So hatte sich Pierre Maudet, 40, Genfer Sicherheitsdirektor und ehemaliger Bundesratskandidat, ein Mann mit bubenhaftem Gesicht und großen Ambitionen, den Verlauf seiner Karriere nicht vorgestellt. Obwohl er genau wusste, was er getan – und vertuscht hatte.

Am 30. August gibt die Genfer Staatsanwaltschaft bekannt, dass sie gegen den FDP-Staatsrat wegen Vorteilsannahme ermitteln wolle. Der Straftatbestand verbietet Mitgliedern von Behörden und Staatsangestellten einen "nicht gebührenden Vorteil" anzunehmen. Es geht um eine Reise, die Maudet und seine Familie im November 2015 nach Abu Dhabi, in die Vereinigten Arabischen Emirate, gemacht haben – und zu der er sich vom Kronprinzen einladen ließ. Maudet, seine Familie und sein Stabschef flogen Businessclass, übernachteten in einem Luxushotel und schauten sich gemeinsam ein Formel-1-Rennen an. Die Staatsanwaltschaft schrieb in ihrer Mitteilung, Leute aus dem Umfeld der Genfer Immobilienbranche, die in Kontakt zu Maudet stünden, seien in die Organisation der Reise involviert gewesen. Sie habe mehrere Zehntausend Franken gekostet.

Martin Hilti ist Jurist und Geschäftsführer der Schweizer Sektion von Transparency International, einer Nichtregierungsorganisation, die gegen Korruption kämpft. Er sagt: "Der Fall Maudet ist höchst besorgniserregend. Es ist erstaunlich, dass so etwas überhaupt passiert ist – und mit welcher Unverfrorenheit Maudet sein Verhalten vertuscht hat." Er habe sich offenbar nicht nur Vorteile verschafft, sondern auch systematisch falsch informiert, sogar vor laufender Kamera. Allein ein solcher Verdacht sei "Gift für die Demokratie".

Maudet hat die Reise verschwiegen und, nachdem sie im Frühjahr öffentlich geworden war, noch immer gelogen, was die Finanzierung angeht. Erst nach der Mitteilung der Staatsanwaltschaft gab Maudet in einem Fernsehinterview zu, er habe schon vor der Abreise gewusst, dass er eingeladen sei und nicht privat, sondern als offizieller Staatsgast mit entsprechenden Treffen, nach Abu Dhabi reisen werde. Er bedaure sein Verhalten jedoch "zutiefst".

So ist Maudet, was den Einfluss von Geld auf die Politik angeht, in der Schweiz ein ungewöhnlicher Fall: Der Genfer Sicherheitsdirektor hat sich auf einen Ferientrip einladen lassen, ließ sich dabei erwischen und hat sich öffentlich entschuldigt. So weit kommt es selten. Geld wird im politischen Betrieb zwar häufig eingesetzt, aber meist subtiler, innerhalb der rechtlichen Schranken. Das zeigten unlängst Recherchen dieser Zeitung (ZEIT Nr. 38/18), die sich mit der Frage beschäftigten wie käuflich die Schweizer sind. Etwa am Beispiel von SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher: Die Chefin der Ems-Chemie und Tochter von Christoph Blocher sitzt für den Kanton Graubünden im Parlament in Bern. Die Zürcherin kauft sich die Gunst der Stimmbürger im Bergkanton mit großzügigen Spenden: als Sponsorin für ein neues Clubhaus eines Sportvereins, als Unterstützerin des Klosters Disentis oder des Bezirksmusikfestes Obersaxen. Anders als Maudet setzte sich Martullo damit nicht der Gefahr aus, sich strafbar zu machen.

Pierre Maudet ist jedoch nicht der einzige Schweizer Politiker, der in den vergangenen Wochen wegen möglicher Annahme verbotener Vorteile in die Schlagzeilen geriet.

Der Waadtländer Finanzdirektor Pascal Broulis, ebenfalls Mitglied der FDP, hat gemeinsam mit anderen Politikern mehrfach an Reisen nach Russland teilgenommen, die womöglich nicht er selbst, sondern der bekannte Pharma-Unternehmer, Mäzen und russische Honorar-Konsul Frederik Paulsen bezahlt hat. Der Geschäftsmann genießt in der Waadt großzügige Steuerprivilegien. Die Staatsanwaltschaft gab vergangene Woche bekannt, dass sie aufgrund der Russlandreisen eine Voruntersuchung einleiten möchte. Broulis teilte mit, er habe alle Kosten privat bezahlt.

Unter Korruptionsverdacht geriet auch Alt-SVP-Nationalrat Christian Miesch, dessen Immunität die Rechtskommission des Nationalrats Anfang September aufgehoben hat – ein historisch einmaliger Vorgang. Miesch steht im Verdacht, über 4500 Franken vom ehemaligen Botschafter und heutigen Lobbyisten Thomas Borer angenommen zu haben, um im Gegenzug einen Vorstoß zu dessen Gunsten einzureichen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Vorteilsannahme und passiver Bestechung. Miesch bestreitet die Vorwürfe.

Martin Hilti sagt: "Pierre Maudet, Pascal Broulis und Christian Miesch sind mit ihrem Verhalten leider in bester Gesellschaft, nur fliegen die meisten Fälle nicht auf." Sie sind schwierig nachzuweisen, weniger gravierend oder bleiben schlicht unbemerkt. "In der Schweiz herrscht viel zu oft eine ungesunde Kultur von Geschenken und Einladungen – und eine mangelnde Sensibilität in diesem Bereich", sagt Hilti. Dabei ist die Situation rechtlich ganz klar: Politiker dürfen nur Bagatellgeschenke entgegennehmen. Das bedeute "geringfügige, sozial übliche Vorteile, wie etwa ein Blumenstrauß oder auch ein Mittagessen", sagt Hilti. Und je nach Kontext könne auch schon ein Essen zu viel sein.

Transparency International setzt sich deshalb für striktere Regeln ein, aber auch für mehr Transparenz beim Lobbying und bei der Parteienfinanzierung. Die Organisation unterstützt die Transparenz-Initiative, die verlangt, dass Parteien in Zukunft ihre Finanzen offenlegen müssen. Der Bundesrat lehnt das Anliegen von SP, Grünen, EVP und BDP ab, weil es "zu wenig auf die Besonderheiten und die Komplexität des politischen Systems der Schweiz" Rücksicht nehme. Die Bevölkerung kann voraussichtlich 2020 darüber abstimmen.

Martin Hilti sagt: "Es braucht in der Schweiz einen Kulturwandel." Dazu benötige es Zeit, strengere Gesetze, aber auch ein konsequentes Handeln der Strafverfolgungsbehörden. Oft dauere es sehr lange, bis die Staatsanwaltschaft zu ermitteln beginne.

In Genf steht den Ermittlungen gegen Pierre Maudet nichts mehr im Weg, sobald das Parlament seine Immunität aufgehoben hat. Das Geschäft ist für heute Donnerstag traktandiert.