Hans-Georg Maaßen war als Geheimdienst-Chef nicht mehr tragbar. Punkt. Entscheidender für die deutsche Politik ist, was Maaßens Versetzung ansonsten bedeutet: das Ende der Ära Seehofer. Dass der Innenminister den Präsidenten des Verfassungsschutzes, dem er gerade noch sein Vertrauen ausgesprochen hatte, nicht in diesem Amt halten konnte, zeigt, wie weit sein Autoritätsverfall gediehen ist. In der eigenen Partei und in seinem Ressort. Für ein Konflikttheater wie noch im Sommer, als er die Koalition an den Rand des Abgrunds drängte und die Einheit der Union aufs Spiel setzte, fehlte ihm in der Causa Maaßen schon die Macht. Ab jetzt ist alles nur noch bitteres Nachspiel.

Schon am vergangenen Wochenende konnte der CSU-Vorsitzende spüren, dass ihn seine Partei bereits als Schuldigen für die drohende Niederlage bei der Landtagswahl im Oktober designiert hat. Bei seinem Auftritt auf dem CSU-Parteitag schien sich Seehofer nicht einmal wirklich dagegen aufzubäumen. Er verzichtete auf die mobilisierende, scharfe, düstere Tonart, in der er seit Jahren die Flüchtlingskrise beschwört.

Erst am folgenden Tag in Balzhausen, tiefste bayerische Provinz bei Augsburg, wo der CSU-Vorsitzende im Wahlkampf gastiert, fällt er in seine angestammte Rolle zurück und versichert dem Publikum, er sei "der Letzte in Berlin, der dafür steht, Ihre Interessen zu vertreten und für Recht und Ordnung zu sorgen". Leute, die gefährliche Körperverletzung begangen haben, eine Vergewaltigung oder andere Kapitalverbrechen, seien konsequent abzuschieben. Wirklich Schutzbedürftige müssten "sich an unser Recht halten, nicht an die Scharia". Der Täter von Chemnitz mit den gefälschten Papieren, der Leibwächter von Osama bin Laden, der Mörder der 14-jährigen Susanna, sie alle ruft Seehofer auf als abschreckende Beispiele der Migrationskrise.

In Balzhausen kann man noch einmal den entfesselten Seehofer erleben, der plötzlich alles Spielerische verliert. Der immer wieder seine frühen Warnungen vom Sommer 2015 bestätigt sehen will und dabei gar nicht realisiert, wie diese Reden die Erfolge, die er verspricht, schon torpedieren, bevor er sie erreicht hat.

Seehofer selbst hat früh die Fährte gelegt, dass seine Leidenschaft beim Thema Migration mit einem früheren Konflikt zu tun hat: seinem Kampf gegen die "Kopfpauschale". Damals, im Jahr 2004, stellte er sich gegen die liberale Gesundheitsreform, mit der die Oppositionsführerin Angela Merkel Schröders Agenda 2010 übertrumpfen wollte. Jahre bevor der Neoliberalismus durch die internationale Finanzkrise schwer in Misskredit geriet, folgte Seehofer seiner Intuition. Er spürte, anders als Merkel, dass der liberale Umbau der sozialen Sicherungssysteme zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen würde. So wurde er zum erbitterten Gegner der Reformpläne. Der Christsoziale, der es aus kleinsten Verhältnissen an die Spitze der deutschen Politik geschafft hatte, stand seinerzeit allein gegen Merkel, gegen die ökonomische Lobby, gegen die versammelte Publizistik. Den Machtkampf mit Merkel und dem damaligen Mainstream musste er verlieren. Aber mit seiner sozialen Intuition lag er richtig. Das hat ihn nicht gerade demütig gemacht. Es hat ihn wahrscheinlich auf die Bahn gelenkt, auf der er im Jahr 2015 noch einmal zum härtesten Kritiker Merkels avancierte.

2004 stand Seehofer vor dem politischen Aus. Ein Jahr später kehrte er überraschend als Landwirtschaftsminister im ersten Kabinett Merkel in die Bundespolitik zurück. 2008 wurde er Ministerpräsident und zum Hoffnungsträger einer geschlagenen CSU. 2013 triumphierte er mit der Rückeroberung der absoluten Mehrheit in Bayern.

Er hatte als Einziger recht, er stürzte und kam zurück, er siegte glorreich. Solche Erfahrungen können süchtig machen, auch selbstsüchtig. Und überheblich natürlich. Jedenfalls hat Seehofer nach dem existenziellen Streit mit Angela Merkel seiner Intuition noch unbedingter vertraut als zuvor. Mit dem exklusiven Draht zum Volk fühlt er sich seinen politischen Konkurrenten, zumal der Kanzlerin, weit überlegen. In der Formel, seine Politik erwachse aus der "Koalition mit dem Volk", hat er später das Bündnis mit der Bevölkerung zu seinem Markenzeichen erklärt. Doch ungefährlich ist die Orientierung an der Stimmungslage nicht. Wer glaubt, er wisse, wie das Volk tickt, ist nicht nur verführt, seine Politik nach den erspürten Stimmungen auszurichten. Er tendiert auch dazu, andere Kriterien für vernünftige und verantwortliche Politik zu missachten. Wer die "Koalition mit dem Volk" pflegt, ist vom Populismus nicht weit entfernt.

Auch deshalb, nicht nur wegen der machtpolitischen Bedrohung, war Seehofer vom Aufstieg der AfD schockiert. Plötzlich betraten da Leute die politische Bühne, die auch Stimmungen witterten, sie jedoch weit rücksichtsloser als Seehofer schürten und ausbeuteten. Dass "seine" Kanzlerin den falschen Weg einschlug und dass die "Rattenfänger" davon profitierten, diese Konstellation hat Seehofer kirre gemacht.