Ein Ferrari bringt für Cristiano Ronaldo die Erlösung. Doch es ist kein Sportwagen, der den Superstar von Juventus am Sonntagnachmittag in Turin zum für ihn typischen Freudensprung mit halber Drehung animiert. Es ist ein Geschenk des Verteidigers von Sassuolo Calcio, dem Gegner im Heimspiel. Gian Marco Ferrari scheitert in der 50. Minute an dem Unterfangen, den Ball nach einer Ecke aus der Gefahrenzone zu befördern oder zumindest zum eigenen Torwart. Er köpft ihn ungelenk gegen den Pfosten. Von dort prallt die Kugel vor die Füße Ronaldos, der trifft aus zwei Metern ins Tor. Der Torjäger vollführt beseelt seinen Ronaldo-Rittberger, das ganze Stadion gerät in Ekstase, ganz Turin, ja halb Italien ist erleichtert. Denn etwa so groß ist die Fangemeinde der "Vecchia Signora", der alten Dame, wie Juventus genannt wird.

Drei Spiele lang hatte der 117 Millionen Euro teure Neuzugang nicht getroffen, mit Nachspielzeit exakt 344 Minuten hatten die Fans auf sein erstes Tor warten müssen, bangend, ob dieser vermeintliche Heilsbringer, der aus Madrid kam, nicht vielleicht doch zu alt geworden sein könnte, um die erhoffte ganz große Nummer zu sein. Dann bricht ein schnödes Abstaubertor den Bann. 15 Minuten später schließt Ronaldo einen Spielzug über Douglas Costa und Emre Can ab – sein zweiter Treffer, Turin tobt.

Nie war er bei Real Madrid länger als drei Spiele in Folge torlos geblieben. Aber nie war er währenddessen so nervös geworden wie offenkundig jetzt in den ersten Wochen in Turin. In der Autostadt im Piemont wird vom fünfmaligen Weltfußballer, fünffachen Champions-League-Sieger und Europameister Galaktisches erwartet. Der Portugiese soll dafür sorgen, dass die Trophäe der Champions League nach zwei verlorenen Endspielen in den vergangenen vier Jahren endlich wieder zu den "Bianconeri", den Weiß-Schwarzen, kommt. Der Verein hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Zu den 117 Millionen Euro Transfergebühren kommen das Jahresgehalt von 30 Millionen Euro netto und diverse Beraterhonorare. Ronaldo bekam einen Vierjahresvertrag.

Der Mann ist 33. Sein Start wirkte gelinde gesagt holprig. Kein Tor für Turin, und Ende August blieb Ronaldo der Uefa-Gala in Monaco fern, beleidigt, weil nicht er als Europas Fußballer des Jahres geehrt wurde, sondern Luka Modrić, sein früherer Teamkamerad von Real Madrid. Dann sagte Ronaldo für das Länderspiel Portugals gegen seine neue Wahlheimat Italien ab. Um in Turin zu trainieren, dachte man – doch dann tauchten Fotos auf mit dem gestählten Körper des Helden und seiner Freundin Georgina auf einer Jacht. Portugals Nationalmannschaft gewann ohne ihn.

Seit dem Kauf Ronaldos legte der Börsenkurs der Juve-Aktie um 130 Prozent zu

Hatte er die besten Tage hinter sich? Die Fans begannen zu diskutieren. Was, wenn es die Mannschaft von Trainer Massimiliano Allegri nicht schaffen würde, das Spiel auf den Portugiesen zuzuschneiden wie zuletzt Real Madrid unter Zinédine Zidane? Bei Real war er nicht mehr der schnelle Mann am Flügel gewesen, der Tore vorbereitet und dribbelt. Ronaldo, von Trainer Zidane oft geschont, musste in den wichtigen Partien nur in Tornähe lauern und verwerten, was ihm das Starensemble, das für ihn arbeitete, an Torchancen zulieferte.

In Turin? Dort verbringt er im ersten Heimspiel der Saison gegen Lazio Rom viel Zeit damit, an der Mittellinie auf Pässe zu warten. Nach dem Abpfiff steht sein französischer Mitspieler Blaise Matuidi in den Stadionkatakomben und sagt: "Wir müssen unser Spiel noch besser an Ronaldo anpassen." In den nächsten Partien wirken diese Versuche verkrampft. Sobald Juventus angreift, suchen die Spieler Ronaldo, um ihn in Szene zu setzen; das macht ihr Angriffsspiel berechenbar.

Fraglich bleibt, wie sich die Präsenz des Super-Egos Ronaldo, der sich bei Toren der Mannschaftskollegen kaum zu freuen scheint, auf den Teamgeist auswirkt. Nach dem Weggang der Torwartlegende Gianluigi Buffon, der auf seine alten Tage nach Paris wechselte, fehlt ein Gegengewicht in der Kabine, eine Autorität. Der ehemalige Abwehrchef Leonardo Bonucci, eigentlich eine natürliche Respektsperson, hat an Ausstrahlung eingebüßt. Er wird in der Fankurve ausgepfiffen, weil er im vergangenen Jahr Turin in Richtung des Erzrivalen AC Mailand verließ – und in diesem Sommer reumütig zurückkehrte, als es dort nicht lief.

Immerhin, Ronaldo, auch wenn sein narzisstisches Gehabe vielleicht manchen Mitspieler nervt, liefert mutmaßlich zuverlässig. 311 Tore in 292 Partien der spanischen Liga, 120 Tore in 153 Champions-League-Spielen – mehr Tore hat im höchsten europäischen Club-Wettbewerb niemand erzielt.