"Mich lockte etwas Uraltes, Namenloses. Das Töten gehört wie der Tod zu unserer Natur." © Maria Irl

Um das Töten machte ich mir keine Sorgen. Was man mich im Jagdkurs acht Monate lang lehren musste, war: eine Waffe zu halten. Mit ihr zu zielen. Und, hoffentlich, mit dem ersten Schuss tödlich zu treffen. Töten konnte ich schon. Wie überhaupt wir alle, Jäger oder nicht. Das Töten gehört, wie der Tod, zu unserer Natur. Wir vergessen das nur gern. So wie wir vorgeben, zu vergessen, wie das Fleisch und die Wurst in die Kühlschränke und Frischetheken im Supermarkt kommen.

Als ich in einem Magazin erstmals von meiner Jägerwerdung erzählte, schrieben mir die Leser. Aufgeregt, erbost, zerrissen. Einer verzweifelt: "Ich weiß nach der Lektüre Ihres Artikels nicht, was überwiegt, meine Hochachtung davor, dass Sie so offen über Ihre Jagdleidenschaft schreiben. Oder meine Verachtung für Ihr Tun." Er erlöste sich dann kurzerhand selbst aus dem Dilemma: "Ist ja auch eigentlich egal, auf jeden Fall sind Sie ein böser Mensch!" Ich sah mir das Profil des Herrn auf Facebook an. Er war jung, Ende zwanzig vielleicht. Er hatte schulterlanges Haar. Locken. Ein nettes Lachen. Trug Jeans und Sneakers. Lässig. Schrieb von Kunst, Musik und Freiheit. Ich dachte: Wie leicht man sich und die Menschen täuschen kann!

Wir sagen: "Wir lieben die Natur!" Aber was heißt das schon in einer Gesellschaft, die die Natur nur noch vom Vorbeifahren durch das Autofenster kennt. Und Tiere aus lustigen Facebook-Clips, in denen eine Löwin ihr Adoptiv-Antilopenkalb beschmust. Da atmen wir auf und rufen: "Schau, die Tiere sind in Wirklichkeit genau wie wir!" So machen wir uns die Liebe leicht.

Meine Jägerkarriere, wenn sie denn eine war, folgte einem jeder Logik entbehrenden Zickzackverlauf. Ich war das tierverrückte Kind eines Paares, das sich, um seine Sofas zu schützen, gegen jede Tierhaltung sträubte. Ich verzehrte mich nach einem Hund – meine Eltern gestatteten einen Wellensittich. Später einen Hamster. In meiner Verzweiflung baute ich zu allen Hunden der Nachbarschaft eine telepathische Verbindung auf, von der die Hunde möglicherweise nichts wussten. Meiner Vernarrtheit in Tiere zum Trotz schlich ich regelmäßig in den Wald und lag Stunden vor Kaninchenbauten auf der Lauer. Mit selbst gebasteltem Bogen und Pfeilen im Anschlag. Hätte ich geschossen, hätte einer der Hasenartigen sich aus dem Loch gewagt? Ich hätte ihn sogar gefressen!

Auf Plakaten an Bushaltestellen sah ich vor einiger Zeit die Veganer wettern. Gegen den Verzehr von Fleisch. Gegen das Trinken von Milch. "Human gewonnene Milch ist ein Mythos. Kauf sie nicht!", stand auf einem der Plakate. "Sie vertrauen uns. Und wir betrügen sie!" auf einem anderen. Das Betrüger-Plakat zeigte ein Ferkel, das sich von Menschenhand tätscheln lässt. Über einem Schaf, das freundlich durch einen Zaun schaut, stand: "Es hat nur ein Leben. Wird dein Abendbrot es ihm nehmen?" Ich dachte: gut möglich.

Denn einerseits fällt es mir, wie den meisten von uns, schwer, das freundliche Schafsgesicht mit dem Fleisch aus dem Supermarkt-Plastikpack in Verbindung zu bringen. Andererseits sind mir Lammkoteletts mit Knoblauch und Rosmarinzweigen so oder so eine Köstlichkeit.

Mit 16 schleppte mich einer erstmals mit auf die Jagd. Ich war Praktikantin in einem Hotel im Solling, einer wildreichen Landschaft in Mitteldeutschland. Der Hotelbesitzer und sein Koch gingen beide zur Jagd. Ich war wild darauf, sie zu begleiten. Der Chef bot sich als Erster an. Ein Waidmann wie aus dem Buche, außen wie innen: grüner Loden, blanke Stiefel, Tirolerhut. Korrekt, zuverlässig, starr. Der Mann war Ende zwanzig, in seinem Outfit sah er aus wie fünfzig. In den Wald fuhren wir in seinem tadellosen Audi. Die Waffen transportierte er korrekt im Kofferraum. Das war alles ganz richtig. Es fühlte sich nur nicht so an für mich, die hier irgendwie auf der Suche war. Stundenlang saß ich schweigend mit ihm im Wald, und wir schossen nichts.

Wäre der Koch nicht gewesen, ich hätte meine gerade erst keimende Jagdlust verloren. Der Koch sagte: "Das nächste Mal jagst du mit mir. Weil nämlich, dein Chef, das ist ein Jäger. Ich aber!" Er streckte die Brust vor: "Ich bin Jager!"