Von Horst Seehofer, dem derzeit rätselhaftesten deutschen Politiker, ist überliefert, dass er ein bestimmtes Buch häufig liest und es gern Kollegen und Journalisten schenkt. Der Spiegel hat in seiner aktuellen Titelgeschichte noch einmal darauf aufmerksam gemacht. Es handelt sich um Stefan Zweigs Werk Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen – eine Biografie über den vermutlich wandlungsfähigsten und opportunistischsten Politiker, den die Weltgeschichte kennt. Fouché diente in der französischen Revolutionszeit der Kirche, den Girondisten, den Jakobinern, den Thermidorianern, Napoleon und schließlich der restaurierten Monarchie. Er witterte immer rechtzeitig einen Stimmungsumschwung, um dann im entscheidenden Moment die Fronten zu wechseln. Die wechselnden Ideologien, die er dabei annahm, waren lediglich Verkleidungen, unter denen sich das immer gleiche pochende Herz reinen Machtkalküls und blanker Strategie verbarg. Dass ethische Normen vor allem etwas Lächerliches sind, ist für Fouché selbstverständlich. Als Napoleon übereifrig den Herzog von Enghien entführen und erschießen lässt, kommentiert Fouché den Vorgang mit dem berühmten Satz: "Es war mehr als ein Verbrechen, es war ein Fehler."

Joseph Fouché war von dürrer und schmächtiger Gestalt, ein schlechter Redner (für Revolutionäre von Nachteil). Wohl auch deshalb besaß er in seinen unterschiedlichen Funktionen zwar ungeheure Macht – häufig als Zuflüsterer und Antreiber seiner Vorgesetzten, die er stets politisch und zumeist auch physisch überlebte –, lehnte das Repräsentieren selbst aber ab. Er begann als halbwegs gemäßigter Reformer, wandelte sich, um den Radikalen zu gefallen, zum blutrünstigen Schlächter im Paris-feindlichen und reaktionären Lyon (dort ließ er innerhalb kürzester Zeit pflichtschuldig 2000 Köpfe rollen), wurde zum Gegenspieler Robespierres, den er schließlich niederrang. Er war unter Napoleon mächtiger Polizeiminister, baute in Paris ein Heer von Spitzeln auf und erstellte ein bis dahin beispielloses Verzeichnis aller möglichen Staatsfeinde. Er verfasste in der Frühphase der Revolution eines der ersten kommunistischen Manifeste und gehörte später, auch dank geschickter Spekulationsgeschäfte, zu den reichsten Männern Frankreichs. 1809 darf sich Fouché, der einst mit letzter Brutalität Vermögen konfiszierte und das sozialistische Einheitsbrot propagierte, Herzog von Otranto nennen und erhält ein schönes Wappen.

Stefan Zweig kostet den Stoff romanhaft aus, die Revolutionsgeschichte selbst war schon fantastisch, der Charakter, den er vor Augen hatte, erst recht: Die Wendigkeit Fouchés war einmalig, die Abfolge seiner Niederlagen und seiner Wiederaufstiege ebenfalls. Und natürlich lässt sich dem Comeback als Lebensprinzip noch im demokratischen Berufsbeamtentum ein Funken Stolz abringen, aus der zähen Fähigkeit, sich einfach nie für immer wegschubsen zu lassen, egal woher der politische Wind weht. "Ich lag schon zweimal im Sarg", erzählte einmal Seehofer: "einmal aus gesundheitlichen Gründen, einmal aus politischen." Er spielte damit auf seine Herzerkrankung und auf eine politische Nahtoderfahrung an. Vor 14 Jahren lehnte er die von Angela Merkel geplante Kopfpauschale bei der Krankenversicherung als unsozial ab und verlor sein Amt als Vize-Fraktionschef – um bald darauf als Landwirtschaftsminister wieder glanzvoll auf die Bühne zu treten. Das Spielerische und Schalkhafte, die Neigung zum bösen Humor, die Seehofer nachgesagt wird, sind der Resignation, der Trauer eng verwandt. Nicht nur Fouché, auch Seehofer hat die Erfahrung gemacht, dass politische Manöver schon nach wenigen Jahren vollständig anders beurteilt werden können, mal gilt man als Links-, dann wieder als Rechtsabweichler, alles ist fragil und beweglich, der Weltlauf ist ironisch, die eigene Größe wird von der Öffentlichkeit erst spät gesehen und manchmal auch gar nicht. "Muss man erst sterben", fragte sich Seehofer gerade bei einer Bierzeltrede, "damit begriffen wird, dass es politische Weitsicht ist, wenn man erst Position A und später dann Position B vertritt?"

