2009: Sophie Hunger featured by Rolf Sachs im Vampir-Club

Rolf Sachs wohnt im alten Olympiastadion von Sankt Moritz, dort ist er ein splendider Gastgeber, auch ohne Fotograf und ohne Auflagen, das Interview später autorisieren zu wollen. Ein bisschen stolz ist er sichtlich, nicht auf das umgebaute Gebäude, das er den St. Moritzern in einer Volksabstimmung vor zwölf Jahren abtrotzte, stolz ist er auf ein anderes Engagement: Sachs, Investmentbanker, Objektkünstler, Sohn im Nebenberuf, liebt dieses seltsame Cannes der Berge, begreife es, wer es begreifen kann. Aus reiner Liebe, das heißt aus Sorge um den Ruf des Orts als Mekka der Pudel, Pinscher und Partys, hat er das Festival Da Jazz ins Leben gerufen. Dort trat am 1. August 2009 eine mir unbekannte Schweizer Sängerin mit Gitarre auf, Sophie Hunger. Sie spielte unplugged. 200 Menschen im Dracula Club wurden still.

2010: Ai Weiwei und in Luzern sang eine Amsel

Der populärste Chinese außerhalb Chinas saß wie ein emeritierter Buddha in der stillen Galerie, als ich zu ihm vorgelassen wurde. In Luzern zeigte er seine Werke, und dabei schien er sonderbar allein. Vor dem Fenster sang eine Amsel, es war Frühling. Ai Weiwei mochte an diesem Sonntag 2010 nicht reden, stattdessen begann er mit seinem Handy zu fotografieren, die Luft, die Amsel, sich selbst. Dann läuteten die Kirchenglocken. Ai hat auch das Läuten fotografiert, schien mir. Er hatte Urlaub von seiner Rolle als Wortführer der neuen kulturellen Revolution. Doch was bleibt von einem, wenn er plötzlich keine Rolle mehr spielt?

2011: Christoph Blocher und Jean-Claude Juncker im Streitgespräch

Es war Anfang 2011, und die Schweiz probte noch einmal die alte Schlacht am Morgarten: Im Schauspielhaus Zürich fand das Duell zwischen dem fremden Vogt und dem Freiheitskämpfer statt. Anpassung oder Widerstand gegen die EU, das war die Frage. Christoph Blocher, Alt-Bundesrat und Parteistratege, traf auf Jean-Claude Juncker, Europäer. Der SVP-Politiker hatte den Mann aus Brüssel im Vorfeld mit Hitler verglichen, die Polizei sah sich vor und rechnete mit Bombendrohungen. Das Theater war seit Wochen ausverkauft, die Medien verhielten sich ortsunüblich hysterisch.

Doch die Enttäuschung der Journalisten war groß, als sie im Publikum bis zum Schluss keine Invasoren erblickten. Auffallend war lediglich eine soignierte Dame mit verdächtigem Gepäck, es war Silvia Blocher. Ich weiß bis heute nicht, was sie derart Voluminöses in ihrer Handtasche durch den Abend trug und schob. Das Gepäckstück nämlich blieb verschlossen, genauso wie die Einsicht ihres Mannes blieb, der Fremde mit ihm auf der Bühne wolle ihm Böses. Es war eine kalte Winternacht, auch für die europäische Frage.

2014: Julia Häusermann, "a star was born", eine Drama-Queen

Julia Häusermann hat vergangenes Jahr geheiratet. Nichts Besonderes eigentlich, unter anderen, normalen Umständen. Doch normal sind die Lebensumstände von Frau Häusermann nicht, sie lebt mit Trisomie 21, dem Downsyndrom, einer Chromosomen-Anomalie. Ihr Partner ist Autist. Die beiden haben sich auf der Theaterbühne kennengelernt, sind ausgebildete Schauspieler, möchten als Paar Kinder haben – und sie stehen am liebsten im Scheinwerferlicht.

Julia Häusermann spielt und tanzt am Zürcher Theater Hora. In der Produktion Disabled Theater, einem Abend in der Regie des Choreografen Jérôme Bel, war sie der unangefochtene Star. Sie war mein Bühnenstar. Und sie war der Star des Berliner Theatertreffens 2014. Der Großschauspieler Thomas Thieme überreichte ihr den Alfred-Kerr-Preis als beste Darstellerin des Bühnenjahres. Im Rahmen der Jurybegründung wurde erwähnt, die Häusermann sei "authentisch". Was für ein Irrtum!

Glaubt man das, weil sie, als Freak, zwischen Rolle und Selbst nicht unterscheiden können soll? Wer Julia Häusermann privat kennengelernt hat, weiß, sie ist eine Drama-Queen, ein Showtalent! Bewusst spielt sie mit unserer Befangenheit im Umgang mit Menschen, die anders sind als wir. Bingo, Julia, du bist die Antwort auf unser sozialromantisches Glotzen, wenn du dir auf der Bühne eine Träne abringst. Wir sollen sie nämlich nicht für dich, sondern um uns selbst weinen.

2014: Peter Zumthor, der sture Bock unter den Architekten

Meine Hände waren schwitzig, als wir im Herbst 2014 endlich gemeinsam am großen Tisch saßen. Er, eine Autorität als Architekt, für sein Lebenswerk mit dem renommierten Pritzker-Preis geehrt. Unser Gespräch war lange geplant und oft verschoben, Peter Zumthor gilt als schwierig. Das stellt er natürlich in Abrede. Er möchte lediglich seine Zeit nicht mit Belanglosigkeiten verplempern. Wer so erfolgreich wie er ist, muss keine Kompromisse machen.

Sein Atelier in Haldenstein bei Chur war viel kleiner als gedacht; seine Erscheinung war keine Erscheinung, sondern lediglich eine beiläufige Präsenz. Peter Zumthor, ein langes Gesicht, schien geradewegs aus der Meditation erwacht, trug eine Art Kaftan und unter dem Hemd pluderten Hosen, die man ihm nicht anempfohlen hätte, wäre man denn gefragt worden.

Er redete am liebsten über seine Arbeit in Perm und in Katar, und gegen Ende des Gesprächs sagte er: "Vor 40 Jahren habe ich noch geglaubt, dass ich alles beeinflussen könne. Aus der Rückschau sehe ich, dass es nicht so ist." Dann sprach er davon, auf einem Bergfriedhof begraben werden zu wollen. Er hatte auch schon den Plan dafür im Kopf, sah bereits die Sonne auf die Steinmauern fallen und die Steinbank, auf die man sich setzen sollte, käme man vorbei. Und ich dachte mir: "Dort möchte ich einmal sitzen, Peter Zumthor, und an diesem Tag hörst du mir zu."