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Fängst du mit einer Partei an, die du schon mal gewählt hast, denke ich und betrete an einem dieser warmen Spätsommerabende in einer Mischung aus Vertrautheit und Nervosität einen Garten in Berlin-Schöneberg. Zwischen Hochbeeten, aus denen Tomaten wachsen, stehen etwa dreißig junge Menschen. Viele tragen T-Shirt, einige sind barfuß. Auf dem Grill garen Tofu- und Gemüsespieße, wie bei jeder Veranstaltung der Grünen Jugend Berlin gibt es auf diesem Sommerfest nur veganes Essen. Ich bin nicht angemeldet, aber auf Facebook stand, es könne jeder kommen.

Alle scheinen sich zu kennen, die Gespräche wirken freundschaftlich. Weil die Stimmung so gut ist, fühle ich mich schlecht. Ich bin ja nicht gekommen, um in Einvernehmlichkeit zu baden, sondern um politisch zu streiten. Als Erstes erwidert eine junge Frau meinen Blick. Sie ist blond, ihr linker Fuß steckt in einer orthopädischen Schiene, sie lächelt. Ach, ein Reporter der ZEIT, wie schön, herzlich willkommen. Sie heiße Jana, sagt sie. Es ist für sie klar, dass wir per Du sind.

Ich erkundige mich nach Janas Fuß. Stressbruch. Zugezogen, weil sie die falschen Birkenstock-Sandalen trug. Wir lachen über dieses vielleicht schönste der vielen Grünen-Klischees um uns herum. Ich frage, wer die Leute hier seien. Hauptsächlich Grüne Jugend, sagt Jana. Die Jusos und die Solids, die jungen Linken, seien auch eingeladen. Die Junge Union? Natürlich nicht. Die Junge Alternative, die Jugendorganisation der AfD? Nein, mit Nazis wolle man nichts zu tun haben.

Das ging schnell. Ich bin zwei Minuten hier und schon mitten im Thema.

Ich habe Jana erzählt, dass mich die Redaktion auf eine politische Deutschland-Reise geschickt hat. Dass ich herausfinden soll, wo es Dialogbereitschaft gibt, wo ich auf wie viel Toleranz gegenüber Andersdenkenden stoße.

Mit wie vielen von der Jungen Alternative sie gesprochen habe, bevor sie zu ihrem Nazi-Urteil kam? Mit keinem, sagt sie. Warum? Sie kenne das Parteiprogramm. Sie habe AfD-Reden im Bundestag gehört, schlimm genug, dass die da drin sind.

Auch mich ängstigt der Angriff der Rechtspopulisten auf die liberalen Demokratien. Aber mich ängstigt auch etwas anderes. Der Satz: "Mit denen zu reden bringt nichts!" Er ist von links wie von rechts zu hören und beschreibt eine neue Sprachlosigkeit, die mir gefährlich erscheint.

Bringt reden wirklich nichts? Oder ist es einfach bequemer, es nicht zu tun?

Ich stelle diese Frage genauso wie etwa 20.000 Deutsche, die in den vergangenen Wochen eine Art Gegenwette eingegangen sind. Auf Initiative von ZEIT ONLINE haben sie auf den Websites deutscher Medien sieben Fragen beantwortet. Sollte Deutschland seine Grenzen strikter kontrollieren? Sollte Fleisch stärker besteuert werden, um den Konsum zu reduzieren? Sollten deutsche Innenstädte autofrei werden? Ja oder nein? Aus den Antworten berechnete ein Algorithmus Tausende maximal ungleiche Paare. An diesem Sonntag treffen sie sich im ganzen Land: Migrationsbefürworter mit Migrationsskeptikern, Vegetarier mit Fleischessern, Auto- mit Radfahrern. Die Aktion heißt  "Deutschland spricht".

Deutschlandkarte mit den Wohnorten der Teilnehmer

20.028 Teilnehmer 10.014 mögliche Gesprächspaare

An Jana fällt mir auf, wie nett sie gleich zu mir ist, als wären wir Verbündete. Das ist angenehm, natürlich. Ich erkenne den Wir-gegen-die-Ton wieder, den ich oft in Gesprächen über die AfD höre. "Schlimm, wie viele von denen es mittlerweile gibt" – das ist ein typischer Satz in solchen Unterhaltungen, gleichzeitig Identitäts-Check und Schulterschluss. Ich sage dann normalerweise: "Ja, mir macht das auch Angst." Aber jetzt will ich ja diskutieren, also sage ich diesmal, dass die AfD mit einem schon recht habe: Alle könne man nicht aufnehmen.

© ZEIT ONLINE

Ich habe den Eindruck, Jana weicht in der kurzen Stille, die folgt, ein wenig zurück. "Was?"

Na ja, sage ich, die UN schätzen, in diesem Jahrhundert könnten viele Millionen Afrikaner nach Europa kommen. Schon klar, genau wisse man das nicht, und nicht alle wollten nach Deutschland, aber sollten wir nicht vorbereitet sein? Würden wir, sagen wir, 200 Millionen Flüchtlinge aufnehmen?

Jana starrt mich an.

100 Millionen? 50 Millionen?

Mal sehen, wann du Stopp sagst, sage ich, zugegeben provokativ.

Zwanzig, zehn, fünf?

Ich wisse auch nicht, wo die Grenze sei, sage ich. Niemand könne das wissen, darüber könnten wir uns nur als Gesellschaft verständigen. Sollten wir das nicht tun?

Jana sagt, sie halte jeden, der eine Obergrenze fordere, für unmenschlich.

Ob sie gerade im Namen der Menschenrechte einige ihrer Mitbürger zu Unmenschen erklärt habe? Sie schweigt. Wenn man Umfragen glaube, sage ich, seien das etwa 50 Prozent der Deutschen. Dann sei das halt so, sagt sie.

Jana ist 22, vielleicht spricht aus ihr der Furor der Jugend. Oder ist es der Furor, diese Kompromisslosigkeit, die seit einiger Zeit die ganze Gesellschaft erfasst zu haben scheint?

Angenommen, ich hätte Muslime als Terroristen bezeichnet, Frauen als Schlampen oder Männer als Vergewaltiger, Jana hätte völlig zu Recht aufgeschrien: Stimmt nicht, Generalisierung! Aber kann man alle Befürworter einer Obergrenze Unmenschen nennen?

Spricht ein Mensch einem anderen das Menschsein ab, nennen Psychologen das Dehumanisierung. Eine Gesellschaft, in der es zu viel davon gibt, hat meist ein Problem. Die Griechen und die Sklaven, die Amerikaner und die Indianer, die Nazis und die Juden. Derzeit erleben die westlichen Gesellschaften wieder ein bedrohliches Maß an Dehumanisierung.

Rechte entmenschlichen Ausländer, indem sie von "brüten" sprechen oder von "rammeln", als ginge es um Tiere.

Linke entmenschlichen Rechte, indem sie von "Wilden" sprechen oder von "blutrünstigen Bestien".

Jana entmenschlicht alle, die für eine Obergrenze sind.