Gibt es einen Gott? Für den emeritierten Frankfurter Philosophen Wolfgang Detel ist die Frage schon falsch gestellt. Eigentlich müsste sie ihm zufolge lauten: Was soll das überhaupt heißen – Gott? In seinem Buch Warum wir über Gott nichts wissen können versucht Detel zu zeigen, dass der Gottesbegriff der monotheistischen Weltreligionen semantisch inkonsistent ist – und damit erübrige sich dann auch der Streit zwischen Theismus und Atheismus. Wenn wir Gott nicht einmal widerspruchsfrei denken können, können wir erst recht nichts von ihm wissen. Detel plädiert deshalb für einen semantisch begründeten Agnostizismus.

Was spricht dafür, dass der Gottesbegriff widersprüchlich ist? Detel argumentiert so: Einerseits verstünden wir Gott als eine Person, die über Begriffe und Gedanken verfügt. Andererseits gingen wir davon aus, dass Gott perfekt und "unendlich" sei, also nicht durch eine äußere Realität begrenzt. Diese beiden Bestimmungen schlössen sich aber aus, behauptet Detel. Denn der "modernen Theorie des Geistes" zufolge lasse sich Denkfähigkeit funktionalistisch erklären und als ein Mittel zur Steigerung biologischer Fitness verstehen. Geist und Denken sind danach ein Mittel der Selbstbehauptung in einer wenigstens "zum Teil feindlichen Umwelt". Genau diese Voraussetzung fehle aber, wenn wir Gott Unendlichkeit und Perfektion zuschrieben: Ein unendliches und perfektes Wesen muss sich nicht in feindlicher Umwelt behaupten.

Dem lässt sich schwer widersprechen – aber was ist damit genau gezeigt? Wenig. Das semantische Inkonsistenzargument trägt sich gar nicht selbst, sondern setzt seinerseits die naturalistische Theorie des Geistes voraus. Es wird nicht klar, warum wir dieser Form von Naturalismus eigentlich folgen sollten. Detel scheint hier einfach davon auszugehen, dass sie alternativlos ist. Das verwundert umso mehr, weil er selbst zugibt, dass solch ein Naturalismus uns nicht nur "tiefe wissenschaftliche Rätsel" als unlösbar hinterlässt, sondern uns dazu auch noch zumutet, dass "wir eine transzendente Welt in Augenschein nehmen müssen, die uns gleichwohl für immer verschlossen bleibt". Könnte dann nicht auch umgekehrt die Unmöglichkeit, bestimmte zentrale Begriffe der philosophischen Tradition unter Voraussetzung dieses naturalistischen Erklärungsrahmens zu formulieren, ein Hinweis auf das philosophische Ungenügen eines solchen Naturalismus sein?

Was zudem irritiert, ist die Kurzschlüssigkeit, mit der Detel gegen Ende des Buches seine philosophisch-begriffliche Analyse mit politischen Schlussfolgerungen verbindet. Dass "mit dem Siegeszug des abrahamitischen Monotheismus (...) physische Übergriffe, Terror und Kriege sprunghaft" zugenommen hätten, setzt Detel einfach als evident voraus; er hält das für besonders skandalös, weil diese Gewalttaten im Namen eines Gottes begangen worden seien, den wir nicht einmal widerspruchsfrei denken könnten. Aus dem begrifflichen Inkonsistenznachweis ergebe sich deshalb die "politische Forderung" nach einer "vollständigen Säkularisierung aller Staaten". So wechselt das Buch am Ende stellenweise das Genre: vom philosophischen Fachbuch zur religionspolitischen Kampfschrift.

Wolfgang Detel: Warum wir nichts über Gott wissen können. Meiner Verlag, Hamburg 2018; 118 S., 16,90 €