Ein Rahmen mit Bandagen, dazu ein Schloss aus Hanf: my Boo, von Studenten gegründet, stellt in Ghana und Kiel Fahrräder aus Bambus her.

Organisch und elastisch fährt sich das my Afram Nexus, man gleitet durch die Stadt, welch ein Spaß! Nun ist so ein Eindruck immer subjektiv; in diesem Fall vermittelt nicht nur durch das Material des Fahrrads, sondern auch durch das Wissen ums Material. Denn der ockerfarbene, knorrige Rahmen besteht aus Bambus – was man nie vergisst, weil man bei jedem Absteigen gleich wieder umringt ist von Neugierigen, die ihrem Erstaunen Ausdruck verleihen, anfassen wollen und immer dieselbe Frage stellen: "Hält denn das?"

Die Kieler Fahrradmanufaktur my Boo sagt: Es hält. Sie gewährt fünf Jahre Garantie. Noch, sagt Jonas Stolzke, einer der beiden Firmengründer, sei der Garantiefall nie eingetreten. Aber der 26-Jährige erinnert sich gut an das bange Warten, nachdem sie den ersten Rahmen nach Waltrop ins Prüflabor geschickt hatten. Wenn der den Test nicht bestanden hätte, wäre der Traum von der innovativen Firma schnell ausgeträumt gewesen.

Was war das auch für eine schräge Idee: einen Fahrradrahmen aus einem frei wuchernden Holzgras zimmern zu wollen und etwas natürlich Krummes mit Achtgangschaltung, hydraulischen Scheibenbremsen, Nabendynamo und LED-Scheinwerfern zu versehen. Deshalb zieht der Rahmen heute ja alle Blicke auf sich: weil das Pflanzliche und das Technische hier eine unerwartete Kombination eingehen.

Bambus lässt sich nicht schweißen. Die Enden der Rohre werden mit harzgetränkten Hanffasern umwickelt, die trocknen und aushärten und glatt geschliffen werden. Das sieht kurios aus: ein Fahrrad mit Bandagen!

Wie das alles anfing, erzählt der zweite Firmengründer und Mitinhaber, Maximilian Schay, 27: Zwei Erstsemester der Betriebswirtschaft, 19 und 20, aus Hannover und Dithmarschen, laufen sich in Kiel bei der Wohnungssuche über den Weg. Die Konkurrenten kommen einander näher bei einer Frage, die beide umtreibt: Was könnte man neben dem Studium noch machen?

Sie hatten von Rädern keine Ahnung. Ihr Interesse wurde geweckt durch einen deutschen Freund, der – engagiert in Ghana in der Malariabekämpfung – per Facebook das Bild eines Bambusrades geschickt hatte. Ließe sich nicht mit Afrika etwas machen?

In Kiel beginnen die Recherchen. Bald stellt sich heraus: Das UN-Projekt, das Bambusräder für den ghanaischen Markt bauen wollte, ist gescheitert. Keine Nachfrage. 1896 hatte es Bambusräder in Paris gegeben, zwischen 1905 und 1910 sogar 10.000 Exemplare in Österreich – bis die Sache in Vergessenheit geriet. Im Deutschland der Gegenwart gibt es nur hier und da Tüftler, die in kleinen Stückzahlen fertigen.

Bambus wächst in Ghana wild, 20 bis 30 Meter hoch, in wenig genutzten Wäldern. Was geschlagen wird, erneuert sich in drei Jahren. Die Kieler stoßen auf Kwabena Danso, einen Ghanaer, der in Kumasi Psychologie studiert hat und nach seinem Abschluss in das 300-Einwohner-Dorf Yonso zurückgekehrt ist. Er will keine Karriere in der Fremde machen, sondern seine Heimat voranbringen.

In Yonso, findet Schay heraus, gibt es eine schwache Infrastruktur, kaum Strom, ein paar Taxis, etwas Kakao und keine Perspektive außer Herumhängen. Mit Spenden habe Danso versucht, Bildungsprojekte zu starten, schwierig. Dann habe er mit zwei Helfern Bambusrahmen gebaut. Jetzt wächst die Vision in Kiel noch schneller als der Bambus in Yonso: ein Fahrrad aus ökologischem Material; die Rahmen gefertigt in Ghana bei fairer Bezahlung; zu Rädern individuell montiert an der Förde; als Zielgruppe europäische Kunden mit Weltbewusstsein, Umweltempfinden und Geld.