Wider die Sarrazinen!

Frage: Herr Bauer, in Ihrem neuen Buch kritisieren Sie, dass die Deutschen betriebsblind sind, was den Islam anbelangt. Wie kommen Sie darauf?

Thomas Bauer: Das Phänomen ist nicht nur in Deutschland anzutreffen. Sie finden es in ganz Europa. Der Islam wird von "Islamkritikern" nicht als Religion angesehen, sondern als rückständige und doktrinäre Ideologie, die sich mit den westlichen Werten angeblich nicht vereinbaren lässt. In diesem Kontext werden alle Muslime als religiöse Fanatiker diffamiert, die ihr mittelalterliches Menschenbild angeblich über die Welt verbreiten wollen. Allein die Wortwahl ist dabei entlarvend.

Frage: Inwiefern?

Bauer: Nehmen Sie nur den Mittelalter-Begriff, der gern im Zusammenhang mit dem Islam verwendet wird. Unter dem wird im Westen alles subsumiert, was mit unserem Verständnis von Fortschritt unvereinbar scheint. Wer behauptet, der Islam vertrete ein mittelalterliches Weltbild, geht von einem sehr europäischen Geschichtsverständnis aus: Am Anfang steht die glorreiche Antike, gefolgt vom finsteren Mittelalter, dem Wiedererwachen während der Renaissance und schließlich der Aufklärung als Wiege der Moderne. Gezwängt in dieses selbst für Europa reichlich schiefe und konstruierte Raster, wirken die islamischen Gesellschaften defizitär.

Frage: Dass sie nicht nur so wirken, sondern "mittelalterlich" sind, versucht Thilo Sarrazin gerade in seinem neuen Buch Feindliche Übernahme zu beweisen.

Bauer: Der Beweis muss allein schon deshalb misslingen, weil es gar keinen Bruch zwischen Antike und Mittelalter in der islamischen Welt gegeben hat. Während Europa nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches ein beispielloses Chaos erlebte, in dem das antike Wissen zum Großteil zerstört und vergessen wurde, schlossen die islamischen Gesellschaften nahtlos an die antike Bildungstradition an. Dabei bewahrten sie das antike Wissen nicht nur, wie man in Europa gerne behauptete, um dann von der intellektuellen Bühne wieder zu verschwinden. Muslimische Intellektuelle entwickelten das antike Wissen weiter und übertrumpften die römischen und griechischen Vorbilder teilweise bei Weitem. Etwa in der Mathematik.

Frage: Islamkritiker würden jetzt sagen: Alles längst vergangen.

Bauer: Schlimmer. Sie sagen: Alles gar nicht wahr. Das Islambild der Islamkritiker unterscheidet sich oft kaum von dem der Islamisten. Beide sind überzeugt, den Koran als Einzige verstanden zu haben. Wie die Islamisten ignorieren auch die Kritiker, was ihrer Vorstellung von Wahrheit widerspricht. Wie die Islamisten nehmen auch die Kritiker Geschichte dabei nicht so komplex und deutungsbedürftig, wie sie ist, sondern benutzen Geschichte lediglich als Verfügungsmasse, um ein Idealbild des Eigenen und eine Fratze des Fremden aus ihr zu formen. So bestätigen Islamkritiker und Islamisten sich gegenseitig und kaschieren beide, dass ihre Sicht auf die Welt keine Mehrheits-, sondern eine Minderheitenposition ist, die sich aus der islamischen Geschichte und Tradition nicht ableiten lässt.

Frage: Steile These. Können Sie die an einem Beispiel belegen?

Bauer: An vielen. Nehmen wir nur die Literatur. Da wird behauptet, eigenständige islamische Literaturen habe es nicht gegeben. Das trifft mich besonders, habe ich doch mein halbes Leben der Erforschung genau einer solchen Literatur gewidmet.

Frage: Und was ist so besonders an islamischen Literaturen?

