Solche Unterhosen hat man noch nie gesehen. Schwer sind sie und hartleibig, aus Holz oder Rinde. Dornen sprießen am Saum. Kein Dessousliebhaber würde sich das antun. Doch in der Mitte, am Schritt, blüht plötzlich die Kunst. Eine Leda mit dem Schwan, eine rüde Bacchus-Szene – antike Themen, gemalt im Stil des 18. Jahrhunderts oder der italienischen Renaissance auf kleine Rondos. Es sind ruppige Bilder, die im Gewand der Schönheit Furchtbares erzählen.

Die Hosen zum Zwicken hat der russische Künstler Dimitri Tsykalov am Stand der Galerie Marina Gisich aufgehängt. Tsykalov ist einer der Stars der diesjährigen Cosmoscow, der einzigen russischen Kunstmesse. Ihre Eröffnung in Moskau wird als Höhepunkt der Herbstsaison gefeiert, gleichzeitig mit Shows im Auktionshaus Sotheby’s und Ausstellungen an allen hippen Kunstorten der Stadt. Siebzig Galerien sind zur Cosmoscow erschienen, darunter einige aus Osteuropa, aber nur wenige aus dem Westen. Vielleicht hängt das, neben den politischen Spannungen, auch damit zusammen, dass sie anders funktioniert als die üblichen Messen: Sie ist Motor der Kunstszene in diesem riesigen Land, will vollenden, was der Staat nicht leistet – unter schwierigen Bedingungen. Eine Herkulesaufgabe.

Kunst und Geld? Das war in Russland noch nie eine einfache Sache. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eilten Oligarchen mit Scheckbuch und Einkaufswagen durch die Art Moscow, die Vorgängerin von Cosmoscow. Sie shoppten Kunst, wo immer sie konnten. Doch eines Tages waren sie weg. Zum Kunstkauf flogen sie lieber gleich ins Ausland, nach Basel, Paris oder London zu den dortigen wichtigen Kunstmessen.

Heute sind andere am Ruder: Leute, die sichtbar bleiben und Stiftungen gründen. Zum Beispiel Russlands reichster Mann Leonid Michelson, Chef des gigantischen Unternehmens Novatek, das dem halbstaatlichen Platzhirsch Gazprom mit seinen Energielieferungen Konkurrenz macht. Michelsons V-A-C-Stiftung baut gerade auf einer Insel in der Moskwa ein gigantisches Kulturzentrum. Es soll Moskaus Kunstleben in eine neue Dimension führen, 2020 wird es eröffnet.

Höhepunkt bei Sotheby’s ist diesmal Evgeny Granilshchikov, ein 33 Jahre alter Künstler und Filmemacher aus Moskau mit kritischem Potenzial. Er malt Menschen, die bei Demonstrationen von der Polizei abgeführt werden. Hat er keine Angst, sich mit der Staatsmacht anzulegen? "2012 gab es in Russland wichtige Demonstrationen gegen die Wiederwahl des Staatspräsidenten, die das soziale und politische Leben in Moskau bis heute geprägt haben", sagt Granilshchikov. "In unserem Land verändert sich die Geschichtsschreibung oft sprunghaft, plötzlich ist alles anders. Da zeige ich, was ich als Künstler dazu meine."

Das ist mutig. Und auch auf der Cosmoscow gibt es starke Meinungen. Am Stand der Galerie Lazy Mike hängt das Porträt des regierungskritischen Regisseurs Kirill Serebrennikow mit seiner charakteristischen, in den Nacken geschobenen Kappe. Der Filmemacher und Theaterregisseur steht unter Hausarrest, obgleich seine Stücke noch immer gespielt werden. "Wir sind befreundet", sagt eine Galeristin. "Morgen jährt sich der Arrest zum ersten Mal." Sie fordert die Besucher auf, Postkarten zur Ermunterung Serebrennikows zu schicken oder gleich Beschwerdebriefe an die Behörden.

Auf einen russischen Superstar, einen neuen Malewitsch, Andy Warhol oder Gerhard Richter, wartet man allerdings vergeblich. Der berühmteste Gegenwartskünstler des Landes ist 85 Jahre alt: Ilya Kabakov, der von der Kölner Galeristin Brigitte Schenk vertreten wird. Kabakov, dem Altmeister des Moskauer Konzeptualismus, ist in der Tretjakoff-Galerie eine große Show gewidmet.