Muss man zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers noch ein Buch über die Finanzkrise lesen? Man muss, wenn es dieses Buch ist. Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze von der New Yorker Columbia-Universität hat mit Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben so etwas wie die erste umfassende Geschichte des Jahrhundertereignisses vorgelegt. Akribisch zeichnet Tooze nach, was damals geschehen ist – und arbeitet gleichzeitig heraus, weshalb es für das Verständnis der derzeitigen Weltlage so wichtig ist.

Toozes zentrale These: Das Besondere war, dass es sich um die erste wirklich weltweite Krise handelte. Als der amerikanische Immobilienmarkt kollabierte, gerieten Banken auf der ganzen Welt ins Wanken, weil sie sich mit US-Immobilienpapieren eingedeckt hatten. Und genau wie die Krise ein globales Ereignis war, war es auch ihre – so sieht es zumindest Tooze – "relativ wirksame Eindämmung" durch die amerikanischen Behörden. Sie beruhigten die Märkte mit enormen Mengen frisch gedruckten Geldes, das sich dann in der Welt verbreitete und Schlimmeres verhinderte. Das Grundprinzip "Schützt die Wall Street zuerst" habe im Großen und Ganzen funktioniert, auch wenn es dabei nicht immer gerecht zugegangen sei.

Dem amerikanischen Krisenmanagement widmet sich Tooze besonders ausführlich. Eine der zentralen Figuren dabei ist Ben Bernanke, damals Präsident der amerikanischen Notenbank Federal Reserve. Er hat die Banken mit Liquidität versorgt und verhindert, dass wie in den Dreißigerjahren aus einer Finanzkrise eine schwere Wirtschaftskrise wurde. Minutiös zeichnet Tooze die entscheidenden Stunden und Tage nach dem Kollaps von Lehman nach. Aus seiner Sicht war es so etwas wie ein historischer Glücksfall, dass ausgerechnet Ben Bernanke die Federal Reserve leitete. Er hatte sich seit seiner Studienzeit mit Wirtschaftskrisen beschäftigt und daraus die Lehre gezogen, dass es nur ein wirksames Gegenmittel gibt, wenn das Geldwesen zu implodieren droht: noch mehr Geld unter die Leute zu bringen.

Der große Fehler der europäischen Krisenpolitik besteht für Tooze darin, diesen Grundsatz nicht berücksichtigt zu haben. Das gelte insbesondere für Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Bundesbankpräsident Jens Weidmann. Ihnen wirft Tooze vor, durch ihren "verantwortungslosen Widerstand" gegen einen aggressiveren Ansatz nach Vorbild der Amerikaner das Leiden in Südeuropa unnötig verlängert zu haben. Aus seiner Sicht ist die Eskalation der Euro-Krise "eine der schwersten selbst verschuldeten wirtschaftspolitischen Katastrophen der Geschichte", weil sie im Kern vermeidbar gewesen wäre.

So weist Tooze darauf hin, dass in Irland oder Spanien der Staat gar nicht stark verschuldet war. Die öffentlichen Finanzen gerieten erst außer Kontrolle, als die Banken kollabierten und der Staat einspringen musste. Hätte man die Banken rechtzeitig – zur Not mit Staatsgeld – saniert und hätte die Europäische Zentralbank frühzeitig die Notenpresse angeworfen, dann hätte Schlimmeres verhindert werden können. So sei ein "sozialer und politischer Schaden" angerichtet worden, von dem "sich das Projekt der Europäischen Union womöglich nie wieder erholen wird".

Mit dieser Diagnose reiht sich Tooze in den angloamerikanisch geprägten Mainstream ein, der die Schuld für den Wirtschaftseinbruch in Europa bei den nationalen Regierungen und speziell bei der deutschen Bundesregierung sieht. Als Historiker interessiert sich Tooze aber auch für die Gründe für diese Haltung. Er argumentiert, dass die Einführung des Euro die Bereitschaft zu einer wirtschaftspolitischen Koordinierung erforderte, die sich mit den Grundüberzeugungen weiter Teile des deutschen Establishments als nicht vereinbar erwies.

Anders formuliert: In der Krise wurde offenbar, dass die gerade in Deutschland verbreitete Vorstellung eine Illusion war, der Euro könne ohne eine Form der Haftungsunion existieren. Der Aufstieg der AfD ist für Tooze beispielhaft für dieses Dilemma. Schließlich liege der Ursprung der Partei in einer "konservativ-wirtschaftsliberalen Protestbewegung" gegen einen Politikansatz, der vermeintlich auf Kosten der deutschen Steuerzahler geht. Sie formierte sich just zu dem Zeitpunkt, als die Europäische Zentralbank im Jahr 2012 unter ihrem neuen Präsidenten Mario Draghi auf einen aggressiveren Kurs eingeschwenkt war – und damit, wenn man so will, endlich das in die Tat umsetzte, was die Amerikaner schon lange gefordert hatten.