Die Himmelsscheibe von Nebra gilt als eine der größten archäologischen Entdeckungen überhaupt. Harald Meller stellte sie im Februar 2002 in einer spektakulären Aktion sicher: Als Landesarchäologe Sachsen-Anhalts traf er sich in Basel mit Kriminellen – angeblich um ihnen die Echtheit des Objekts zu bestätigen. Tatsächlich war das eine Falle der Polizei. In einem neuen Buch skizziert Meller jetzt die bronzezeitliche Hochkultur, welche die Himmelsscheibe hervorgebracht hat. Auf dem Gebiet des heutigen Mitteldeutschlands soll sie ein frühes Staatswesen etabliert, für Handel und Wohlstand gesorgt und wissenschaftliche Innovation ermöglicht haben.

DIE ZEIT: Auf der Herrentoilette des Hotel Hilton haben Sie zwei Hehler in die Polizeifalle gelockt, um ihnen die Himmelsscheibe abzujagen... Was für ein Thriller! Damit sind Sie in die Archäologie-Geschichte eingegangen. Hat Ihnen der Showdown Spaß gemacht?

Harald Meller: Erst im Nachhinein, jedes Mal, wenn ich davon erzählen konnte. Aber in der Situation war ich unglaublich aufgeregt. Ich hatte schweißnasse Hände und fühlte mich komplett unsouverän, weil ich nicht wusste, ob’s gut ausgeht.

ZEIT: Die Schweizer Polizei hat auf Sie aufgepasst.

Meller: Schon, das sind ja Profis. Sie warnten mich eindringlich, dass es sich um organisierte Kriminalität handeln könnte. Sie haben mir eingetrichtert, nicht zu mutig zu werden. Als die Polizisten dann aber lange nicht auftauchten – und ich im Hilton-Klo in einem Funkloch saß, die Verbrecher vor der Tür –, habe ich schon einen Moment lang überlegt: Himmelsscheibe packen und davonlaufen?

ZEIT: Was hat Sie davon abgehalten?

Meller: Einer der beiden fingerte immer so in seiner Tasche herum. Hätte ja sein können, dass er eine Pistole dabeihatte. Am Ende funktionierte die Taktik der Schweizer Polizei, ich wurde nicht zu mutig.

ZEIT: Jetzt legen Sie ein Buch über den Hintergrund der Scheibe vor. Darin schreiben Sie, dieses frühe astronomische Meisterwerk stamme aus einem Königreich, das vor 4000 Jahren bereits eine Hochkultur begründete...

Meller: Ja, die Aunjetitzer Kultur entstand aus der Verschmelzung der Schnurkeramiker mit den Glockenbecherleuten. Es herrschte reger Rohstoffhandel und großer Wissenstransfer. An der Spitze des Staates stand ein König, und die Könige sicherten ihre Macht mit Armeen. Das war die Voraussetzung dafür, dass ein so hochkomplexes und wertvolles Gebilde wie die Himmelsscheibe von Nebra überhaupt entstehen konnte – in so früher Zeit.

ZEIT: Wieso hat dann noch niemand vom bronzezeitlichen Superstaat Aunjetitz gehört?

Meller: Sie haben noch nichts davon gehört. Es handelt sich um eine Kultur, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, in Tschechien und Polen verbreitet war. Wer im Westen wohnte, schaute nicht nach Osten. Er besuchte Notre-Dame in Paris – nicht aber zum Beispiel den Magdeburger Dom. Vieles im Osten hat bis heute im kulturellen Gedächtnis nicht die Bedeutung, die es verdient. Archäologen war Aunjetitz sehr wohl bekannt. Wäre die Kultur im Pariser Becken entstanden oder um Hamburg rum, wäre sie heute berühmter. So war sie wenig erforscht.

ZEIT: Das hat sich nun wohl geändert.

Meller: Der unerwartete Fund der Himmelsscheibe bot die Gelegenheit, Forschungsprojekte zu starten und diese Geschichte zu rekonstruieren.

ZEIT: Eine Rekonstrunktion voller Kriege, Reichtum, Mord und Totschlag – ziemlich konkret für den zeitlichen Abstand von vier Jahrtausenden. Darf man Ihre Erzählung ganz ernst nehmen?

Meller: Was auf der Welt muss man schon ernst nehmen? Auch Wissenschaft sollte man immer mit einem Augenzwinkern und einer gewissen Distanz betrachten.

ZEIT: Erstaunliche Aussage für einen Forscher!

Meller: Die Archäologie bietet mit Funden und deren Interpretation Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten an. Und jede neue Entdeckung wirft die nächste Frage auf.

ZEIT: Und wann gelangt man zur Wahrheit?

Meller: Man ist nie fertig. Archäologische Wahrheit gibt es ohnehin keine. Außerdem ist jeder Forscher immer ein Kind seiner Zeit.