Bauer: Sie sind reich, vielfältig, streng in der Form, thematisch jedoch nach allen Seiten offen. "Islamisch" im religiösen Sinne sind sie auch nur gelegentlich. Ein Großteil der klassisch arabischen Dichtung etwa des 7. bis 19 Jahrhunderts ist säkularen Inhalts. Gedichte dieser Ära handeln oft von Wein und Liebe zu einer Frau oder einem Mann. Die islamische Literatur ist eine große Feier der Freiheit und Schönheit.

Frage: Wie passt das zur religiösen Gängelung des Individuums, die Sarrazin und Co. dem Islam gerne unterstellen?

Bauer: Gar nicht. Die Literatur spiegelt die gelebte Liberalität, wie sie in den meisten Regionen der islamischen Welt über fast 1000 Jahre alltäglich war. Deshalb wird die Literatur auch von der Islamkritik gerne ignoriert oder marginalisiert. Sie ist der Beleg: Lange vor Renaissance und Aufklärung gab es im arabischen, persischen und türkischen Sprachraum einen literarischen Diskurs, der anspruchsvoll und weit gefächert war und eine gesellschaftliche Rolle spielte, die weit höher war als die Rolle, die Literatur in Deutschland spielte, sieht man von der deutschen Literaturbegeisterung des 19. Jahrhunderts einmal ab. In der arabischen Welt lasen nicht nur jahrhundertelang mehr Menschen Bücher als in Europa. Jeder Gebildete dichtete auch, nahm Bezug auf andere Autoren und war so Teil eines großen Austauschs von Argumenten und Wissen. Deshalb sind islamische Literaturen auch voller intertextueller Verweise. Die machen die Lektüre arabischer Lyrik manchmal zur einer intellektuellen Dechiffrier-Aufgabe. Vielleicht ist diese Lyrik deshalb in Europa heute weitgehend unbekannt.

"Eine dem Islam innewohnende Ambiguitätstoleranz"

Frage: Da haben Sie Ihre Erklärung für den blinden Fleck der Islamkritik: Sie weiß es nicht besser.

Bauer: Aber sie könnte es besser wissen, sie will nur nicht. Es ist ja nicht so, als würden die Deutschen sich zum ersten Mal mit dem Islam beschäftigen. Im 18. und 19. Jahrhundert ließ sich das intellektuelle Deutschland von muslimischer Poesie und Spiritualität inspirieren. Goethes Westöstlicher Diwan gehörte als Ausdruck dieser Faszination lange zum abendländischen Bildungskanon. Doch mit abendländischer Kultur kann die moderne Islamkritik genauso wenig anfangen wie mit islamischer Poesie. Stattdessen stürzt sie sich auf den Koran und die immer gleichen Suren. Die müssen dann als Beleg herhalten für die These, der Islam verherrliche die Gewalt und predige die Welteroberung.

Frage: Aber diese Suren finden sich nun mal im Koran.

Bauer: Natürlich gibt es sie. Aber es gibt auch Suren, die das genaue Gegenteil aussagen. Die den Gläubigen auffordern, friedfertig zu sein, maßvoll zu handeln und zu leben. Beides steht nebeneinander. Deshalb bringt es auch nichts, in den Koran eine Eindeutigkeit hineinzulesen, die seinem Wesen widerspricht. Der Koran ist kein Sachbuch, sondern ein religiös-literarisches Dokument, das nicht chronologisch geordnet ist. Der Koran entstand auch nicht irgendwo in der Wüste, sondern in einer Region, in der Christentum, Judentum und lokale Religionen in einem permanenten intellektuellen Austausch standen. Man muss den Koran deshalb als Kommentar in einem größeren Zusammenhang lesen – als Punkt in einem Diskussionszusammenhang über Religion in der Spätantike, der sich heute manchmal auch nicht mehr zur Gänze rekonstruieren lässt.

Frage: Hat Sarrazin dann nicht recht, wenn er schreibt, der Koran ist chaotisch?

