Ein deutscher Jahrmarkt 1936: Noch wenige Jahre zuvor spielte die Herkunft keine Rolle in der Welt der Kirmes – dann änderte sich alles. © Herbert Hoffmann/ullstein bild/Getty Images

Ursula Krechels Buch beginnt wie eine experimentelle Oper, deren Solostimmen mehr und mehr von Maschinenlärm erstickt werden. Die Maschine ist in diesem Fall das Räderwerk des Nationalsozialismus, sein Sadismus, seine Phrasenproduktion, seine Direktiven, Listen, polizeilichen Verordnungen, die Degradierung von Mitbürgern zu systemgefährdenden Verbrechern. Die leiser werdenden Solostimmen gehören der Sinti-Familie Dorn und den in der KPD engagierten Geschwistern Torgau. Verknüpft sind sie und weitere Protagonisten durch die Grenzstadt Trier und den Erzähler Bernhard Blank, in dessen Grundschule die Erzählstränge des über 600 Seiten starken Buches in den 1950er-Jahren zusammenlaufen.

Dass das Schicksal der Schaustellerfamilie Dorn den tiefsten Eindruck hinterlässt, hat nicht nur mit dem großen Leid zu tun, das ihr angetan wird. Mehr als beim übrigen Personal erlaubt sich die Autorin hier, von Traditionsbewusstsein, der Sinnlichkeit des Alltags, von Wünschen und Sehnsüchten zu erzählen. Obwohl die Kirmeswelt der Dorns bald durch Repressalien ausgelöscht wird, bleibt sie im Buch eine glückliche Insel. Mit bunten Lichtern, Zuckerwatte, Röstmandeln, Wurfbuden, Karussellpferdchen und scheppernder Blechmusik zieht sie alle Gesellschaftsschichten an. Sie stellt die Welt auf den Kopf, die Saisonarbeiter mit ihren abenteuerlich tätowierten Armen sind plötzlich die Helden und lehren junge Mädchen das Träumen.

Der Patriarch Alfons Dorn ist über seine kinderreiche Familie so glücklich, wie er stolz auf sein Unternehmen ist. Die Dorns stehen kurz vor der Verbürgerlichung und haben ein Häuschen mit Fliederbüschen vor der Tür gekauft. In den Tiefen des Küchenschranks liegt das Ersparte. Und als Alfons im Fachblatt vom Autoskooter liest, der auf der Berliner Messe gezeigt wird, beschließt er, den Betrieb zu modernisieren. Mit seinem Schwager Laurenz unternimmt er seine erste Bahnreise. Doch dann passiert das Schreckliche. Auf der Berliner Messe wird er grob zurückgewiesen: An Zigeuner verkauft der Händler nicht.

Die Mühlen des totalitären Systems beginnen zu mahlen. Ratlos streifen die Dorns durch Berlin und gesellen sich zu Sinti-Musikanten. Alfons erhält eine Geige und spielt sich die Verstörung von der Seele. Doch wir sind im Sommer der Olympischen Spiele von 1936, die Straßen sollen sauber sein. Noch am selben Abend werden die Musikanten aufgegriffen, polizeilich erfasst und nach Marzahn ins erste, doch schon perfekt menschenverachtende Lager der Nazis verfrachtet. Zu Fuß gelingt den Dorns die Flucht zurück nach Trier. Dort erzählen sie nicht vom Erlittenen, aber das Grauen holt sie bald ein. Eine Rassenforscherin taucht auf, vermisst die Schädel der Kinder und fragt sie nach Verwandtschaftsverhältnissen aus. Als Alfons’ Frau Lucie in den Wehen liegt, lässt sich die Hebamme nicht blicken, das Kind stirbt bei der Geburt. Auch das Karussell entspricht nicht mehr den Normen und muss auf eigene Kosten verschrottet werden. Die älteste Tochter Kathie wird zwangssterilisiert.

Die Dorns verlieren fünf Kinder in Auschwitz. Alfons humpelt, ihm wurde dort eine Kniesehne zerschlagen, weil er nicht schnell genug beim Appell erschien. Lucie schlug man so oft auf den Kopf, dass sie an einem Tumor stirbt. Ihre Tochter Orli hat im KZ Mengeles Kinderexperimente erlebt. Josef, der älteste Sohn, ist vor den Nazis nach Luxemburg geflohen und in einer Bäckerei untergekommen. Als die Deutschen einmarschieren, wird er nach Buchenwald deportiert. Nach dem Krieg setzen sich die Demütigungen fort. Das Fliederhaus wurde abgerissen, Nachbarn haben dort einen Kaninchenstall aufgestellt. Die Behörden wiegeln ab. Die zu Wiedergutmachungszahlungen nötigen Papiere sind nicht vorhanden, es wird wieder vor Zigeunern gewarnt. Nur der im KZ geborene Ignaz ist ungebrochen. Mit seiner Schwester Anne kauft er den stillgelegten Trierer Bahnhof und eröffnet ein gut gehendes Restaurant, das von Neonazis demoliert wird. Die Ordnungskräfte sind überfordert, für rassistische Verbrechen nicht sensibilisiert. Ignaz spürt die Vandalen auf und wird, als er ihre Namen liefert, für sein eigenmächtiges Vorgehen verwarnt.

