Im Jahr zehn der immer noch andauernden Finanzkrise tut sich Erstaunliches: In vielen Staaten der USA, in New York oder Pennsylvania, treten selbst ernannte Sozialisten zu den Vorwahlen an – und gewinnen. Diese Sozialisten haben nicht nur radikale Ideen jenseits von Liberalismus und Sozialdemokratie. Sie haben auch den Willen zur Macht und eine Strategie, wie man sie erobert.

Bhaskar Sunkara gehört zu den wichtigsten Exponenten dieser Bewegung. 2010 gründete er mit gerade einmal 21 Jahren, noch als Geschichtsstudent, das Magazin Jacobin. Die erste Ausgabe druckte er im Studentenwohnheim in Washington. Seitdem ist Jacobin zum Sprachrohr und zur Debattenplattform der amerikanischen Linken geworden. "Ich habe anarchistische Druckerpressen immer bewundert", sagt er lachend. "Mit Postillen gegen den Kapitalismus kämpfen!"

Der 29-Jährige sitzt in einem Café im New Yorker Stadtteil Brooklyn Heights, gleich neben den Redaktionsräumen. Draußen hasten junge, aufstrebende Kreative vorbei, sie umklammern die halblitergroßen Becher motivierenden Kaffees, die in den USA als klein gelten.

Sunkara spricht schnell, fast gehetzt, und zeigt eine gewisse Besessenheit von Zahlen. Statistiken über Umsatz und Auflage durchziehen seine Sätze. Jacobin soll "quantitativ wachsen", um zu einer Institution zu werden. Sunkara ist tatsächlich ein guter Geschäftsmann: Mit einer Mischung aus harten Analysen von Klassenzusammenhängen und Essays über eher popkulturelle Alltagsphänomene erreicht Jacobin im Netz pro Monat eine Million Leser. Mit 30.000 Abonnenten trägt sich das Magazin mit seinen zwölf Redakteuren selbst. Eine zweite Publikation, das eher wissenschaftliche Journal Catalyst, ist bereits auf dem Markt, nächsten Monat übernimmt Sunkara in Großbritannien die altehrwürdige Labour-Zeitschrift The Tribune, die Expansion in weitere Sprachen ist geplant. Und gerade veröffentlicht der Suhrkamp Verlag einen Sammelband mit den wichtigsten Essays aus Jacobin.

Bekannt geworden ist Jacobin mit provokanten Texten, die zur Schlachtung heiliger Kühe der amerikanischen Politik aufforderten. 2011 etwa verlangte ein Essay: "Verbrennt die Verfassung!" Zu den erfolgreichsten Texten gehören Artikel über Modephänomene wie die Instagramfotos von den Kindern Superreicher. Auch die langen Analysestücke sind in einer zugänglichen Sprache geschrieben, fast ohne den gefürchteten linken Jargon. Und immer wieder gibt es Artikel, die auf Texte liberaler Journalisten antworten, publiziert in anderen Magazinen.

Es müsse eine Alternative links dieses liberalen Mainstreams geben, findet Sunkara, auch wenn man selbstverständlich die liberalen Freiheitsrechte bewahren und sogar ausweiten müsse. "Sozialismus ist nicht gleich Antiliberalismus." Aber der Liberalismus könne sein Ziel, die individuelle Freiheit für den Einzelnen, niemals erreichen, solange der Kapitalismus dieser Freiheit immer im Weg stehe.

Doch was genau versteht er unter Sozialismus? In den USA ist der Begriff so vage, dass damit Gerhard Schröder ebenso gemeint sein kann wie Josef Stalin. "Dass die Arbeitenden die Produktionsmittel kontrollieren, natürlich", antwortet Sunkara. Er verortet sich weiter links als der eher gemäßigte Bernie Sanders, der sich für einen Sozialstaat skandinavischen Zuschnitts einsetzt. Wenn man die Erfahrungen der Sozialdemokratie in Schweden oder Frankreich betrachte, erkenne man, dass der Klassenausgleich, auf dem der Sozialstaat beruhe, kein Kompromiss sei – "sondern ein Geiseldrama". Sobald eine Krise ausbreche, kündige das Kapital den Kompromiss auf, um seinen Profit wieder zu sichern.

Darum geht es Jacobin vor allem: um Strukturen, Profitinteressen und Eigentumsverhältnisse. "Wir wollen die Linke zurückbringen zu einem traditionelleren Fokus auf Klassenpolitik", sagt Sunkara. Hinter dem Satz steckt die Debatte, die Amerikaner links der Mitte seit einiger Zeit gegeneinander aufbringt: ob die soziale Frage von den kulturellen Anerkennungsdiskursen verdrängt worden sei. So wurde den Anhängern von Senator Sanders das despektierliche Etikett "Bernie Bros." verpasst: weiße männliche Sozialisten, die Rassismus oder Sexismus auf einen Nebenwiderspruch reduzieren.