Fouché ging, schreibt Zweig, "nicht mit einer Idee, sondern mit der Zeit". Er ist das faszinierende Zerrbild des Politikers schlechthin. Was immer seit Machiavelli auch Düsteres über den Politikbetrieb gesagt werden kann, in Fouché hat es Gestalt angenommen: die Verlogen- und Verschlagenheit, die hehre Gesinnung als Schein, eine Machtversessenheit, die sich als Tugend tarnt, der Überlebensinstinkt als Triebfeder des Handelns, Herrschaft als Selbstzweck. Fouché, schreibt Zweig, genießt nur eins auf Erden: "die Lust an der Zwiefalt, den brennenden Reiz und die prickelnde Gefahr des Doppelspiels". Doppelspiel meint: Wenn zwei Parteien um die Vorherrschaft kämpfen, gilt es immer, solange es nur irgend geht, offenzuhalten, auf welche Seite man sich letztlich schlägt, ob man – um ein aktuelles Beispiel anzufügen – einen umstrittenen Geheimdienstchef fallen lässt oder nicht. Er sei Schachspieler, erklärte einmal Seehofer, "die anderen spielen ja alle nur Mühle".

Fouché ließ sich durch keine Demütigung, keine Niederlage je entmutigen

Zu den Grundsätzen der politischen Kasuistik seit der Antike gehört die Regel: "Das Verschwiegene kann man immer noch ausplaudern, es ist aber unmöglich, das Gesagte wieder zurückzunehmen" (Plutarch). Dazu gehört eine psychologische Befähigung, die nicht jedem gegeben ist: eine beharrliche Affektdisziplin. Und damit auch die Gabe, Demütigungen über lange Zeit mit Gleichmut zu ertragen. Belegt sind zahlreiche Wutausbrüche Napoleons, Amtsenthebungs- und Morddrohungen eingeschlossen, von denen sich Fouché nicht beeindrucken lässt, auch deshalb nicht, weil er stets genügend kompromittierendes Material über den Kaiser in der Hand hat, um über lange Zeit unangreifbar zu sein. Manchmal reicht da auch schon eine Andeutung, um sich zu immunisieren. Als Seehofer wegen einer außerehelichen Affäre in seiner Partei unter Druck geriet, sagte er über seine Gegner: "Ich bin gut informiert. Ich weiß viel. Ich habe viel Material."

Es fällt nicht sonderlich schwer, die ganz grundsätzliche Attraktion zu begreifen, die Zweigs Biografie noch heute bei einem Politiker zu entfalten vermag. Man kann durch die Lektüre, mit nur wenig Fantasie, die handfesten oder auch nur eingebildeten Intrigen von gegenwärtigen Gegnern erblicken und die nervöse Bösartigkeit selbst des engsten Umfelds (Seehofer: "Politik ist jeden Tag ein Spießrutenlauf"), sich in das melancholische Gefühl hineinsteigern, die Einsamkeit sei der Preis des politischen Geschäfts; vor allem kann man zu der tröstlichen Erkenntnis gelangen, dass die größte Unbeliebtheit mit der größten Begabung gut zusammenfallen kann. Etwas bedauerlich ist nur, dass die funktional differenzierte Politik der Gegenwart für die Inspiration durch Geschichtsschmöker so wenig geeignet ist. Die von zahlreichen Kontrollmechanismen durchsetzte Demokratie lässt dem Hasardeurhaften, erst recht dem Heroischen wenig Raum, der aktenselige Parlamentarier ist austauschbar, die Insignien der Macht sind unauffällig. Die ästhetische Fallhöhe hat Heiner Müller, der Revolutionen und Gegenrevolutionen auf die Bühne brachte, gut vermessen: "Mir fällt nichts zu einem Bundestagsabgeordneten ein. Das interessiert mich nicht." Vermutlich würde selbst Stefan Zweig das politische Wirken von Horst Seehofer (Agrarminister, Gesundheitsreform, Obergrenze) in keinen Pageturner verwandeln können.

Um den politischen Spieler ist es auch aus anderem Grund derzeit schlecht bestellt. Böse Scherze (wie die 69 Flüchtlinge, die an seinem 69. Geburtstag abgeschoben wurden) wirken im gesinnungsethisch aufgeheizten Klima, in dem viele die Demokratie gefährdet sehen, hoffnungslos deplatziert. Der risikobereite, manövrierfreudige Abenteurer wirkt wie eine veraltete Figur. Er gehört der Welt von gestern an, der politisch unkorrekten Welt von Gerhard Schröder ("Familie und das ganze Gedöns"), der Welt der Polenwitze von Harald Schmidt, des "Projekts 18" von Guido Westerwelle und so weiter. Bestimmt nur im Rückblick erscheint diese Zeit so wahnsinnig heiter und unbeschwert.

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