Bauer: Nicht, wenn er suggeriert, dass sich unter dem vermeintlichen Chaos eine Wahrheit verbirgt, die alle anderen Lesarten ausschließt. Das ignoriert und widerspricht der Auslegungstradition, die in den islamischen Gesellschaften jahrhundertelang selbstverständlich war. Allein in unserer bescheidenen Münsteraner Institutsbibliothek füllen die Koran-Kommentare zwei Regalwände. Die Lust an der Deutung bezeugt die dem Islam genuin innewohnende Ambiguitätstoleranz.

Frage: Was heißt das?

Bauer: Ambiguitätstoleranz bedeutet, Vielfalt und Vieldeutigkeit nicht nur zu ertragen, sondern als kulturelle Grundvoraussetzung sogar zu begrüßen und zu fördern.

Frage: Dann gab es im historischen Islam Ihrer Meinung nach keine religiös-fundamentalistischen Reinheitsbewegungen, wie wir sie heute erleben?

Bauer: Natürlich gab es die. Aber sie waren die Ausnahme.

Frage: Hat sich Goethe wegen der Ambiguitätstoleranz verliebt in den Islam?

Bauer: Sicherlich übte die einen gewissen Reiz auf das intellektuelle Deutschland der damaligen Zeit aus. Dieser Reiz ging einher mit einer Faszination für das Fremde, das man eher als Bereicherung denn als Bedrohung empfand. Die stilistisch beste deutsche Koran-Übersetzung stammt aus jener Zeit, von Friedrich Rückert. Leider ist sie unvollendet geblieben.

Frage: Aber wie steht es um die islamische Ambiguitätstoleranz heute? Wie viele Ihrer Koran-Kommentare sind weniger als hundert Jahre alt?

Bauer: Zugegeben, der Sinn für Ambiguität ist in den islamischen Gesellschaften ziemlich geschwunden. In den letzten hundert Jahren gerieten die tragenden Eliten der Koran-Auslegung zunehmend unter politischen Druck, wurden entmachtet oder radikalisierten sich. Weltanschauliche Ambiguität verträgt sich nun mal schwer mit Nationalismus und Sozialismus, die als politische Ideologien aus Europa importiert wurden und den Nahen und Mittleren Osten tief prägten.

Frage: Ist der Diskurs heute tot in der muslimischen Welt?

Bauer: Tot nicht, er überlebt in der Nische, und der Koran wird noch immer kommentiert. Es gibt auch eine ambitionierte moderne arabische Literatur. Sie ist oft der einzige Platz in autoritär regierten Ländern, an dem kritische Diskussionen überhaupt noch geführt werden. Leider ist der Arabische Frühling fast überall gescheitert, und die Situation in vielen Teilen der Region hat sich nicht verbessert, sondern verschlechtert. Ägypten ist heute eine weit schlimmere Diktatur, als sie unter dem entmachteten Präsidenten Mubarak je war. Die Geisteswissenschaften führen ein Schattendasein, haben kein gesellschaftliches Prestige, sind unterfinanziert und werden staatlich gegängelt. Der Korridor des Sagbaren wird so enger und enger. Wirkliche Innovationen, auch in der Theologie und der Koran-Auslegung, kommen heute vielfach aus der Diaspora, aus den USA und Europa.

Frage: Aber wer soll die Innovation als solches erkennen in den Ländern, die es angeht, wenn dort der intellektuelle Diskurs erstickt wird?

Bauer: Das ist in der Tat ein Problem, wenngleich es nicht nur für die muslimische Welt, sondern in etwas anderem Maße auch für den Westen gilt.

"Die Verflachung des Wissens ist ein globales Phänomen"

Frage: Wie meinen Sie das?

Bauer: Es braucht nicht unbedingt einen Autokraten, um Vielfalt und Nachdenklichkeit zu beenden. Auch hierzulande lässt die gesellschaftliche Durchdringungskraft der Geisteswissenschaften merklich nach, schwindet der Sinn für Ambiguität, gedeiht die Sehnsucht nach einer Eindeutigkeit, die sich die Welt passend macht und mit Geschichte, Kontext, Ambivalenz nichts zu schaffen haben will.

