben mit Kunst anrühren, um sie zu erreichen.