Mein erstes Abendessen gab ich mit 18, vor sechs Jahren. Weil die Abiturprüfungen bevorstanden und keiner meiner Freunde groß ausgehen wollte, lud ich einige von ihnen zu mir nach Hause ein, zu einer Dinnerparty. Ich kaufte ein, deckte den Tisch mit dem guten Geschirr meiner Eltern, putzte das Wohnzimmer und kochte. Um 20 Uhr stand ich parfümiert und in hohen Schuhen am Küchenfenster und wartete auf meine Gäste. Zwei von ihnen kamen mit einem Kasten Bier.

Ich weiß noch, wie alle verlegen um den Esstisch herumstanden, während ich verzweifelt überlegte, welche Musik passen könnte. Ich wollte eine Atmosphäre glamouröser Gemütlichkeit herstellen, untermalt vom Klirren der Weingläser und vom sanften Vibrato einer Art-Pepper-Schallplatte. Meine Freunde waren für Kanye West. Offenbar konnten sie mit meinem Konzept für den Abend nicht viel anfangen.

Eine Dinnerparty, wie ich sie meine, ist mehr als ein spontanes Treffen mit Tiefkühlpizza zum Fußballspiel. Es ist ein Fest, dessen Anlass die Freundschaft ist, die diesen Rahmen einfach hin und wieder verdient: einen gedeckten Tisch, ein selbst zubereitetes Essen, ein feines Kleid, das man anzieht, um die Feierlichkeit des Abends zu betonen. Allerdings schrillen schon an diesem Punkt bei den meisten meiner Freunde die Alarmglocken.

Sie stellen sich dann eine unglaublich steife Veranstaltung vor, bei der das Essen aus fünf Gängen bestehen muss, mit mindestens einer aus Frankreich importierten Delikatesse, wobei es außerdem die korrekte Gabelreihung einzuhalten gilt und alle Gesprächsthemen, die über luftigen Small Talk hinausgehen, dringend zu vermeiden sind. Kurzum: ein Ereignis, bei dem man jederzeit Gefahr läuft, sich zu blamieren, sowohl als Gast als auch als Gastgeber.

Kochen gilt vielen meiner Altersgenossen als spießig. Wenn sie mal nicht beim Lieferservice bestellen oder essen gehen, dann kochen sie nur für sich selbst oder allerhöchstens für zwei.

Und dann sind da natürlich noch die diversen individuellen Ernährungspläne, deren Einhaltung heute wichtiger ist als das gemeinschaftsstiftende Erlebnis. Die einen sind Vegetarier oder Veganer, die anderen vertragen keinen Weizen, der Nächste findet Kuhmilch unmoralisch oder probiert gerade die Florida-Diät aus. Eine der wichtigsten Szenen in der Bibel ist das gemeinsame Abendmahl. Spielte sie sich allerdings in der heutigen Zeit ab, würde mindestens einer der Jünger am Tisch fragen, ob das geteilte Brot glutenfrei ist.

Obendrein fällt es vielen meiner Altersgenossen schwer, sich mehr als zwölf Stunden im Voraus auf ein Abendprogramm festzulegen. Das macht die Planung eines Essens mit mehr als Chips und Bier kompliziert. Oder die Leute kommen gar nicht erst: Bei einem meiner Abendessen im vergangenen Sommer tauchte eine gute Bekannte trotz Zusage einfach nicht auf. Später am Abend schickte sie mir eine SMS, sie habe es nicht geschafft.

Einladungen, bei denen ein Gastgeber seine Gäste bewirtet, sind inzwischen rar geworden – das ist nicht nur in meiner Generation so. Meine Eltern berichten, dass es ihnen in ihrem großen Freundeskreis ähnlich ergeht. Offenbar werden private Zusammenkünfte dieser Art als Quelle großer Anstrengung, Last und Ausgaben betrachtet. Deshalb geht man heute lieber ins Restaurant und teilt am Ende ordentlich die Rechnung, damit bloß ja keiner irgendeinen Aufwand betreiben muss. Und trifft man sich doch mal zu Hause, muss natürlich jeder etwas mitbringen, nicht nur an Silvester.

Kürzlich war ich zu einem Grillabend eingeladen, bei dem die Aufgabe der sogenannten Gastgeber einzig darin bestand, den Grill anzuzünden. "Das Fleisch könnt ihr euch selbst mitbringen", stand in der Einladung. "Denkt auch an was zu trinken!" Dabei handelte es sich nicht um eine Party mittelloser Studenten. Meine Schwester erzählte mir von einem kleinen Abendessen bei einer befreundeten Bankerin, die von jedem "Gast" seinen Kostenanteil kassierte. Selbst bei feierlichen Anlässen wird nur noch minimaler Aufwand betrieben. Als ein Freund zu seinem 25. Geburtstag zu einem Wochenende am Meer einlud, wurden die Ferienhaus-Miete und sämtliche Ausgaben für Essen und Getränke auf alle Anwesenden verteilt. Die Gäste kochten auch selbst, an beiden Abenden.