Wenn die FPÖ in der Regierung einen Triumph zu feiern hat, will der dem blauen Publikum entsprechend angepriesen werden. "Fakt ist: Eine Lehre ist KEIN Asylgrund", bejubelt man im blauen Parteikanal auf YouTube die Ankündigung von Innenminister Herbert Kickl, dass es keine Ausnahmeregelungen für Asylwerber in Ausbildung geben werde. Konkret heißt das: Lehrlinge mit negativem Asylbescheid werden von nun an, obwohl sie mitten im Lehrbetrieb stehen, abgeschoben. "Während andere nur reden, greifen HC Strache und seine Regierungskollegen konsequent durch", lobt FPÖ-TV die blauen Helden.

Kickls rigorose Ankündigung war der zweite blaue Coup innerhalb weniger Wochen. Ende August hatte die Regierung bereits bekannt gegeben, eine Lehre für Asylwerber künftig nicht zu dulden. Dass dieses Verbot unzählige Kritiker, vor allem auch innerhalb der ÖVP, auf den Plan rief, beeindruckt die Regierung offensichtlich kaum. Die ursprüngliche Bereitschaft, über Lösungen für jene nachzudenken, die in österreichischen Betrieben bereits im Einsatz sind, erwies sich als reine Hinhaltetaktik. Scheibchenweise würgten ÖVP und FPÖ Diskussionen ab, um die lästige Debatte rund um Asyl und Lehre endlich vom Tisch zu haben.

Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate verdeutlichen den "neuen Stil" von Schwarz-Blau: Anstatt eines Austausches mit Sozialpartnern, Kammern oder der Wirtschaft wird über alle Interessen hinweg entschieden. Währenddessen inszeniert sich die FPÖ als Ordnungshüter der Nation. Sie kann ihr Zeichen setzen: Flüchtlinge sind im schwarz-blauen Österreich unerwünscht. Jede Abschiebung wird zur symbolpolitischen Machtdemonstration.

Dazu passt auch, wie die FPÖ Flüchtlinge als konsequente Bedrohung inszeniert, der man mit Härte begegnen müsse. Erst vor Kurzem hatte der Wiener Klubobmann der FPÖ, Johann Gudenus, einen aus Afghanistan stammenden Lehrling beschuldigt, er sei auf Facebook Anhänger radikal islamischer Gruppen. Prompt zeigte ihn Gudenus auch an. Wohl nicht zufällig handelte es sich ausgerechnet um jenen Lehrling, den Bundespräsident Alexander Van der Bellen zuvor an dessen Arbeitsplatz, einem Supermarkt, besucht hatte, um für den Verbleib von Asylwerbern in der Lehre zu werben. Obwohl sich die Anschuldigung rasch als völlig aus der Luft gegriffen herausstellte, kursiert das blaue Gespenst weiterhin in den sozialen Medien.

Seit 2012 ist es Asylwerbern bis zum Alter von 25 Jahren gestattet, eine Lehre in einem Mangelberuf anzutreten. Damit füllen sie die Lücken in jenen Berufen, für die sich kein Österreicher finden lässt. Die Bandbreite der Jobs ist groß. Asylwerber arbeiten als Maler, Weber oder Schneider, manche nähen auch Dirndl und Trachten für namhafte Traditionsunternehmen. Etwas mehr als 1000 Asylwerber absolvieren in Österreich aktuell eine Lehre, die meisten davon, 359, arbeiten in oberösterreichischen Betrieben. Rund ein Drittel aller österreichischen Asylwerber in Lehre hat allerdings einen negativen Asylbescheid und steht nun akut vor der Abschiebung.

"Derzeit kommt in unserer Region auf zehn offene Lehrstellen ein Lehrstellensuchender", sagt Michael Großbötzl, oberösterreichischer Unternehmer und ÖVP-Stadtpolitiker im oberösterreichischen Ried im Innkreis (ZEIT Nr. 14/18). "Seinen" Lehrling, den er dringend braucht, möchte er nicht mehr abgeben. Mit diesem Vorstoß werde dem Unternehmen finanzieller Schaden zugefügt, sagt auch Sylvia Hochstöger, Chefin einer Dachdeckerei und Spenglerei in Pabneukirchen im Mühlviertel.

Noch nie in dieser Legislaturperiode war die Front der Regierungskritiker so breit

Rudi Anschober, oberösterreichischer Integrationslandesrat der Grünen und Gründer der Initiative "Ausbildung statt Abschiebung", nennt das Nein zu Ausnahmeregelungen einen "dramatischen Wortbruch". Anschobers Initiative ist mit 62.000 Unterstützern ein Seismograf für die breite Front, die sich gegen die Regierungslinie positioniert hat. 850 Unternehmen, 66 Prominente, darunter auch Georg Kapsch, Präsident der Industriellenvereinigung, und unzählige Gemeindevertreter sprechen sich laut für den Verbleib von asylwerbenden Lehrlingen aus.