Schnell reichgerechnet – Seite 1

Bevor Jörg Wittke an die Arbeit geht, lässt er es noch einmal richtig krachen. Anfang Januar 2016 empfängt er seine künftigen Geschäftspartner und deren Anhang in einer Villa in einem noblen Vorort von Dubai. Mehrere Kellner bedienen die Besucher der Party. Eine Cateringfirma kümmert sich um das Buffet, erzählt ein Gast später. Wittke und seine Besucher feiern bis frühmorgens, planschen im Swimmingpool oder schwitzen wie Wittke in der Sauna. Manche Feierwütige schlafen bis zum nächsten Nachmittag in der Villa ihren Rausch aus, erzählt einer, der Wittke gut kennt.

Die Party im Januar ist das Finale einer tagelangen Geschäftsanbahnung. Die Stimmung der Partygäste kann jetzt nichts mehr trüben. Nicht einmal der Umstand, dass Jörg Wittkes Pläne wohl gegen das Gesetz verstoßen. Recherchen der ZEIT zeigen, dass Wittke offenbar dubiose Geschäfte mit der Kryptowährung Bitcoin vorhatte. Anleger sollen ihm und seinen Partnern über eine Milliarde US-Dollar anvertraut haben. Wittkes Machenschaften sind mittlerweile ein Fall für die deutsche Justiz. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt wegen gewerbsmäßigen Betrugs und etwaigen Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht.

Jörg Wittke ist kein gewöhnlicher Unternehmer. Seit 30 Jahren hat er sich auf sogenanntes Netzwerk-Marketing spezialisiert. Es ist die gleiche Vertriebsmethode, die auch Tupperware benutzt, um Kunden zu bekommen. Doch Wittke geht es nicht um Plastikdosen. Er will mit seinen Geschäftspartnern Menschen von Investitionen in das sogenannte Bitclub Network überzeugen.

Das Geschäftsmodell des Bitclub Network sieht vor, mit Investorengeldern Hightech-Rechner zu kaufen. Diese spezielle Hardware erzeugt mit ihrer Rechenleistung die Kryptowährung Bitcoin. Das Rechenzentrum des Bitclub Network soll in der isländischen Hauptstadt Reykjavík stehen, die dort erzeugten Bitcoins sollen täglich als Rendite an die Geldgeber aus Europa, Afrika und Asien ausgeschüttet werden. So lautet zumindest das offizielle Versprechen.

Mitglieder, die zusätzlich Leute anwerben, um zu investieren, kassieren Provision. Hier setzen Jörg Wittke und seine Mitstreiter an. Mit ihrer Erfahrung im Netzwerk-Marketing wollen sie möglichst viele neue Investoren in den Bitclub einschreiben, um hohe Provisionen einzustreichen. Einer, der bei den Gesprächen in der Villa von Wittke anwesend war, beschreibt die Situation so: "Es als Goldgräberstimmung zu bezeichnen wäre eher untertrieben. Es war Euphorie pur."

Wittkes Engagement hat sich für ihn und seine Geschäftspartner offenbar ausgezahlt. Auf seinem Facebook-Auftritt prahlt er, dass das Bitclub Network etwa zwei Milliarden US-Dollar im Jahr umsetzt. Einige der Führungskräfte seien schon zu Multimillionären geworden, schwärmt er weiter.

Mit acht Investoren hat die ZEIT gesprochen. Sie alle berichten davon, dass sie sich betrogen fühlen. Das Bitclub Network sei ein Schneeballsystem, behaupten vier Anleger. Die Regierung des US-Bundesstaats North Carolina veröffentlichte im Mai eine Investorenwarnung für den Bitclub.

Ein Investor erstattete nach Informationen der ZEIT vor Kurzem Anzeige wegen bandenmäßigen Betruges bei der Kantonspolizei in Zürich. Auch die Staatsanwaltschaft Eisenstadt in Österreich beschäftigte sich mit dem Bitclub Network, stellte die Ermittlungen allerdings ein.

Im Internet häufen sich weitere Stimmen, die das Bitclub Network des Betruges bezichtigen. Thomas Kaysh macht seinem Ärger im Netz Luft. Der 58-jährige Arbeitssuchende aus Hamburg arbeitete früher für eine Hypothekenbank. Er interessiert sich seit mehreren Jahren für Kryptowährungen wie den Bitcoin.

