Es half alles nichts. Sogar die Studentenausweise ließ Georg Simmel vor dem Hörsaal kontrollieren, doch die intellektuellen Touristen ließen sich nicht abschrecken, sie kamen weiterhin in Scharen, einige sogar aus Russland, unter ihnen Leo Trotzki. Zu Simmels Bewunderern zählte auch das akademisch unbescholtene Publikum aus der Provinz, und alle zusammen machten ihm das größte Kompliment, das man damals, Ende des 19. Jahrhunderts, einem Philosophen und Soziologen machen konnte: In seinen Werken erkannten sie das eigene Leben wieder, die Nervosität und Unruhe einer Gesellschaft, die glaubte, sie sei aus der paradiesischen Goethezeit direkt in die Hölle des Maschinenzeitalters strafversetzt worden.

Tatsächlich war Simmel ein Genie der Beschreibung. Er besaß ein absolutes Gehör für kleinste Vibrationen im "Gesellschaftskörper", er schrieb über Mode, Alpentouristik, die Psychologie des Schmucks und die Persönlichkeit Gottes ebenso meisterhaft wie über die neuen "Lebensmächte", über Beschleunigung, das Geld und die "wilde Jagd der Konkurrenz". Und es war Simmel, der den neurasthenisch-blasierten Sozialtyp entdeckte, jenes treu- und rastlose Menschenexemplar, das die Metropolen bevölkerte und sich mit zarten ästhetischen Gesten – wie man heute sagen würde – singularisierte: Jeder war nun einzigartig, jeder war eine soziale Differenz. Simmel sah darin weder Auflösung noch Verfall, sondern, so wörtlich, "das Wunder" der modernen Gesellschaft. Sie erzeugt ihre Einheit durch scharfe Gegensätze, und das hieß: Unterschiede trennen nicht, sie schaffen Zusammenhalt. Und wenn die "Unterschiedswesen" im geordneten Chaos ihrer komplexen Konflikte gemeinsam eine Mahlzeit einnehmen, dann nennt man es Kultur.

Mit solchen Sätzen hatte Simmel seinen Arbeitsbereich präzise abgesteckt. Der Soziologe dürfe nicht im akademischen Herrgottswinkel mit dürren Großtheorien und allgemeinen Wahrheiten klappern – er solle die "Kreuzung socialer Kreise" beschreiben, die Explosion des Besonderen, die "Relationen" und Vergesellschaftungsformen der Moderne, und zwar so anschaulich und präzise wie möglich.

Allerdings, während die Öffentlichkeit in Simmels Essays und Abhandlungen die Signatur ihres Zeitalters erkannte, erkannten seine Kollegen darin keine ordentliche Wissenschaft, sondern nur die unordentliche Virtuosität eines zwar brillanten, aber alles "zersetzenden" Salonphilosophen, der Soziologie sagte, aber Sozialismus meinte. Aus solchen Denunziationen tropfte nicht nur der blanke Neid kaisertreuer Kleingeister; daraus sprach originärer deutscher Judenhass, am widerlichsten bei Ludwig Klages, der ein bösartiges "Schriftgutachten" gegen den Publikumsliebling in Umlauf brachte. So blieb Georg Simmel, der 1858 als siebtes Kind einer Berliner Kaufmannsfamilie geboren worden war, über Jahre ein prominenter Außenseiter, ein Gelehrter ohne ordentliche Professur. Nicht einmal einen Doktortitel hatte man ihm anfangs verleihen wollen.

Wie originell Simmel war, zeigte sich schon daran, dass man ihn fortwährend zitierte, ohne seinen Namen zu nennen. Wer ihn offen kritisierte, der hielt ihm vor, er habe keine Theorie, und wenn doch, dann die falsche. Aber eine Theorie hatte Simmel sehr wohl, und damit hat es eine kuriose Bewandtnis: Ihr Fundament ist komplett veraltet und zugleich von beträchtlicher Aktualität, denn ihre falschen Begründungen führen immer noch zu richtigen Fragen (vgl. das von Hans-Peter Müller und Tilman Reitz im Suhrkamp Verlag herausgebene Simmel-Handbuch).

Simmels Schlüsselwort hieß Tragik, und damit meinte er, dass sich die moderne Seele mit tragischer Notwendigkeit von ihren Erfindungen, ihren "Objektivationen" entfremdet: Weil Technik und Wissenschaft eigenen Gesetzen folgen, erscheinen sie dem Einzelnen als verselbstständigte Mächte, und damit trennt "Seele und Sachwelt" ein tiefer Riss. Naturgemäß gehört die kapitalistische Logik ebenfalls zur tragischen Kultur, auch sie gerät zum Widersacher der Seele. Doch erst in dem Jahrhundertbuch Philosophie des Geldes (1900) verdichtet Simmel seine Eindrücke zu einer unfassbar radikalen, schlichtweg fantastischen Spekulation: Der Kreislauf des Geldes, so lautet sie, ersetzt den organischen Zyklus des Lebens – es sind die Geldverhältnisse, die den kosmischen Urgrund der Moderne bilden. Geld macht alles verfügbar und verbindet alles mit allem; es ist Freiheit und Zwang zugleich, und wenn es Zwang ist, dann dient Geld nicht dem Leben, sondern das Leben dem Geld. Damit betritt der ökonomische Mensch die Bühne, jener Weltflüchtling, der vor seiner inneren Leere davonrennt, und sei es "in die Alpen". Früher wohnte Gott in der Seele des "tauschenden Tiers", jetzt wohnt darin das Geld.