Markus Söder mag Tiere. Das dokumentiert er ausgiebig. Im August setzte er sich für den Welpen Idefix ein: "Der wartet im #Tierheim #Nürnberg auf ein neues Zuhause. Mit ihm hoffen derzeit über 600 Tiere auf neue Besitzer." Dann verkündete er, Bayern werde Tierheime künftig besser unterstützen, im Bild: Söder mit Hund. Er postet Bilder von Pferden auf Instagram, von einer weißen Taube. Ein Tierkind fehlt: Das Ferkel.

Wie es den Schweinchen ergeht, ist dem bayerischen Ministerpräsident und CSU-Spitzenkandidaten offenbar nicht ganz so wichtig. Seit Wochen versucht die bayerische Landesregierung, die Kollegen im Bundesrat davon zu überzeugen, dass Ferkel in Deutschland auch weiterhin ohne Betäubung kastriert werden dürfen. Noch ist es erlaubt, männlichen Ferkeln die Hoden einfach herauszuschneiden, und zwar ohne Betäubung. Weil es schonendere Alternativen gibt, hatte der Bundestag allerdings vor knapp fünf Jahren beschlossen, dass diese Praxis ein Ende haben muss. Vom kommenden Jahr an dürfen die Tiere nur noch unter Betäubung kastriert werden oder aber chemisch durch Medikamente. Das machte die Schweinezucht ein wenig teurer, zu teuer nach Ansicht vieler Schweinewirte. Sie wollen den Tieren auch künftig die Hoden ohne Betäubung abschneiden.

Seit Monaten mobilisieren die Bauern ihre Lobbys. Sie argumentieren, dass auch die lange Übergangsfrist nicht reicht. Was für viele stimmt – denn sie haben in den vergangenen fünf Jahren einfach abgewartet: im festen Glauben, dass schon irgendjemand die neuen Regeln in ihrem Sinne aushebeln werde. Im Frühsommer sah es kurz danach aus. Damals hatten die Ferkelhalter die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin für einen Vorstoß gewonnen. In einer geheimen Sitzung der Agrarkonferenz wollte die CDU-Politikerin ihre Kollegen aus den anderen Bundesländern für eine Gesetzesänderung gewinnen. Hätte das geklappt, hätte der Bundesrat still und leise einen Antrag verabschiedet und der Bundestag dem wahrscheinlich mit den Stimmen der großen Koalition auch zugestimmt. Ebenso still und leise.

Nachdem die ZEIT und andere Medien berichtet hatten, misslang der Versuch. Die Ministerin selbst musste kurz darauf wegen eines Skandals, ihren eigenen Betrieb betreffend, zurücktreten. Doch die Ferkelzüchter gaben nicht auf. Sie gewannen nun die bayerische Landesregierung für ihr Anliegen. Ende August wurde die Regierung von Markus Söder im Agrarausschuss des Bundesrates aktiv. Sie versucht seither einen Beschluss durchzusetzen, der den Züchtern weitere fünf Jahre Aufschub verschafft. Söder, der mitten im Wahlkampf zum Landtag steckt, will die Bauernlobby aufseiten der CSU wissen. Wenn es sein muss, auf Kosten seines grünen Images – und der Ferkel.

Im Ausschuss des Bundesrates bekam Söders Antrag zwar nicht die nötigen Stimmen. Aber noch ist die Sache nicht entschieden. An diesem Freitag stellt Bayern die Sache wieder zur Abstimmung, man brauche mehr Zeit für "Forschung", so eine der Begründungen. Warum es dazu in den vergangenen fünf Jahren keine Gelegenheit gegeben haben soll, schreiben die Bayern nicht. Und auch nicht, was Ferkel so besonders macht. Denn andere Tiere dürfen nicht ohne Grund und schon gar nicht ohne Betäubung kastriert werden. Welpen übrigens auch nicht. Da hat Idefix Glück gehabt.