"Das ist alles sehr geschickt eingefädelt"

Im Frühjahr 2017 bekam Kaysh eine Nachricht auf der Karriereplattform Xing. Der Absender war ein Mitglied des Bitclub Network. Er schwärmte Kaysh darin vor, "komplett von zuhause aus, ein optimales, passives und sogar wöchentlich (!) kontinuierlich steigendes Zusatzeinkommen aufzubauen". Auf Thomas Kaysh wirkte das Angebot attraktiv. Er telefonierte mit dem Verfasser der Nachricht. Dieser berichtete Kaysh vom Bitclub Network. Der Anwerber habe ihm zudem eine Verdopplung seiner investierten Bitcoin in 1.000 Tagen versprochen, sagt Kaysh. Auch Jörg Wittke ködert potenzielle Anleger mit einer angeblichen Verdopplung des Geldes innerhalb von 1.000 Tagen.

Thomas Kaysh glaubte seinem Anwerber und investierte Bitcoin im Wert von etwa 24.000 US-Dollar in Anteile des Bitclub. Investitionen schreibt der Bitclub zwar in US-Dollar aus, akzeptiert aber nur Bitcoin als Zahlungsmittel.

Am Anfang lief noch alles gut. Dann begann Kaysh nachzurechnen. Die täglichen Ausschüttungen seien immer geringer geworden, sagt Kaysh. "Ich merkte, dass ich meine investierten Bitcoins gar nicht mehr wiederbekomme." Es wurden also nicht mehr, sondern weniger Bitcoin. "Das ist der böse Trick, den die machen. Der Bitcoin-Kurs ist zwar in den letzten Jahren gestiegen, und damit sind die Bitcoins mehr wert, aber durch Investitionen im Bitclub Network verliert man effektiv Bitcoins", sagt Kaysh.

Kaysh stellte im Oktober 2017 Anzeige und schaltete wenig später eine Rechtsanwältin ein, um zivilrechtlich gegen seinen Anwerber vorzugehen. "Ich habe mich damals blenden lassen und war blauäugig", gesteht Kaysh. Seine Anwältin Sarah Wagner-Arendt sagt: "Das ist alles sehr geschickt eingefädelt. Die beim Bitclub sind keine Anfänger."

Damit es anderen Investoren nicht wie ihm ergeht, warnte Kaysh nun in etlichen Internetforen vor dem Bitclub Network. Er gründete zudem eine Facebook-Seite, um seine schlechten Erfahrungen öffentlich zu machen. Einige Verantwortliche des Bitclub, so vermutet es Kaysh, störte das. Unbekannte versuchten Kaysh mehrmals einzuschüchtern. Im Internet versuchte ein Unbekannter ihn als geisteskrank zu diffamieren. Im Juni schrieb jemand unter Kayshs Namen der evangelischen Diakonie Hamburg und behauptete, er sei süchtig nach Kokain und deshalb akut suizidgefährdet.

Davon lässt sich Kaysh aber nicht einschüchtern. Denn bei einer Sache ist er sich sicher: "Bitclub Network ist Betrug."

Unterlagen der Staatsanwaltschaft Hamburg, die der ZEIT vorliegen, scheinen Kayshs Ansicht zu bestätigen. Bei den Dokumenten handelt es sich um zwei schriftliche Aussagen eines Augenzeugen. Die angeblichen Hochleistungsrechner auf Island seien demnach überhaupt nicht im Besitz des Bitclub, sondern nur angemietet. Die fremde Hardware hätte man dann mit Schildern und Aufklebern des Bitclub versehen, um so misstrauische Investoren zu täuschen. So berichtet es der Zeuge. Das isländische Handelsregister scheint ihm recht zu geben: Ein Bitclub Network taucht dort nicht auf.

Jörg Wittke will zu allen Vorwürfen gegen ihn und den Bitclub weder schriftlich noch telefonisch Stellung nehmen. Auf mehrere Anrufe und einen schriftlichen Fragenkatalog der ZEIT reagierte er bis Redaktionsschluss nicht.

Dass es den Verantwortlichen des Bitclub Network offenkundig um möglichst hohe Provisionszahlungen geht, wird an anderer Stelle ebenfalls sichtbar. Jörg Wittke veranstaltete Anfang dieses Jahres ein Online-Seminar für Mitglieder des Bitclub. Darin teilte er mit, dass das Erzeugen von Bitcoin, also die eigentlich gewinnbringende Geldanlage, "keinen Toten" interessiere. Stattdessen sollten sich die Bitclub-Mitglieder auf das Netzwerk-Marketing konzentrieren, da man auf diese Weise "wahnwitzig viel Geld" verdienen könne.

"Wir handeln nicht betrügerisch"

Wittke ist in der Netzwerk-Marketing-Branche bekannt. Nach eigenen Angaben ist er seit über 30 Jahren in diesem Geschäft aktiv. Früher arbeitete er für das Unternehmen Forever Living Products, welches unter anderem Säfte und Cremes mit Aloe vera vermarktet. Wittke schreibt 2004 sogar ein Buch über seine Erfahrungen. Der Titel: Forever Living Millionär. Erfolg ersetzt alle Argumente. Darin konstatiert er: "Sobald ich die Worte ›Geld verdienen‹ höre, schalten alle körperlichen Systeme auf höchste Konzentration."

