Ist das noch Politik, oder ist das schon Größenwahn? "Der Euro", so sagte es EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vergangene Woche im Europaparlament, müsse "Gesicht und Werkzeug der neuen europäischen Souveränität werden". Er werde dafür sorgen, dass Europas Gemeinschaftswährung dem amerikanischen Dollar auf den internationalen Finanzmärkten die Spitzenposition streitig mache und endlich "die Bedeutung erlangt, die ihr zusteht".

Für Juncker geht es nicht nur ums Geld. Der Euro ist für ihn ein Instrument, um den globalen Anspruch Europas zu untermauern. Weil die Amerikaner keine verlässlichen Bündnispartner mehr seien, müssten die Europäer selbst "weltpolitikfähig" werden – so sieht man in Brüssel die Lage. Deshalb sind Unterhändler der Kommission derzeit auf allen Kontinenten unterwegs, um neue Freihandelsabkommen abzuschließen, deshalb soll es irgendwann eine europäische Armee geben, und deshalb soll nun auch der Umgang mit der gemeinsamen Währung gewissermaßen eine geostrategische Dimension bekommen.

Wenn das nur so einfach wäre.

Tatsächlich ist das Einheitsgeld, gemessen an der wirtschaftlichen Bedeutung der Währungsunion, ein Schwächling. Gerade einmal 20,1 Prozent aller internationalen Devisenreserven lauten nach Erhebungen der Europäischen Zentralbank auf Euro, der Anteil des Dollar beläuft sich auf 62,7 Prozent. Etwa die Hälfte aller Warenimporte der Mitgliedsländer der Währungsunion werden in der eigenen Währung abgerechnet, in den Vereinigten Staaten sind es mehr als 90 Prozent der Einfuhren.

Besonders krass ist das Missverhältnis bei Rohstoffen: Ob Öl, Gas oder Braunkohle: Fast immer werden Lieferverträge in amerikanischer Währung abgeschlossen. Etwa 80 Prozent aller europäischen Energieeinfuhren werden in Dollar bezahlt, obwohl nur ungefähr zwei Prozent der aus dem Ausland eingeführten Energie aus den USA bezogen werden. Der Dollar ist somit der Schlüssel zum Weltmarkt, und diesen Schlüssel halten die Amerikaner in den Händen. Selbst wer in Europa hergestellte Flugzeuge von Airbus erwirbt, begleicht die Rechnung in Dollar.

Donald Trump nutzt die amerikanische Währung als Waffe

Lange hat sich daran in Europa niemand gestört, ganz im Gegenteil: Für die Amerikaner war der Dollar ein wichtiger Garant ihrer weltpolitischen Hegemonie, und die Europäer waren ganz froh, dass sie sich um die globalen Währungsangelegenheiten nicht zu kümmern brauchten. Doch seit Donald Trump an der Macht ist, ist die Sache komplizierter, wie der Streit um das iranische Atomabkommen zeigt. Trump hat es aufgekündigt, und europäische Banken müssen seither befürchten, dass sie den Zugang zum amerikanischen Kapitalmarkt verlieren, wenn sie sich weiter im Iran engagieren. Die Folge: Sie ziehen sich zurück und immer mehr Firmen aus Deutschland oder Frankreich mit ihnen. Trump setzt den Dollar also als Waffe ein, und den Europäern wird bewusst, dass die Abhängigkeit von der amerikanischen Währung sie verwundbar macht.

Die Stärkung des Euro werde diese Abhängigkeit verringern, so hofft man in Brüssel. Die Kommission hat deshalb eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die ausloten soll, wie das internationale Gewicht des Euro gestärkt werden kann. Sie wird geleitet von Währungskommissar Pierre Moscovici und Energiekommissar Miguel Arias Cañete. Bis Dezember wollen die beiden eine Liste mit konkreten Maßnahmen vorlegen, die dem Euro zu neuem Schwung verhelfen sollen. Wie zu hören ist, geht es unter anderem darum, Lieferverträge für Öl und Gas, soweit möglich, auf den Euro umzustellen. Das könnte in einigen Fällen sogar funktionieren. Russland, einer der wichtigsten Energielieferanten der Europäer, möchte seit einiger Zeit raus aus dem Dollar, schließlich wurden auch die Russen von den Amerikanern mit Sanktionen überzogen. Und China wendet sich angesichts des eskalierenden Handelsstreits mit den USA – diese Woche hat Trump neue Strafzölle gegen das Land verhängt – ebenfalls von der amerikanischen Währung ab. Die wirtschaftspolitischen Ausfälle des Präsidenten werden "auf längere Sicht den Dollar schwächen", sagt Otmar Issing, langjähriger Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die EZB selbst unterstützt den Vorstoß der Kommission. Die Angelegenheit wurde in der vergangenen Woche im Rat der Notenbank besprochen. Bislang hatte sie sich in Währungsfragen ein Neutralitätsgebot auferlegt. Sie unterstützt die Verbreitung des Euro nicht, behindert sie aber auch nicht. Man werde zwar keine "Werbekampagne für den Euro" auf den Weg bringen, sagt einer, der an der Sitzung teilgenommen hat. Denkbar sei aber beispielsweise, es ausländischen Banken leichter zu machen, sich mit Euro einzudecken und den europäischen Kapitalmarkt zu stärken.