Frage: Sie meinen, früher wussten die Deutschen immerhin noch, dass sie dem Islam etwas verdanken, auch wenn sie ihn für exotisch und letztlich unterlegen hielten?

Bauer: Ich meine, dass die Verflachung des Wissens ein global anzutreffendes Phänomen ist. Wissen wird heute oft durch Meinung, Information durch Skandalisierung ersetzt.

Frage: Ihr bekanntestes Buch handelt von der Vereindeutigung der Welt. Wann gibt es die Fortsetzung, in der Sie den Kulturverfall durchexerzieren am Beispiel Thilo Sarrazins?

Bauer: Das wäre ein sehr deprimierendes Buch.

Frage: Aber eines, mit dem man den Islamkritikern auf der Bestsellerliste Konkurrenz machen könnte.

Bauer: Differenzierte Argumentation ist eher ein Hindernis, wenn man auf Verkaufs-Bestsellerlisten kommen will. Übrigens gehen die Wurzeln der Islamkritik auch weiter zurück.

Frage: Bis wann genau?

Bauer: Bis ins Jahr 1979, dem Jahr der Revolution im Iran, die zur Gründung der Islamischen Republik führte. Die iranische Revolution war für den Westen ein Trauma: Zum ersten Mal brachten religiöse Fundamentalisten eine vom Westen unterstützte Diktatur zu Fall. Damit bewiesen sie: Das postkoloniale Herrschaftsmodell ist endlich. Und dann brach auch noch ein Jahrzehnt später die Sowjetunion zusammen.

Frage: Ist es nicht ein bisschen weit hergeholt, die moderne Islamkritk als Kollateralschaden des Mauerfalls anzusehen?

Bauer: Wenn man den Zusammenhang derart verkürzt, schon. Feststellen muss man allerdings: Nach dem Ende des Kalten Krieges kam dem Westen das Gegenüber abhanden. Deshalb brauchte es ein neues Feindbild, um die kontinuierlich steigenden Rüstungskosten zu rechtfertigen. Die politisch schwierige Situation in vielen islamischen Ländern kam da gerade recht. Islamistische Anschläge taten ein Übriges. Sie bestätigten und vertieften aus eigenen politischen Motiven das neue Feindbild des Westens.

Die Verflachung des Wisses ist heutzutage ein global anzutreffendes Phänomen.

Frage: Warum braucht es überhaupt ein Feindbild?

Bauer: Mit der Frage lassen sich ganze Bibliotheken füllen. Generell kann man aber sagen: Unser Fortschrittsdenken stößt zunehmend an seine Grenze. Die Energievorräte der Welt schwinden. Die Folgen des Klimawandels bekommt jeder Einzelne mittlerweile am eigenen Leib zu spüren. Der globalisierte Kapitalismus produziert zudem soziale Ungleichheit in einem lange nicht da gewesenen Ausmaß. Um unseren Fortschrittsoptimismus aufrechterhalten zu können, braucht es ein entsprechendes Gegengewicht: den vermeintlich mittelalterlichen, fortschrittsfeindlichen Islam, der übers Meer herübermacht, um uns unsere Kultur zu nehmen.

Frage: Dann sollte der Westen sich lieber in Kapitalismuskritik üben, statt, wie Bundesinnenminister Horst Seehofer, die Migration zur "Mutter alle Probleme" zu erklären?

Bauer: Das ist doch nur Wortgeklingel, um von dem eigentlichen Problem abzulenken.

Frage: Und das wäre ...

Bauer: Technisch gesehen verfügen wir über die nötige Kompetenz, die Krisen der Gegenwart und Zukunft zu meistern. Das Problem jedoch ist, dass wir zunehmend die kulturelle Kompetenz verlieren, unsere komplexe Umwelt richtig einzuschätzen.

Frage: Das war aber jetzt sehr kulturpessimistisch – und auch ein wenig allgemein.

Bauer: Dann machen wir es konkret: Angesichts der Tatsache, dass uns die Erde unterm Hintern wegschmilzt, ist eine Debatte über Kopftücher oder die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, fast schon obszön.