Eine Einstellung, die er offenbar beibehält. In WhatsApp-Protokollen kurz nach der Feier in Dubai Anfang Januar 2016 schrieb er: "Klasse-lasst uns den Menschen helfen ihr hart Erspartes zu sichern und zu mehren (WIR SIND DIE GUTEN)."

Ein weiteres Mitglied in dieser WhatsApp-Gruppe ist Mustafa B. Er fungierte offenbar als Wittkes rechte Hand im Bitclub Network, das geht aus den Unterlagen der Staatsanwaltschaft Hamburg jedenfalls hervor. Er schrieb in der WhatsApp-Gruppe im Januar: "Yes!!! Job unseres Lebens Brüder."

Mustafa B. lebt im Gegensatz zu Jörg Wittke offenbar noch in Deutschland. Hier geht er auch auf Kundenfang. Am 5. August 2017 traf sich Mustafa B. in einem Viersternehotel in Hannover mit Fabienne und Erik Sedlhuber. Er wollte beide in den Bitclub einschreiben. Mustafa B. bestellte für sich und die Sedlhubers Wein, im Edelrestaurant Hugo’s dann mehrere Flaschen Champagner, Marke Dom Pérignon. Das erzählt das Ehepaar Sedlhuber heute.

Insgesamt soll er mehr als 3000 Euro an diesem Tag ausgegeben haben, um die Sedlhubers zu überzeugen. B.s Masche geht offenbar auf. Das Ehepaar vertraute ihm und investierte Bitcoin im Wert von etwa 9000 Dollar. "Ich hatte Dollarzeichen in den Augen. Wäre meine Frau nicht gewesen, hätte ich 100.000 investiert", sagt Erik Sedlhuber. Das Ehepaar warb außerdem noch zwei ihrer Bekannten für das Bitclub Network an. Die investierten zusätzlich mehr als 14.000 Dollar in den Bitclub.

Gewinn haben die Sedlhubers mit ihren Anlagen nicht erzielt, sagen sie. Heute schämen sie sich dafür, Bekannte in den Bitclub hineingezogen zu haben, und möchten deshalb nicht mit echtem Namen genannt werden.

Mustafa B. bestreitet alle Vorwürfe. "Wir handeln nicht betrügerisch", sagt er auf Anfrage. Alle Anschuldigungen gegen ihn und den Bitclub seien an den Haaren herbeigezogen.

Ihre Investitionen bekommen die Sedlhubers wahrscheinlich trotzdem nicht komplett zurück. Doch wohin fließen ihre Einzahlungen? Jörg Wittke wohnt in Dubai. Das Bitclub Network firmiert laut Vertragsunterlagen allerdings auf der winzigen Karibikinsel Nevis. Dort leben lediglich etwas mehr als 11.000 Menschen. Die Hauptstadt Charlestown besteht zu einem großen Teil aus einfachen Holzhäusern. Doch der Eindruck täuscht: Der Inselstaat St. Kitts und Nevis ist ein Steuerparadies, in dem Firmeneigentümer beispielsweise Jahresabschlüsse nicht öffentlich machen müssen. Betreibt eine Firma dort zudem keine Geschäfte mit Einwohnern der Inselstaats, muss sie keine Steuern zahlen.

Neben dem angeblichen Firmensitz in einem Steuerparadies sichert sich das Bitclub Network zusätzlich vertraglich gegen Forderungen renitenter Investoren ab. Demnach sollen Streitigkeiten zwischen Anlegern und Verantwortlichen vor einem Schiedsgericht auf der Isle of Man oder in der philippinischen Hauptstadt Manila geklärt werden. Auf sonstige Rechtsansprüche vor Gericht verzichten die Mitglieder. Die Vertragsunterlagen liegen der ZEIT vor.

Deutsche Behörden haben es schwer, gegen solche Konstrukte anzukommen. Wenn sie es denn überhaupt versuchen.

Thomas Kaysh schreibt im Oktober vergangenen Jahres der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht in Bonn, kurz BaFin. Die Behörde überwacht Finanzanbieter in Deutschland. Kaysh beschwert sich bei den Beamten über das Bitclub Network und bittet die BaFin, die Zulässigkeit der Finanzprodukte des Bitclub zu überprüfen. Die Behörde antwortet ihm, sie sei nicht zuständig. Die Begründung: Das Erzeugen von Bitcoins stelle in Deutschland kein erlaubnispflichtiges Geschäft dar.