Als Helmut Kohl im Juni vergangenen Jahres starb, wurde Martin Walser von Pathos übermannt. "Ich bräuchte den Hexameter, den vielfüßigen, für den Gesang, der Kohliade heißt", schrieb der Schriftsteller in seinem im Spiegel veröffentlichten Nachruf und hob zur Hymne auf den Einheitskanzler an: "Es gibt in der deutschen Geschichte keinen glücklicheren Verlauf als den, den Helmut Kohl mit seinen Leuten erstritt". Und weil der Rhapsode vom Bodensee das Hauptwerk des Politikers aus der Kurpfalz, die deutsche Wiedervereinigung, ohne Vorbehalte gewürdigt sehen wollte, schloss er mit den Worten: "Jetzt ist Verklärung dran."

Jetzt aber meldet sich doch wieder ein Nörgler zu Wort: Lukas Bärfuss, Romancier, Essayist und Dramatiker aus der Schweiz, der ein entschieden anderes Kanzlerbild pflegt als sein deutscher Kollege. Die Wiedervereinigung als historische Leistung? Nein, sagt der 46-jährige Bärfuss, sie sei Kohl in den Schoß gefallen: "Die DDR war bankrott. Die Schutzmacht Sowjetunion hatte das Arbeiter-und-Bauern-Paradies aufgegeben. Den Rest erledigten die Menschen in Leipzig und Dresden, die auf die Straße gingen und das Regime stürzten." Dass es ohne den Altkanzler keine Einheit gebe, sei eine Legende – und schon hat er die offizielle Geschichtsschreibung in seiner bedächtigen Schweizer Art abgeräumt, in diesem freundlichen Auf und Ab der Stimme, das auch unerhörte Gedanken melodiös umschmeichelt.

An kühnen Thesen mangelt es auch seinem Kohl-Stück nicht, das als Auftragsarbeit in Mannheim von der Regisseurin Sandra Strunz uraufgeführt wird, wenige Kilometer vom Wohn- und Sterbeort des "schwarzen Riesen aus Oggersheim" entfernt. Es heißt Der Elefantengeist und thematisiert Aspekte des Kanzlers und seiner Partei, die nichts mit der Wiedervereinigung zu tun haben und in den Kohliaden eher unterzugehen drohten: CDU-Spendenaffäre, Flick-Gelder und schwarze Kassen, die Kohl schon früh anlegen ließ und die ihn als Patriarchen an die Macht brachten. Bärfuss, über seine intensiven Studien zu einem Parteienforscher geworden, interessiert sich für das "System Kohl" und – mehr noch – für die historischen Kontinuitäten, die dieses Gefüge aus Gefälligkeiten und Abhängigkeiten ermöglicht haben. Die Wurzel allen Übels liegt für ihn in brauner Zeit: "Eine Entnazifizierung hat es in Deutschland nie gegeben. Was die Siegermächte nach dem Krieg veranstalteten, war Gedächtnistheater", sagt der die Bühnenproben begleitende Dramatiker, der davon überzeugt ist, im Elefantengeist den missing link zwischen Kohl, der CDU und den Nazis zeigen zu können.

Aus der Zukunft, so die abenteuerliche Dramenhandlung, stößt eine archäologische Expedition ins versunkene Deutschland vor. Rothenburg ob der Tauber haben die Wissenschaftler schon gefunden, jetzt – am 43. Tag ihrer Zeitreise – entdecken sie die Ruinen von Bonn, den überwucherten Park des Palais Schaumburg und den verfallenen Kanzlerbungalow. Dort werden sie von etwas Unheimlichem heimgesucht, vom titelgebenden "Elefantengeist", der sie verfolgt wie einst der Geist Tutanchamuns den Ägyptologen Howard Carter. Zur Science-Fiction gesellt sich Horror, umso mehr, als der Bungalow einen der Expeditionsteilnehmer verschluckt und zugleich ein Buch ausspuckt, in dem alles über den sechsten Kanzler der Bundesrepublik steht. Er war von 1982 bis 1999 der ausdauerndste und letzte Bewohner des Gespensterhauses. Und während die aus einer friedlichen Utopie angereisten Archäologen versuchen, den namentlich nicht genannten, körperlich nicht vorhandenen, nur als Spuk anwesenden Kohl zu verstehen, brechen unter ihnen Konflikte auf. Zwist, Missgunst, Verrat und andere ihnen bisher unbekannte Leidenschaften bemächtigen sich ihrer: Die Utopisten werden zu jener Haifisch-Partei, in der sich Kohl hochgebissen und hochgekauft hat.

Als zentral in dieser grotesken, mit populären Genres spielenden Politparabel erweist sich die CDU-Spendenaffäre, die in den Achtzigerjahren die Partei erschüttert und Kohl im Jahr 2000, als er schon nicht mehr Kanzler war, den Ehrenvorsitz gekostet hat. Was historisch nicht bewiesen ist, aber investigative Recherchen nahelegen, spitzt Bärfuss in seiner turbulenten Räuberpistole zur Gewissheit zu: Die anonymen Spender, die Kohl mit seinem legendären "Ehrenwort" schützte, habe es gar nicht gegeben. Das Geld habe aus den vom Flick-Konzern gefüllten schwarzen Kassen gestammt, über die Kohl jahrzehntelang verfügte. Der Flick-Konzern wiederum – und da wird dem Dramatiker niemand widersprechen – schöpfte sein Milliardenvermögen während des Zweiten Weltkriegs aus der Rüstungsindustrie, der Beschäftigung von Zwangsarbeitern und der Enteignung von Juden. Ein verbrecherisches Gestern, in dem Bärfuss den Hintergrund von Kohls bundesrepublikanischem Wirken sieht. "Seine Macht war gestohlen von den Geschundenen, den Versklavten, den Ermordeten. Sie haben es mit ihrer Gesundheit, mit ihrem Leben bezahlt. Sie erhielten nichts. Solange er Kanzler war, wurden sie niemals entschädigt. Das ist die Schande hinter seinem Ehrenwort", sagt Dr. Martin, das Alter Ego des Autors auf der Bühne.

Kohl als Nazi-Profiteur: Es ist kein schmeichelhaftes, ein anfechtbares Bild, das Bärfuss vom "Einheitskanzler" zeichnet. Es ist die Demontage eines Mannes, der zu Lebzeiten, als er noch in Amt und Würden war, liebevoll-spöttisch als "Birne" bezeichnet und karikiert wurde. Jetzt also die drastische Verwandlung in den bös-gefährlichen "Elefantengeist", in ein aus finsterster Vergangenheit stammendes Gespenst, mit dem der neue Intendant des Mannheimer Nationaltheaters seine Amtszeit eröffnet.

Christian Holtzhauer kommt vom anderen, vom zweiten Nationaltheater, das die Deutschen haben, aus Weimar – und da er sich in seinem ersten Mannheimer Spielplan schwerpunktmäßig fürs 20. Jahrhundert interessiert, passt der in Stadt und Region noch immer präsente "Koloss aus alter Zeit" bestens ins Konzept.

Die Uraufführung von "Der Elefantengeist" findet am 29. September im Mannheimer Nationaltheater statt.