Man möchte klagen, es könne doch nicht alles immer schiefgehen, doch das bessere Wissen sagt: Es wird wohl so gewesen sein. Geisterbahn basiert auf umfangreichem Quellenmaterial. Auch die Protagonisten scheinen aus Aktennotizen auferstanden zu sein. Die Wucht der Grausamkeiten, die Ursula Krechel Revue passieren lässt, erzeugt einen perversen Sog. Wie Lots Frau kann man nicht wegsehen und verfolgt gebannt, wie Existenzen vom bösen Zauber der ins Werk gesetzten Ideologie verschluckt und als Ruinen ihrer Möglichkeiten wieder ausgespuckt werden. Deshalb hat auch die Nachkriegszeit ihren Platz mit der Schulklasse, aus deren Freundeskreis sich prosaische Biografien ergeben. Die federleichte Kirmeswelt, in der jede Herkunft und Weltanschauung zu Hause war, feiert nach dem Krieg keine Rückkehr, stattdessen ein düsteres Miteinanderauskommen, in dem auch die Liebe unzuverlässig und flüchtig ist.

Der Erzähler nimmt erst in der Buchmitte Kontur an. Doch glaubt man dem sentimentalen Lehrer in Pension weder die elastische Erzählerpersönlichkeit noch den Sprachstrom, die lyrischen Passagen, das großdeutsche Delirium oder die Exkurse zu historischen Schlüsselfiguren wie Gauleiter Gustav Simon, Furtwängler und Erzbischof Frings. Die Erzählstimme ist vielmehr ein Mutant, man weiß nie, wer spricht, das ist das zutiefst Unbehagliche an Geisterbahn. Am ehesten ist hinter der Erzählerfigur die Autorin selbst erkennbar, die sich empört und in Rage redet wie die Jelinek. Ihr emotionales Engagement scheint auch bei den durchgehend karikierten Nachkriegsdeutschen durch. Bei der Theatereröffnung "sehen die Gäste protzig aus, lächeln übertrieben breit in die Kamera, schwere Pelzmäntel und Smokings". Die Handarbeitslehrerin ist eine "breithüftige, stolze Person mit einer zusammengenestelten Hochfrisur", die mit der Stricknadel bedrohlich vor der Klasse herumgestikuliert. Dann ist da noch der Bauernsohn und Nazi-Aufsteiger Franz Neumeister, später Therapeut für schwer erziehbare Kinder, der den Beischlaftermin zur Zeugung seiner Tochter Aurelia astrologisch berechnet, sich beim Kirchenbesuch als fanatischer Schwärmer profiliert, seine Ehefrau verachtet, Aurelia mit erigiertem Glied verfolgt und ihre erste Liebe sabotiert.

Unvergesslich bleiben Details: der mit Bindfaden geschnürte Zopf der Dorn-Tochter Annchen, das polyphone Chaos des Nachkriegskongresses der Schausteller in Rom, der manische Versuch Lucie Dorns, Namen und Alter ihrer ermordeten Kinder aufzuzählen, und die Erklärung ihrer lebenden Kinder dazu: "Mutter hat Lager." Krechel fühlt sich mit Achtung und Feingefühl in die chronischen Leiden ein, die der Terror in den Figuren zurücklässt. Einmal dreht sich diese mit Bibelzitaten gespickte Prosa unvermittelt um Säulenheilige, ohne dass man gleich verstünde, was das soll. Doch dann hören wir, dass Josef Dorn, der beim KZ-Appell auf den Tod nicht umfallen durfte, nach seiner Rückkehr tagelang unter der Trierer Porta Nigra steht. Er kann sich nicht mehr setzen. Hier begegnet die schöne Grit Berghausen seinem Blick und flößt ihm von Neuem Lebendigkeit ein.

Dass die Dorns und Torgaus Heilige sind, muss nicht lange diskutiert werden. Dass sie deshalb nicht tabu sind, sondern nach all den Demütigungen und Versehrungen fühlende Menschen blieben, daran erinnert Ursula Krechel.

Ursula Krechel: Geisterbahn. Roman; Jung und Jung, Salzburg/Wien 2018; 639 S., 32,– €