Alina Oehler (27) ist katholische Theologin und Publizistin. Im Wechsel mit der Vikarin Hanna Jacobs schreibt sie, wie sie als junge Christin ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Neulich habe ich in einer deutschen Großstadt getan, was ich sonst selten tue: Ich bin Taxi gefahren. Normalerweise ist mir das zu teuer, und ich fahre lieber mit den Öffentlichen. Diese Taxifahrt bleibt mir allerdings aus ganz anderen Gründen im Gedächtnis. Sie begann ganz harmlos: Der Fahrer lächelte mich freundlich an und fragte, ob ich in der Kirche gewesen sei, weil ich ein Kleid trage. Das Kleid hatte zwar nichts mit der Kirche zu tun, aber es stimmte, ich kam gerade aus einem Gottesdienst. Ein Gespräch entwickelte sich, er fragte, ob ich orthodox sei, evangelisch, nein, katholisch? "Fantastisch" fand er das. Da er gebrochen Deutsch und sonst wohl Arabisch sprach, dachte ich, er könnte ein Christ aus dem Nahen Osten sein, und begann mit ihm ein Gespräch über Religion. Eine anstrengende Entscheidung, denn der Fahrer winkte ab, erklärte, er sei Muslim, und begann ein Fragenfeuerwerk. Wie Jesus gebetet hätte? Die Antwort "Vermutlich wie ein Jude" gefiel ihm gar nicht. Nein, er hätte mit der Stirn den Boden berührt. Jesus sei im Prinzip Muslim gewesen und der Islam die kontinuierliche Fortführung des Christentums. Man würde das auch an der Kleidung der Musliminnen sehen – tragen sie nicht das Gleiche wie Maria?

Irgendwann gelang es meinem Mann, der auch im Taxi saß, ihn in seinem Redeschwall zu unterbrechen. "Jesu neue Lehre war der Friede zwischen allen Menschen", sagte er. Das brachte unseren Fahrer so sehr in Rage, dass er sich verfuhr. Er zitierte auswendig ein paar Sätze aus der Bibel, mit denen er beweisen wollte, dass Jesus Gewalt verherrlichte. Wir fragten uns, wo er diese Fragen und Zitate eigentlich gelernt hatte? Ob er Theologie studiert hat? "Nein, nicht an einer Uni."

Als wir endlich am Ziel ankamen, bedankte er sich für das aus seiner Sicht gute Gespräch, gab uns seine Karte mit dem Hinweis, ihn jederzeit anrufen zu können. Zum Abschied sagte er, er wünsche uns, dass Allah uns zum Islam führen werde.

Etwas benommen stieg ich aus dem Taxi. Seither verfolgt mich diese Fahrt. Ich muss an die Vorlesungen in der Fundamentaltheologie denken – was früher Apologetik hieß, also die Verteidigung des Glaubens. Dass ich dieses Wissen einmal in einem so emotionalen Gespräch benötigen würde, hätte ich nicht gedacht. Natürlich habe ich mich schon (und immer gern) über religiöse Fragen ausgetauscht – mit Protestanten, Orthodoxen, Buddhisten, Atheisten und natürlich auch mit Muslimen. Das war aber jeweils immer so respektvoll, dass jeder den anderen an seinem Platz lassen konnte. Es ging mehr um ein gegenseitiges Verstehen als um Missionsansprüche.

Nach dieser Taxifahrt nahm ich mir vor, das Apologetik-Buch daheim wieder auf den Lesestapel zu legen. Nicht mit dem Ziel, künftig jemanden zu irgendwas zu bekehren, aber ich möchte eben auch nicht "bekehrt" werden und hilflos dabei zusehen, wie jemand meinen Glauben diskreditiert. Auch mit Blick auf die Kirchenaustritte glaube ich, dass die Erklärungsnot künftig immer größer wird. Die Kirche sollte ihren Gläubigen helfen, sprachfähig zu bleiben, und immer wieder auch die Grundlagen erklären. Sonst kann so eine Taxifahrt wirklich lang werden.